Der Unterschied zwischen dir und dem Rest der Welt

Sei dir selbst dein*e beste*r Freund*in!
Sei dir selbst dein*e beste*r Freund*in!

Es gibt viele seltsame Phänomene auf der Welt. Eins davon ist, dass Menschen dazu neigen, einen himmelweiten Unterschied zwischen sich selbst und anderen Menschen zu machen. Sichtbar wird dieses Phänomen, wenn es um die Bewertung und Einordnung aller möglichen Vorkommnisse im Leben geht. Während wir anderen mit Geduld, Verständnis, Ermutigung und Trost begegnen, haben wir für uns selbst oft nur das genaue Gegenteil übrig. Warum ist das so? Und vor allem: Wie hört man damit auf?

Es ist skurril, dass wir alle ein grundsätzliches Interesse daran haben, möglichst gut und angenehm durchs Leben zu kommen, uns aber mit oft extrem rigiden Disziplinarmaßnahmen und vernichtenden Urteilen selbst ins Bein schießen, mit der Absicht, uns damit anzutreiben. Nie würde ich auf die Idee kommen, einer Person, der ich absolut Gutes und die ich gedeihen sehen will, die sich vergnügt und gut aufgehoben, angenommen und unterstützt fühlen soll, die Dinge zu sagen, die ich mir selber manchmal erzähle.

Ausgerechnet die Menschen, die ein scheinbar nicht endendes Kontingent an Mitgefühl, Ermunterung und Empathie für ihre Mitmenschen haben, können unfassbar grausam mit sich selbst umgehen. Das kann einen schon stutzig machen. Was denkt diese Person denn nun wirklich? Kann sein, dass diese Leute genau das anderen zukommen lassen, was sie sich für sich selbst wünschen. Aber das ist nur so eine Idee.

Selbstmitgefühl – freundlich, aber bestimmt

Egal welche Sorte Unglück uns widerfährt – wie wir darüber denken, lässt sich grob in zwei Arten aufteilen: Die eine ist urteilend, negativ, einseitig und persönlich. Dies ist häufig die Tendenz unseres Denkens über uns selbst. Die andere Art zu denken, derer sich unsere Freunde und Menschen bedienen, die uns Gutes wollen, ist sehr viel ausgewogener, vielseitig, positiv, nachsichtig und konstruktiv. Wo wir glauben, einen handfesten Beweis für unser Versagen als Person im Allgemeinen gefunden zu haben, sehen andere die mannigfaltigen Faktoren, die zu unserer misslichen Lage geführt haben kann. Zudem sind sie fähig, unsere Person weiterhin in ihrer Gesamtheit zu sehen, anstatt lediglich die Fehler mit Rotstift zu markieren und überdimensional zu betonen.

Tee trinken und mitfühlende Gespräche funktionieren auch mit sich selbst.
Tee trinken und mitfühlende Gespräche funktionieren auch mit sich selbst.

Die Frage, mit welcher Methode man besser fährt, ist leicht zu beantworten. Trotzdem ist es nicht leicht, zu sich selbst genauso freundlich zu sein, wie wir es zu anderen sind. Irgendwo auf dem Weg haben viele von uns gelernt, dass man sich selbst motiviert, indem man „sich in den Arsch tritt“. Dass man sich Fehlverhalten austreibt, indem man die Missetat hundertmal aufschreibt. Aber so ganz zeitgemäß ist das nicht. Als würden wir besser verstehen und mit gutem Gefühl an etwas herangehen, wenn uns jemand anschreit.

Freundliche, aber bestimmte Worte in angemessener Lautstärke sind zielführender. Wir laufen keinerlei Gefahr, von unseren Sofas verschluckt zu werden, nur weil wir beginnen, einen freundlichen Umgang mit uns selbst zu pflegen. Dich selbst zu respektieren, bedeutet nämlich auch, gut auf dich zu achten. Es gibt einen weiten Bereich, der sich zwischen den Extremen, sich selbst komplett gehen zu lassen und einem Bootcamp für eine Person befindet. Selbstmitgefühl hat weder etwas mit Selbstmitleid zu tun, noch ist es eine Entschuldigung, uns nicht anzustrengen oder uns selbst alles zu erlauben.
Es ist ein verantwortungs-, respektvoller und fürsorglicher Umgang mit uns selbst, der unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden im Blick hat. Dies bedeutet auch, Dinge zu tun, auf die wir gerade vielleicht keine Lust haben, von denen wir aber wissen, dass sie uns langfristig gut tun.

Sanftmut tut gut

Manchmal sagen Leute liebe Sachen zu einem und man denkt, die sagen das „nur so“. Nur aus Höflichkeit. Die wollen „nur“ nett sein. Aber was heißt eigentlich „nur“ aus Höflichkeit? Immerhin sind sie nett und das ist doch etwas sehr Schönes. Außerdem hat Höflichkeit eine Facette von Respekt. Und das ist ja nicht unbedingt das Schlechteste. Im Gegenteil!

Höflichkeit und Nettigkeit sind also durchaus wertzuschätzen. Zudem ist es in jedem Fall hilfreicher, eine gesichtswahrende Maßnahme anzunehmen, anstatt darauf zu bestehen, eine Schieflage auf all ihre düsteren Facetten hin zu analysieren.

Der Unterschied zwischen dir und dem Rest der Welt? Es gibt vermutlich keinen.
Der Unterschied zwischen dir und dem Rest der Welt? Es gibt vermutlich keinen.

Wenn du nicht selbst betroffen bist, hast du den nötigen Abstand, der es dir leicht macht, besonnen, diverse Faktoren einer Situation abwägend, wohlwollend und konstruktiv zu reagieren. Tatsächlich sind diese Strategien auch die erfolgversprechendsten und jeder tut gut daran, nicht nur anderen, sondern auch sich selbst gegenüber so sanftmütig gegenüber zu sein.

Vor Selbstliebe kommt Selbstmitgefühl


Der Unterschied zwischen dir und dem Rest der Welt. Ja, wo ist er denn? Wenn du lange und hart und wirklich gut nachgedacht und einen Unterschied gefunden hast, dann kannst du ihn mir gerne nennen. Ich finde keinen.
Wir sind weder besser, noch schlechter als der Rest der Welt. Wir sind alle ein bisschen super und ein bisschen daneben. Und ab und zu schlägt die Amplitude mal besonders stark in die eine oder andere Richtung aus. So einfach ist das.

Selbstliebe ist nicht Champagner schlürfend in der schaumigen Badewanne mit Gurkenscheiben auf den Augen. Selbstliebe ist vielleicht auch etwas hoch gegriffen, wenn man bedenkt, dass viele Menschen bereits bitter enttäuscht von sich selbst sind, wenn sie ihre übertrieben vielen To-dos einer Liste nicht komplett abgearbeitet haben. Von dort zu Selbstliebe ist wie vom Nichtschwimmer direkt zum Rettungsschwimmer. Ausgerüstet mit grundlegendem Respekt vor sich selbst, kann man sich langsam in das schöne Land des Selbstmitgefühls vorarbeiten. Da gibt es erst mal eine Menge zu gucken und zu lernen. Ob man dann noch weiter zur Selbstliebe kann, muss oder will, wird sich zeigen.

Deine Gespräche mit den Liebsten sind eine gute Vorlage für deinen inneren Dialog.

Zusammenfassung: Selbstliebe ist der verdammte Kopfstand all der Dinge die mit „Selbst-“ anfangen. Fang mit „Happy Baby“ an. Die Qualität unseres Verhältnisses zu uns selbst lässt sich nicht am Preis der Gesichtsmaske festmachen, sondern am Ausmaß der Fürsorglichkeit, die wir für uns selbst aufbringen.

Nun zurück zur Frage, wie man damit aufhört: Grob gesagt: erst feststellen, dann einstellen.

  1. Fang mit den leicht feststellbaren Dingen an. In diesem Fall musst du einfach nur zuhören, was du laut sagst. Bedeutet: Hör auf, über dich selbst schlecht zu reden und das auch noch laut. Mittlerweile habe ich mir angewöhnt, jedem*r zu sagen: „Das sagt man nicht“ wenn ich höre, dass jemand mit sich selbst schimpft oder in irgendeiner Form selbst beleidigt.

    „Mensch, bin ich blöd!“ ist sicherlich nicht die schlimmste Bezichtigung, aber eine die man öfter mal hört. Dahinter steckt eventuell ein etwas unbeholfener Versuch, einem befürchteten negativen Urteil anderer zuvorzukommen. ‚Wenn ich bereits gesagt habe, dass ich blöd bin, müssen die anderen es nicht mehr tun. Vielleicht finden sie mich schlauer, wenn ich demonstriere, dass ich schon von allein drauf gekommen bin, dass mit mir etwas nicht stimmt.‘ Vielleicht nehmen andere aber auch einfach eine Person wahr, die offensichtlich nicht gut mit sich selbst umgeht.
  2. Für Fortgeschrittene: Stimmen hören. Nicht jeder kann die Stimmen eindeutig vernehmen, die den ständigen inneren Dialog führen. Zu versuchen, wirklich zu hören, was da gesagt wird, ist nämlich gar nicht so einfach. Aber wahrzunehmen, was für Informationen, Meinungen, Glaubenssätze, Urteile und Verunglimpfungen da überhaupt verbreitet werden, ist ein wichtiger Schritt, um in weiteren Schritten erlösende Gegenargumente sammeln zu können.
  3. Manchmal frage ich Leute, denen ich gerne helfen möchte, wie sie mir helfen würden, wenn ich ihnen erzählt hätte, was sie mir gerade erzählt haben. Falls das jetzt verwirrend war, die Frage lautet: „Was würdest du mir sagen, wenn ich dir gerade erzählt hätte, was du mir erzählt hast?“ Darauf gibt es meist kuriose Antworten und es wird deutlich, wie unterschiedlich die Bewertungen ablaufen.
  4. Für richtig Fortgeschrittene: Frage dich selbst, was du jemandem sagen würdest, wenn es nicht deine Geschichte wäre, sondern die von jemand anders. Stell dir vor, was auch immer der unglückliche Umstand ist, sei nicht dir, sondern einer Person widerfahren, der du von Herzen das Beste wünschst.
  5. Tröstende, unterstützende Worte sind so viel überzeugender von Personen, von denen du weißt, dass sie auch eine respektvolle Beziehung zu sich selbst pflegen. Jemandem, der wegen vernachlässigbarer Lappalien zu traurigen Urteilen neigt, nimmt man einfach nicht ab, dass er*sie über einen selbst ganz anders denkt.

Wer sich mehr mit dem wichtigen Thema „Selbstmitgefühl“ beschäftigen möchte, dem sei das Buch von Kristin Neff: Selbstmitgefühl: Wie wir uns mit unseren Schwächen versöhnen und uns selbst der beste Freund werden
978-3424630558

empfohlen. Wie immer, bitte in einer echten Buchhandlung bestellen und erwerben.


10 Kommentare zu “Der Unterschied zwischen dir und dem Rest der Welt

  1. Marion Hasenau

    Liebe Kathrin
    Ich habe mich direkt wieder erkannt. Danke für die Zeilen. Vieles ist so einleuchtend und wird doch oft im Alltag vergessen. Eine tägliche Routine, vielleicht abends vor dem Schlafen gehen, könnte helfen den Tag zu reflektieren und gut zu sich zu sein. Das wird ein fester Vorsatz.

  2. Danke dir – ich habe darüber sehr nachgedacht …

  3. Vielen Dank für diesen informativen und nochmal wachrüttelnden Artikel. Die 5-Punkte-Liste gefällt mir sehr gut, da sie mir konkretes Herangehen und erstes Antasten ermöglicht. Vielen Dank dafür und dafür, dass Ihr und Sie immer wieder solche tiefer gehenden Gedanken mit der Welt teilt.

  4. Wichtiges Thema! Toller Artikel! So wahr! Danke dir. Schön wäre gewesen, den einen oder anderen Link zu Meditationen zu bekommen, die das Thema Selbstmitgefühl haben. Oder den Hinweis zum MSC-Programm (mindful selfcompassion). Mir haben solche Meditationen und auch der Kurs damals schon oft gut getan und nachhaltig geholfen, einen freundlichen und fürsorglichen Umgang zu mir selbst zu kultivieren. Lg Bea

    [Link entfernt]

  5. Wirklich schöner Artikel!

    Ich genieße Eure gehaltvollen Beiträge und Inhalte. Soviel Wertigkeit und spürbare Authentizität in jeder Zeile. Hat auf mich direkt eine bewusste/meditative und angenehm selbstreflektierende Wirkung. Vielen Dank dafür und macht bitte weiter so.

    ( :

    Whoop Whoop!

  6. Oh ja, darin erkenne ich mich auch wieder, danke Kathrin:)

  7. Endlich bringt es mal jemand auf den Punkt! Gutes timing auch! Danke für die klaren Sätze!!

  8. Katharina

    Vielen Dank für diesen großartigen und treffenden Artikel! Du hast ja so recht! Ich finde mich darin wirklich wieder!

  9. So schön! So treffend! Danke!

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