Wenn du Hilfe brauchst: So startest du eine Therapie

Wenn du Hilfe brauchst: So startest du eine Therapie
5. September 2018 Jan Lenarz
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In Inspiration

Wichtig: Geht es dir sehr schlecht und gefährdest du deine eigene Gesundheit oder die von anderen, wende dich bitte sofort an psychologische Notdienste, die Telefonseelsorge (Telefon 0800 – 111 0 111) oder rufe einen Notarzt (Telefon 112).

In einer harten Welt ein weiches Herz zu haben, ist Stärke nicht Schwäche.

Spätestens wenn deine Probleme Überhand nehmen und du immer wieder starken Leidensdruck verspürst, wird es Zeit, dir Hilfe von Psychotherapeut*innen zu holen. Wenn es soweit ist, bedeutet das nicht, dass du verrückt, gestört oder zu schwach bist, sondern dass dein Leben, dein soziales Umfeld, dein Job, dein Verhalten, deine Glaubenssätze oder vielleicht sogar nur die Chemie in deinem Gehirn aus der Balance gekommen sind und dir schaden.

Ob du nie gelernt hast, mit Problemen richtig umzugehen, große Veränderungen und Unsicherheiten dir den Boden unter den Füßen wegziehen oder du eine Neigung zu Depression, Angst & Co einfach geerbt hast, spielt dabei erst mal keine Rolle. Es gibt vielfältige Gründe für mentale Probleme, die meisten lassen sich durch Therapien zum Glück sehr gut behandeln.

Die Mehrheit aller Menschen hadert mindestens einmal in ihrem Leben mit ihrer Psyche. Und auch so ziemlich das ganze Ein guter Plan-Team hat schon eine Therapie hinter sich, also herzlich Willkommen in diesem Club der Krise. Leider ist das Thema immer noch ein großes Tabu, obwohl ich finde, dass die mentale Gesundheit mindestens so wichtig ist wie die physische Gesundheit.

 

„Wenn du Schmerz nicht benennen kannst, trägst du ihn in die ganze Welt.
Bäume, erleuchtete Fenster, Mittwochnacht: Alles wird Schmerz.“
– Patricia Lockwood

 

Wenn es nach mir ginge, würden wir alle bei kleinen Verstimmungen, Unwohlsein oder Angst sofort zum Arzt gehen. So wie wir es auch bei einer Grippe tun würden. Dabei möchte ich Depressionen nicht mit Schnupfen vergleichen: Im Gegenteil. Eine Erkältung wird man auch gut von alleine los, aber mentale Probleme haben viel mehr Potential zu schaden. Wenn du dein Leben nicht mehr genießt, wird alles anstrengend und zur Qual.
Leider warten zu viele Menschen, bis sie psychisch ganz am Boden sind, um sich Hilfe zu holen. Dabei ist es viel leichter, Probleme zu vermeiden, als sie nachträglich zu lösen. Deswegen sollten wir eigentlich alle sechs Monate einmal mit einem Profi darüber sprechen, wie es uns geht – Krise hin oder her. Dass wir unseren Zähnen mehr Aufmerksamkeit widmen als unserer Seele, ist das einzige, was bei dem Thema wirklich verrückt ist.

In diesem Beitrag möchte ich dir kurz erklären, was die konkreten Schritte sind, damit du Hilfe bekommst. Den ersten Schritt hast du schon getan, und es war sogar der schwierigste und wichtigste: Du hast dir eingestanden, dass es dir nicht gut geht. Das fühlt sich trotzdem immer wie Versagen an, auch wenn es das nicht ist. Deswegen solltest du kurz stolz auf dich sein, dass du es akzeptierst.
Es wird im Laufe des Prozesses immer wieder Momente geben, in denen du diesen Mut nochmal aufbringen musst. Denn erstens muss man eine Weile am Ball bleiben, bis man wirklich einen Therapieplatz hat und sich immer wieder aufs neue sagen „Nein, mir geht es immer noch schlecht, ich muss mich weiterhin darum bemühen“. Und zweitens ist die Therapie stellenweise auch anstrengend, so dass du jede Woche aufs Neue die Kraft aufbringen musst, zur Sitzung zu gehen.

Kommen wir nun zum praktischen Teil.

1. Phase: Deine Hausärztin, bzw. dein Hausarzt

Es ist keine Pflicht, aber es macht Sinn, wenn du als erstes zu deiner Hausärztin/deinem Hausarzt gehst. Erkläre, dass es dir schlecht geht und du mentale Probleme hast. Du musst nicht übertreiben, wenn du deine Probleme schilderst. Eine gute Ärztin/ein guter Arzt nimmt dich auch so ernst. Unterstreiche einfach, dass du derzeit leidest und dir professionelle Hilfe wünschst. All die Millionen von Menschen, die schon Therapien gemacht haben, waren bei ihrer Hausärztin/ihrem Hausarzt, um einen Bericht für die Erstattung der Therapiekosten zu bekommen. Es ist also ein ganz normaler Prozess, den deine Ärztin/dein Arzt kennt. Es ist nichts außergewöhnliches, sondern gehört in jeder Praxis zum Tagesgeschäft. Deine Hausärztin/dein Hausarzt wird also eine Diagnose (Konsiliarbericht) erstellen. Der ist später wichtig für die Krankenkasse.

Du kannst aber auch direkt den Kontakt zu Therapeut*innen suchen, eine Überweisung ist nämlich nicht nötig. Dann musst du zwar später nochmal zur Hausärztin/zum Hausarzt, wegen der Diagnose für die Krankenkasse, aber das ändert nichts am grundlegenden Ablauf. Entscheide also selbst, ob du dich direkt deiner Ärztin/deinem Arzt anvertraust oder später nur noch den nötigen Bericht einforderst.

Tipp!

Es kann etwas dauern, bis du den Mut aufbringst, zur Hausärztin/zum Hausarzt zu gehen bzw. einen Termin zu machen. Das ist ganz normal. Schreibe deswegen als Erstes mal die Öffnungszeiten der Ärztin/des Arztes auf und, falls du einen Termin brauchst, auch die Telefonnummer. Wenn du dann genug Mut hast, dich darum zu kümmern, musst du nicht erst groß suchen. Das könnte wieder dazu führen, dass du es aufschiebst. Und heute noch die Öffnungszeiten und Nummer auf einen Zettel zu schreiben, bekommst du hin!

Phase 2: Die richtige Therapiemethode bestimmen

Welche Art der Therapie am besten für dich geeignet ist, musst du nicht alleine entscheiden. Entweder hilft dir deine Hausärztin/dein Hausarzt oder du entscheidest dies in den ersten Sprechstunden bei der Therapeutin/dem Therapeuten. Es gibt verschieden Arten von Therapien. Die beiden häufigsten sind die Verhaltenstherapie und die Psychoanalyse.

Beide Formen setzen eine gewisse emotionale Stabilität voraus. Zum Beispiel werden Patient*innen mit Suizidgedanken oder starken Psychosen erst in einer Klinik behandelt, bevor sie eine Therapie beginnen können.

Bei der Verhaltenstherapie geht es nicht (nur) darum, dass du dein Verhalten änderst. Sie soll die Ursachen deiner Probleme benennen und dir Techniken beibringen, mit denen du mentale Probleme überwinden kannst, und dir helfen, dein Leben wieder in die richtige Bahn zu lenken. Die Therapeutin/der Therapeut wird dir dazu Fragen stellen, dich erzählen lassen und dir daraufhin schädliche Denkansätze und Verhaltensweisen aufzeigen. Damit ist die Methode sehr praxisbezogen und betreibt Hilfe zur Selbsthilfe. Nach einer ersten Bestandsaufnahme wirst du in späteren Sitzungen auch immer wieder erzählen, wie deine Woche war, was dich gerade beschäftigt und ob du neue Denkansätze in deinen Alltag integrieren konntest. Dabei wird es oft nicht nur um ein Problem gehen, dass vielleicht deine Krise ausgelöst hat, sondern es wird auch immer wieder ein Schritt zurück gemacht.
Die Gespräche finden oft in regem Austausch statt und je mehr Vertrauen du über die Zeit zur Therapeutin/zum Therapeuten aufbaust und je offener du deine Gedanken teilst, umso mehr können Probleme erkannt werden. Bleibst du lange verschlossen, wird die Therapeutin/der Therapeut nachhaken. Da sie/er oft früh erkennt, wo Probleme liegen könnten, können diese Fragen sehr entlarvend sein. Ein paar Tränen können dabei auch bei sehr in sich gekehrten Menschen fließen. Das ist normal, erwünscht und zeigt, dass ihr bei Themen angekommen seid, die wirklich wichtig sind. Glückwunsch!

Eine Verhaltenstherapie besteht aus 45 Sitzungen zu je 50 Minuten. Oft geht man einmal, selten auch zweimal pro Woche dorthin. Je nachdem wie anstrengend eine Sitzung für dich war, können die Abstände auch variieren. Auch kannst du immer einen Termin aussetzen, wenn du verreist oder etwas mehr Zeit brauchst, um Gelerntes anzuwenden. Bei der Verhaltenstherapie haben alle Therapeut*innen ihren eigenen Stil. Meist findet sie aber in ungezwungenem Rahmen und sitzend statt.

Vorteile der Verhaltenstherapie: Oft schnelle Erkenntnisse, konkrete Handlungsanweisungen für aktuelle Probleme, Unterstützung und Begleitung im Alltag
Nachteile der Verhaltenstherapie: Probleme, die auf verdrängten Erfahrungen basieren, werden evtl. nicht angesprochen, Schwierigkeiten können in folgenden Jahren immer wieder auftauchen, weil Ursachen nicht erkannt wurden.

Wenn man schädliche Glaubenssätze aufgezeigt bekommt, kommt man manchmal ganz schön ins Grübeln

Die Psychoanalyse verfolgt einen etwas anderen Ansatz. Sie geht davon aus, dass mentale Probleme meist nur indirekt durch Lebensumstände entstehen, sondern zum Beispiel durch nicht verarbeitete Traumata (oft in der Kindheit) verursacht wurden. Man macht deswegen einen wesentlich größeren Schritt zurück und taucht tiefer in die eigene Psyche ein. Dazu assoziiert man frei oder mit Anleitung und versucht sich an vergrabene Emotionen zu erinnern. Die persönliche Lebensgeschichte wird möglichst detailliert erzählt und alles, was man bisher verdrängt hat, kommt zur Sprache. Oft werden bei der Psychoanalyse deswegen alte Traumata aufgearbeitet und nicht stattgefundene Trauerverarbeitung nachgeholt. Auch hier gibt es schließlich den Bogen zu deinen gegenwärtigen Problemen, indem schädliche Denk- und Verhaltensmuster thematisiert werden. Dabei werden sie aber immer in deine persönliche Geschichte eingeordnet und so genau bestimmt, wo sie herkommen. Diese Ursachenbestimmung in der Vergangenheit ist in der Verhaltenstherapie zwar auch Thema, aber meist nicht so ausgiebig. Die Psychoanalyse dauert deswegen auch wesentlich länger, nämlich 160 Stunden. Um nicht jahrelang in Therapie zu sein, finden pro Woche zwei bis drei Sitzungen statt. Auch hier ist der Rahmen vertrauensvoll und entspannt. Oft liegst du auf einem Sofa, da der konstante Austausch mit der Therapeutin/dem Therapeuten nicht so ausschlaggebend ist.

Vorteile der Psychoanalyse: Man lernt sich komplett kennen und kann auch zukünftige Schwierigkeiten immer in Bezug zur Vergangenheit sehen.
Nachteile der Psychoanalyse: Erkenntnisse können auf sich warten lassen, für aktuelle Probleme bekommt man manchmal weniger konkrete Handlungsanweisungen, die Aufarbeitung von Kindheitstraumata kann sehr schmerzhaft sein.

Für wen ist welche Therapie nun geeignet? Das lässt sich nicht pauschal sagen. Optimal wäre es wohl erst mal eine gründliche Psychoanalyse zu machen und dann eine Verhaltenstherapie, um mit den gewonnen Erkenntnissen konkret an Lösungen zu arbeiten und eine praxisbezogene Unterstützung im Alltag zu haben. Das geht leider nicht immer, da man oft nicht genug Kraft für zwei Therapien hat und diese evtl. auch nicht beide genehmigt werden. Deswegen musst du dich also mit deiner Therapeutin/deinem Therapeuten entscheiden. Gerade wenn du in einer Krisensituation in die Praxis kommst und akut Hilfestellung benötigst, wird dir wahrscheinlich eine Verhaltenstherapie empfohlen. Burnout, die erste Depression, große Unsicherheit wegen neuen Lebensumständen: Auch das führt oft eher in die Verhaltenstherapie. Haderst du schon lange oder immer wieder mit dir und deinen Problemen, weißt du, dass du eine schwierige Kindheit hattest oder denkst du, dass du ganz tief in deine Psyche eintauchen musst, um alles aufzuarbeiten, ist die Psychoanalyse langfristig sicher die bessere Wahl. Gute Therapeut*innen werden aber auch während der Therapie erkennen, ob du jetzt nur einen Schubser in die richtige Richtung brauchst oder ein großer Schritt zurück gemacht werden muss – und Techniken aus beiden Formen kombinieren. Stress dich also nicht zu sehr mit der Wahl.

Beide Therapieformen werden übrigens in der Regel von Psychotherapeut*innen durchgeführt. Sie haben also Psychologie studiert und danach in einer Weiterbildung gelernt, wie man Menschen therapiert. Da sie aber nicht Medizin studiert haben, dürfen sie keine Medikamente wie Psychopharmaka verschreiben. Das dürfen nur Ärtzt*innen mit Medizinstudium. Sind diese Ärzt*innen durch eine Zusatzausbildung auf die Psyche spezialisiert, nennt man sie Psychiater*innen.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Menschen neben ihren wöchentlichen Sitzungen bei den Psychotherapeut*innen auch noch einmal im Monat zur Psychiater*in gehen und dort Rezepte für Psychopharmaka bekommen und eine richtige Dosierung für eben diese gefunden wird. Das ist aber sehr individuell. Generell musst du keine Angst vor Psychopharmaka haben. Gerade bei Depressionen kann die Ursache auch rein chemisch sein, und Medikamente können eine gute Unterstützung für jede Therapieform darstellen. Was aber nie empfohlen wird, ist nur die Einnahme von Tabletten ohne begleitende Therapie.

Hier eine Übersicht über die Berufsbezeichnungen:

Psycholog*in Psychotherapeut*in Psychiater*in
Studium Psychologie Psychologie Medizin
Ausbildung Keine Psychologischer Psychotherapeut Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Darf therapieren? Nein Ja Ja
Darf Medikamente verschreiben? Nein Nein Ja
Fokus Seele/psychisch Seele/psychisch Körper/medizinisch
Andere Bezeichnungen Psychologischer Psychotherapeut Ärztlicher Psychotherapeut, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin

Tipp!

Während du nach einem geeigneten Profi suchst oder auf einen Termin wartest, kannst du dich auch schon selbst mit dem Thema beschäftigen. Therapien sind immer erfolgreicher, wenn sich die Betroffenen auch in Ihrer Freizeit mit ihrer mentalen Gesundheit auseinandersetzen. Viele Maßnahmen, wie das Achten auf deine Grundbedürfnisse, unterstützen dich konstant, Tag für Tag. Bedenke jedoch, dass diese ganzen Maßnahmen nie eine Therapie ersetzen können oder sollen. Die effektivsten Methoden für seelische Ausgeglichenheit, die du sofort anfangen kannst sind: Meditation, Maßnahmen zur Stressvermeidung (zum Beispiel durch Achtsamkeitstraining), Ausdauertraining, gesunde Ernährung (inklusive der Beseitigung aller Mangelerscheinungen) und Journaling (Tagebuch schreiben). Aber nochmal: diese Maßnahmen sollten nie hinauszögern, dass du dir professionelle Hilfe suchst.

Phase 3: Eine Therapeutin finden

Auch wenn die eigentliche Therapie emotional anstrengend werden kann, ist die Suche nach einem Therapieplatz sicher eine der nervigeren Aufgaben. Mentale Probleme bzw. eher die Diagnose dieser sind stark auf dem Vormarsch, deswegen gibt es viel zu wenige Psychotherapeut*innen. Deine Hausärztin/dein Hausarzt wird eventuell eine Liste mit Adressen haben, aber auch online findest du viele Praxen. Falls du keine Empfehlung von Freund*innen oder Bekannten hast, kannst du online nach Bewertungen suchen oder einfach das Telefon in die Hand nehmen und fragen, ob es noch Termine für ein Erstgespräch gibt. Bedenke, dass du mindestens einmal pro Woche dorthin musst, also suche Psychotherapeut*innen, die du gut erreichst. Da du dir vor und nach einer Sitzung aber sicher viele Gedanken machst, ist eine etwas längere Fahrt nicht immer ausschließlich negativ. So hast du etwas Zeit, das Gelernte zu verarbeiten.

Rechne für diese Phase mindestens zwei bis vier Wochen ein, manchmal musst du aber auch zwei bis drei Monate immer wieder bei diversen Psychotherapeut*innen anrufen. Es ist üblich, sich auf verschiedene Wartelisten setzen zu lassen. Vielleicht hast du aber auch Glück und bekommst direkt einen Termin für ein Erstgespräch, z. B. weil jemand abgesagt hat. Selbst wenn die Praxis nicht genug Termin hat, um dir sofort eine volle Therapie anzubieten, ist so ein erster Termin sehr sinnvoll. Dann weißt du schon mal grob, wie der Ablauf sein wird, lernst die/den Psychotherapeut*in kennen und erhältst Beratung zu allen organisatorischen Fragen. Gerade wenn dein erster Schritt nicht der Weg zur Hausärztin/zum Hausarzt war, bringt ein Erstgespräch sehr viel Klarheit und da ist es nicht so wichtig, ob diese Therapeutin/dieser Therapeut perfekt für dich ist, wechseln kannst du anfangs jederzeit.

Tipp!

Falls du keinen Termin für eine Therapie bekommst, kannst du dich auch zur Überbrückung dieser Zeit an Psychiatrische Institutsambulanzen wenden. Dies ist eine Art Notfallpsychatrie in Krankenhäusern. Diese sind auch dafür zuständig, Menschen zu helfen, die keine Psycholog*innen finden. Deine ganze Therapie wirst du dort nicht machen können, aber gerade bei akuten Problemen kann es eine gute erste Anlaufstelle sein. Auch dort kannst du Beratung zur idealen Therapieform erhalten oder Medikamente bekommen.
Außerdem besteht die Möglichkeit, eine Therapie bei Therapeut*innen zu machen, die sonst nur Privatpatient*innen behandeln. Wenn du nämlich erst in einigen Monaten einen Therapieplatz bekommen würdest, übernehmen auch die gesetzlichen Krankenkassen diese Kosten. Diese Behandler*innen müssen allerdings Psychotherapeut*innen oder Psychiater*innen sein. Heilpraktiker*innen und allgemeine Lebensberater*innen werden nicht erstattet, da sie keine anerkannte psychologische Ausbildung absolviert haben.

Phase 4: Eingewöhnung bei Probesitzungen

Nun hast du eine große Hürde genommen und einen Therapieplatz gefunden. Leider nur fast! Denn der/die Psychotherapeut*in muss zu dir passen. Man kann sich nicht jedem Menschen öffnen. Jeder behandelt etwas anders und vielleicht ist die Art der Therapie dort nicht das, was du willst. Manche Psychotherapeut*innen geben mehr Ratschläge, manchen stellen mehr Fragen und lassen dich dann reden. Manche versuchen dich genau zu verstehen, manche wollen dir eher all ihr Wissen zur Verfügung stellen. Manche formulieren deine Probleme präzise, so dass du viele Aha-Momente hast, andere assoziieren eher frei. Nichts davon ist per se richtig oder falsch, aber nicht alles ist das richtige für dich. Das wissen auch die Krankenkassen und deswegen ist es vorgesehen, dass du bei verschiedenen Psychotherapeut*innen ein bis vier Probesitzungen machst. Du entscheidest selbst, ob du dort bleibst, oder lieber nochmal weitersuchst. Du kannst erst mal beliebig viele Therapeut*innen testen, in der Regel bleiben die meisten Menschen aber in der ersten oder zweiten getesteten Praxis. Aber ich kenne auch Fälle, in denen bei 15 Psychotherapeut*innen Probestunden absolviert wurden. Deswegen gilt: Viele Therapeut*innen anzurufen, auf vielen Wartelisten zu stehen und viele Erstgespräche zu führen ist keine Ausnahme, sondern durchaus üblich und erlaubt.

Therapiesitzungen sind nicht nur traurig, sondern können auch zu positiven Erkenntnissen führen.

Phase 5: Antrag bei der Krankenkasse

Hast du dich entschieden und fühlst dich wohl, wird die/der Psychotherapeut*in dir helfen den Antrag bei der Krankenkasse zur Kostenerstattung einzureichen. Das ist eine Formalie, wenn die/der Psychotherapeut*in eine Kassenzulassung besitzt. Jedoch kann der Prozess bis zu vier Wochen dauern. Wichtig ist jetzt nur, dass du einen Konsiliarbericht von deiner Hausärztin/deinem Hausarzt hast. War dein erster Schritt der Gang zur Therapeutin/zum Therapeuten, musst du nun zur Hausärztin/zum Hausarzt. Einige Therapeut*innen beginnen sofort mit der Therapie und warten nicht erst auf die Zusage der Krankenkasse, bei einigen musst du ein bisschen warten. Übrigens: Der Bericht von der Hausärztin/vom Hausarzt geht in einem verschlossenen Umschlag an die Krankenkasse. Deine SachbearbeiteriN/dein Sachbearbeiter  erfährt also nichts von deiner Diagnose, nur eine Gutachterin/ein Gutachter, mit der/dem du sonst nichts zu tun hast, prüft deinen Bericht.

Von der Erkenntnis, eine Therapie zu benötigen, bis zum Therapiebeginn können also wenige Tage bis viele Monate vergehen. Egal wie lange es dauert: Das Warten lohnt sich. Auch wenn es dir zwischenzeitlich wieder besser geht, solltest du den Therapiebeginn weiterhin anstreben.

Tipp!

Vertraue dich in der Phase, in der du noch einen Therapieplatz suchst, einem Freund/einer Freundin an, der/die dich konstant daran erinnert, am Ball zu bleiben. Gerade an Tagen, an denen es dir gut geht, hast du wahrscheinlich wenig Motivation, dich um einen Platz zu kümmern. Freund*innen können dich dann daran erinnern.

Phase 6: Beginn der Therapie

Bei der Therapie selbst entscheidest du, ob du sie bis zum Ende machst oder schon früher aufhörst. Manche Probleme lösen sich nach ein paar Wochen schon auf, da sich die Lebenssituation stabilisiert hat oder man ein paar schädigende Glaubenssätze entlarvt hat. Trotzdem macht es Sinn, die verbleibenden Sitzungen zu nutzen, um andere Probleme anzugehen oder einfach nur zur Kontrolle, ob man neue Sicht- und Verhaltensweisen wirklich auch etabliert.

Oft ist es so, dass sich viele Menschen nach der ersten Therapie nur sehr schwer tun nochmal eine zweite anzufangen, weil sie sich ja schonmal mit sich beschäftigt haben und theoretisch wissen, wie es geht. Aber so funktioniert die Psyche nicht. Im Laufe unseres Lebens stoßen wir auf völlig neue Herausforderungen, die uns in Extremsituationen bringen. Für eine zweite Therapie gilt also dasselbe wie für die erste: Probleme rechtzeitig erkennen und vielleicht sogar vermeiden, ist langfristig viel einfacher, als sie aufzuschieben und dann an der Heilung zu arbeiten.

Tipp!

Experimentiere nicht mit deiner mentalen Gesundheit. Viele Anbieter von Büchern, Nahrungsergänzungsmittel oder esoterischen Workshops halten ihre Methode oft ausreichend, um psychische Krisen zu überwinden. Aber ein Heilungsprozess ist immer ganzheitlich. Probleme müssen aufgearbeitet werden, neue Denk- und Verhaltensweisen müssen etabliert werden, bessere Lebensumstände müssen geschaffen werden und Veränderungen begleitet und beobachtet werden. Bücher, Tabletten und Esoterik können dies nicht leisten. Das gilt natürlich auch für unser Buch Ein guter Plan. Es kann allenfalls eine kleine Unterstützung bieten, aber keine Therapie ersetzen. Das ist auch gar nicht unser Anspruch.

 

Abschließend bleibt mir nur zu sagen, dass ich mir wünsche, dass wir alle viel offener mit unseren Problemen umgehen. Eine Therapie zu machen ist mutig, zeigt Respekt für das eigene Wohlbefinden und bedeutet, dass einem nicht alles egal ist, sondern man an manchen Dingen einfach verzweifelt, weil sie einen bewegen. Und das ist etwas Positives. Das geht sogar so weit, dass ich Menschen, die niemals am Leben scheitern, kaum über den Weg traue. Denn was ist die Alternative? Zynismus, Härte, Apathie? Dann ist es mir doch lieber, wenn wir sensibel, verletzlich und emotional bleiben und deswegen halt ab und zu Hilfe brauchen. Wer eine Therapie anstrebt, macht oder gemacht hat, hat Respekt, Applaus und ein Feuerwerk verdient. Es ist ein großer, wichtiger Schritt und etwas, worauf man sich freuen sollte, auch wenn die Umstände die dazu führen vielleicht nicht so schön sind. Und wie gesagt: Oft ist die Ursache für mentale Probleme rein chemisch und kein Indiz dafür, besonders sensibel zu sein. Ein Grund mehr, dass wir das Stigma der Psychotherapie endlich in die Tonne hauen.

Hast du schon Erfahrung mit Therapien gemacht? Schreibe sie gern in die Kommentare, das ermutigt Hilfesuchende. Je mehr Menschen sich zu ihren Problemen bekennen, um so schneller brechen wir das Tabu von mentalen Problemen!

Comments (7)

  1. Maja 2 Monaten vor

    Hallo Jan,
    ich bin Psychotherapeutin und habe mich sehr über Deinen ausführlichen Artikel zu dem Thema gefreut!

    Ich würde noch gerne zu dem was Assi zuvor geschrieben hat ein wennig ergänzen: Es ist grundsätzlich möglich 80 Sitzungen in der VT zu beantragen. In ganz besonderen Ausnahmefällen gibt es auch schon mal bis zu 100 Stunden, wenn es gut begründet wird.

    Seit 2017 werden Erstgespräche bei einem kassenzugelassenen Psychotherapeuten über die sogenannten Terminservicestellen der zuständigen kassenärztlichen Vereinigung (auf deren Homepage findet sich für die selbstständige Suche in der Regel auch ein Verzeichnis kassenzugelassener Psychotherapeuten) vergeben. Das bedeutet nicht unbedingt, das man direkt dort einen Therapieplatz erhält. Es dient aber einer ersten Orientierung und wenn Jemand einer Kostenerstattung in einer Privatpraxis machen möchte, wird dieses Erstgespräch bei einem kassenzugelassenen Therapeuten (und das von diesem Therapeuten ausgefülltes Formblatt PTV11) oder die Rückmeldung, das die Terminservicestelle keinen Termin für ein Erstgespräch innerhalb von 3 Monaten anbieten kann, von vielen Krankenkassen inzwischen als Voraussetzung betrachtet.

    Die Traumatherapie wird in Deinem Artikel gewissermaßen der Psychoanalyse zugerechnet, sie ist aber in allen Verfahren vertreten, nur die Herangehensweisen unterscheiden sich etwas. Manche Therapeut/innen spezialisieren sich in diesem bisweilen sehr komplexen Therapiefeld auch noch viele Jahre nach Abschluss der Ausbildung.

    Vielleicht magst Du Deinen Artikel ja bezüglich dieser Punkte noch ein wenig ergänzen. In jedem Fall vielen Dank für Deine Auseinandersetzung mit der Thematik und der Ermutigung psychotherapeutische Hilfe frühzeitig in Anspruch zu nehmen.

    Viele Grüße nach Berlin
    Maja

    • mm Autor
      Jan Lenarz 2 Monaten vor

      Hallo Maja, ich überarbeite den Artikel derzeit und füge das mit ein, vielen Dank!
      Viele Grüße, Jan

  2. Beteena 2 Monaten vor

    Hallo Jan, toll geschrieben. Ich war schon zweimal in der ‚Klapse‘ beim zweiten Mal hat mir damals euer erster guter Plan sehr geholfen. Und ich habe mich danach auch in Therapie begeben die ich nicht mehr missen möchte. Aktuell bin ich in eine Tagesklinik in die ich mich selber eingewiesen habe. Und da 2016 mein damaliger Chef nichts besseres zu tun hatte als allen zu erzählen wo ich bin, Irrenanstalt eben (das stand übrigens dort auch an die Wand gesprüht „die Welt ist eine Irrenanstalt und hier ist die Zentrale“), habe ich diesmal meine Kollegen aus dem näheren Team ganz offen selber informiert und siehe da alle waren sehr positiv mir gegenüber und zeigten Verständnis für meine Situation. Ich nenne meine „Störung“ im übrigen BiPolarBär

    • mm Autor
      Jan Lenarz 2 Monaten vor

      Schön, dass dein Team so gut darauf reagiert hat. Begriffe wie “Klapse” und “Irrenanstalt” finde ich aber etwas kontraproduktiv, da sie ja alte Klischees bedienen, dass Menschen mit psychischen Problemen verrückt oder irre sind.

  3. Lea 2 Monaten vor

    Hallo :)
    Ich wollte einmal die Website der Psychotherapeutenkammer PTK empfehlen. Dort kann man zugelassene Psychotherapeuten suchen und weiß direkt über Kassenzulassung etc. Bescheid. Einfach ptk-nrw.de und dort auf den Reiter „Patienten“ klicken.

  4. Assi 2 Monaten vor

    Relevant für die psychotherapeutische Versorgung – und sehr viel häufiger als Psychoanalyse – ist außerdem die dritte krankenkassenzugelassene Behandlung : tiefenpsychologische Psychotherapie.
    Hier wird auf den Grundlagen der Psychoanalyse fokussiert die gegenwärtige Symptomatik/Problematik behandelt.
    Eine Kurzzeittherapie umfasst bis zu 2 x 12 Sitzungen. Eine Langzeitherapie bis zu 60 Sitzungen .
    Der vollständigen Information halber wäre es prima, wenn Sie Ihren Artikel entsprechend ergänzen.

    P.S.: der ärztliche Konsiliarbericht dient bei geplanter kassenzugelassener Behandlung nicht der Diagnosestellung, sondern der Abklärung möglicher Kontraindikationen für Psychotherapie und der Information über somatische Erkrankungen /Komorbiditäten.

    • mm Autor
      Jan Lenarz 2 Monaten vor

      Vielen Dank, ich werde den Artikel ergänzen!

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