Wie ich als Erwachsene neue Freund*innen fand

Neue, tiefe Freundschaften lassen sich auch als Erwachsene*r finden
Neue, tiefe Freundschaften lassen sich auch als Erwachsene*r finden

Veronika schreibt, sie könne nicht schlafen. Ob ich schon wach sei. Sie sei auf dem Weg zu mir. Ja, das bin ich. Es blitzt und donnert und hört nicht auf. Ich zähle zwanzig, dreißig Blitze, einschlafen kann ich bei so einem Unwetter nicht mehr. Ich erinnere mich nicht, wann ich jemals schon so ein Gewitter erlebt habe. Gestern habe ich Veronika gebeten, in den frühen Morgenstunden auf meinen Sohn aufzupassen, während ich zu einem Interview nach Hamburg fahre. Wir sitzen auf dem Sofa und unterhalten uns auf Russisch. Ich erzähle ihr von meiner Angst, während des Sturms zu fahren. Von der tieferen Angst dahinter. Sie erzählt mir vom Ukraine-Krieg in ihrer Heimat und wie er ihr geholfen hat, alte Ängste loszulassen, aber auch neue ausgelöst hat.

Um 8.35 Uhr kommt Jonna mit dem Lastenrad und bringt ihren und meinen Sohn in die Kita. Nach der Kita holt entweder Stephan oder auch Lydia meinen Sohn und die eigene Tochter ab. Die beiden sind Kita-Sweethearts und ihre Tochter ist so stark, dass sie meinen Sohn hochheben kann. Abends hole ich ihn wieder ab. Wir essen Pizza, unterhalten uns und schauen eine (oder mehrere) Episoden von Pokémon – die Alola-Staffel. Ich bin nicht alleinerziehend, nur getrennt erziehend, aber ich fühle mich nicht getrennt – ich fühle mich wie ein Wir. Ich fühle mich, als hätte ich ein ganzes Meer von Freund*innen und eine Wahlfamilie. 

Langjährige Freundschaften oder frische Freund*innen?

Früher habe ich neidisch auf Menschen geschaut, die langjährige Freundschaften haben, Menschen, die heute noch Kontakt zu ihren Kindergartenfreund*innen, Schulfreund*innen oder auch zu ihren Studienfreund*innen haben. Auch ich kenne immer noch Leute von damals, aber es sind mehr freundliche Bekanntschaften.

Was hat sich von damals zu heute verändert? Mein Verständnis von Freundschaft. Freundschaft ist nichts, was plötzlich passiert, während man dasitzt und nichts tut. Freundschaft ist etwas, wofür man rausgehen und seine Komfortzone verlassen muss. Man muss sie zur Priorität machen. Zeit für Freizeit und Freundschaften zu haben, ist ein Privileg, das nicht jede*r hat – aber eines, das jede*r, wenn möglich, priorisieren sollte – finde ich. 

Mit Freunden kann man nicht nur Zeit, sondern zum Beispiel auch Äpfel aus dem Garten teilen.
Geben was man hat als ein Zeichen der Freundschaft

Ich genieße die Zeit mit meinen Freund*innen, aber ich gebe auch gerne. Wenn ich zu viele Äpfel oder Setzlinge habe, gebe ich sie an Nachbar*innen weiter oder frage herum, wer sie haben möchte. Ich mache mir Gedanken, investiere Zeit und Energie. Es gibt eine tolle Veranstaltung, ein Konzert für Kinder oder Erwachsene und ich frage, wer Lust hat, mitzukommen. Ich organisiere eine kleine Geburtstagsfeier für mich, das erste Mal seit Corona, nicht nur, weil ich feiern will, sondern auch, weil ich mich freue, verschiedene Freund*innen aus verschiedenen Welten zusammenzubringen. Ich gebe und bekomme in einer Währung zurück, die unbezahlbar und mit nichts zu vergleichen ist. 

Aber das ist nur meine Sicht auf Freundschaft – in meinem Leben. Wie ist das bei dir? Was ist für dich das Besondere an Freundschaft? Wie willst du als gute*r Freund*in sein?

Freund*innen finden als Erwachsene

Freund*innen finden – was in der Kindheit selbstverständlich war, ist im Erwachsenenalter plötzlich anstrengend – Gleichgesinnte zu finden mit ähnlichen Interessen und Werten, welche, die sich vielleicht in einer vergleichbaren Lebensphase bzw. -situation befinden. Und dann muss man sich auch noch mögen. 

Ob im Verein, beim ehrenamtlichen Engagement im Kiez oder in der Kita: Es gibt viele Möglichkeiten, neue Leute kennenzulernen. Wenn man sich gut versteht, sollte man sich trauen und ähnlich wie bei einem Date fragen: »Hast du Lust, dich mal außerhalb des normalen Kreises zu treffen?« Gerade mit Kindern ist es einfacher – man verabredet sich zum Spielen und schaut, ob es passt. Wenn nicht, ist es auch okay. Nur, wer sich traut, kann Freundschaften schließen. Ja, vielleicht verbringt man auch mal gemeinsam einen langweiligen Nachmittag, aber es gibt Schlimmeres.

Und selbst wenn man auf die Frage ein Nein als Antwort erhält – das muss nichts mit einem selbst zu tun haben. Vielleicht passt diese Freundschaft gerade nicht in das Leben der Person, vielleicht versteht man sich aber auch einfach nicht so gut. Beides ist völlig in Ordnung. Bei all den »Willst du mit mir und den Kindern mal auf den Spielplatz?« oder »Wollen wir mal einen Kaffee trinken gehen?« habe ich auch schon ein »Äh, vielleicht mal« oder auch gar keine Rückmeldung bekommen. Das ist okay. Aber es gab auch »Ja!« und »Voll gerne!«. Das kam zum Beispiel von Veronika, Jonna und Stephan und Lydia.

Nur Mut neue Freundschaften zu knüpfen.
Willst du mit mir (Kaffee trinken) gehen?

Ich will ehrlich sein: Ich habe in der Kita nicht nur geschaut, mit wem mein Sohn gerne spielt, und dann mit den Eltern dieses Kindes etwas ausgemacht, sondern auch die Mamas und Papas direkt angesprochen, die mir besonders nett erschienen. 

Als wir vor ein paar Jahren in Schweden auf dem Land lebten, mein Ex und ich, habe ich drei Familien mit kleinen Kindern einfach auf der Straße bzw. vor ihrer Haustür angesprochen (ich hatte übrigens eine Erklärung, warum ich geklingelt habe – es war also nicht ganz so creepy, wie es sich jetzt anhört). Mit zwei der drei Familien bin ich immer noch befreundet. 

Wo könnten bei dir Begegnungen stattfinden? Wo laufen die Menschen herum, mit denen du gemeinsame Werte, Interessen oder Hobbys hast? Es gibt sogar Online-Dating-Apps für Freundschaften – Bumble und OkCupid – auch da kann man schauen. Welche Orte fallen dir noch ein?

Freundschaften aufbauen und pflegen

Einmal zusammen Kaffee trinken ist noch keine Freundschaft fürs Leben. Wann wird aus Bekanntschaft Freundschaft? Und wann eine Freundschaft zu einer wirklich tiefen Beziehung? In dem Roman »Morgen, Morgen und wieder Morgen« verbringt ein Mädchen 600 Stunden mit einem kranken Jungen im Krankenhaus. 600 Stunden, in denen sie Computerspiele spielen und quatschen. Er freut sich über den Besuch, und sie sammelt Stunden für ihr Ehrenamt. Aber niemand verbringt in wenigen Monaten 600 Stunden ehrenamtlich mit einem Menschen, nur um ehrenamtlich tätig zu sein. Da steckt mehr dahinter. Also doch Freundschaft.

Als Erwachsene mit einem Kind und einer Teilzeitbeschäftigung frage ich mich, wo diese 600 Stunden herkommen sollen. Wie viele Stunden braucht eine Freundschaft überhaupt? Diese Frage hat sich auch der Wissenschaftler Jeffrey A. Hall gestellt. Er hat herausgefunden, dass gemeinsame Freizeitaktivitäten und auch einfach zusammen verbrachte Zeit eine Freundschaft ausmachen. Um von einer Bekanntschaft zu einer lockeren Freundschaft zu kommen, braucht es in den ersten 6 Wochen etwa 40 bis 60 Stunden. Bei 80 bis 100 Stunden ist die Wahrscheinlichkeit noch höher. 40 Stunden in 6 Wochen ergibt 6,7 Stunden pro Woche. Wow. Das wird schwierig. Das klingt, als müsste ich einen Timer mitlaufen lassen, wenn ich mich mit Freund*innen treffe, und immer im Blick behalten, wie oft ich sie treffe und wie lange. Aber machen wirklich die Dauer und die Häufigkeit eine Freundschaft aus? Meiner Erfahrung nach ist eher die Regelmäßigkeit wichtig, genauso die Intensität – weniger die exzessive Dauer von 6,7 Stunden pro Woche. Mal davon abgesehen: Wie zum Teufel soll ich auf 6,7 Stunden kommen?

Auch alltägliche Dingen mit Freund*innen zu erledigen, kann wertvolle gemeinsame Zeit sein.
Auch gemeinsame Alltagsaktivitäten stärken eine Freundschaft

So viel Zeit verbringe ich eigentlich nur mit meinem Sohn oder meinen Kolleg*innen. Oder mit Simone. Mein Katalysator wurde geklaut. Die Leute in der Autowerkstatt schauten genauso verwirrt wie ich. Simone war meine Rettung. Sie hat uns jeden Tag gemeinsam mit ihren Kindern abgeholt und wochenlang zur weit entfernten Kita mitgenommen. Und wieder zurück. Täglich insgesamt 1 Stunde Zeit zum Quatschen während der gemeinsamen Hin- und Rückfahrten. 5 Tage die Woche. Über mehrere Wochen hinweg. Da kamen schnell viele Stunden zusammen. Dankbar bot ich ihr an, ihr mein Auto zu leihen, wann immer sie es brauchen würde. Und sie holte irgendwann mein Kind auch einfach so ab – ohne Auto-Notfall und geklauten Katalysator. Oder Jonna. Ich bot ihr Hilfe an. Ich bat sie um Hilfe – und bekam sie. Ich gab Hilfe zurück und so weiter. Diese Hilfsleistungen sind ein positiver Nebeneffekt, aber nicht der Grund oder die Ursache.

Der Zweck der Freundschaft ist die Freundschaft selbst

Wenn ich eines Tages als alte Frau zurückblicke, werde ich mich nicht darüber freuen, dass ich die geilste Karriere gemacht habe, und vielleicht auch nicht unbedingt darüber, dass ich die Welt gesehen habe. Ich glaube, ich werde mich freuen, wenn ich mit meinen Liebsten Schnaps ins Altersheim schmuggle und dann mit Veronika, Simone, Jonna und all den anderen eine Rollatordisco veranstalte.

»Happiness is only real when shared« ist die Erkenntnis aus dem Film und Buch »Into the Wild« über einen jungen Mann, der sich allein in die Wildnis wagt. Ich glaube, es geht darum, eine gute Zeit zu haben. Gemeinsam die Erfolge zu feiern, aber auch die Schwierigkeiten durchzustehen. Gut miteinander zu reden, einander zuzuhören, füreinander da zu sein. Zusammen zu sein. 

Kategorien Achtsamkeit Inspiration Selbsthilfe

Milenas Leben ist intensiv und wild, deswegen ist Achtsamkeit für sie besonders wichtig. Mit Ein guter Plan konnte sie ihr Konzept davon nun endlich in Worte fassen. »Stress steht für Engagement und Leistung. Das kann nicht richtig sein.« Milena hat mit Original Unverpackt den ersten verpackungsfreien Supermarkt Berlins gegründet und macht sich in ihrem aktuellem Buch »Über Leben in der Klimakrise« kluge Gedanken über eine klimaresistente Gesellschaft und Klimaanpassung. Instagram Website

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