Die Sache mit dem Single-Sein

Verdränge deine Gedanken und Gefühle nicht, die durch das unfreiwillige Single-Sein entstehen. Sie haben eine Daseinsberechtigung und möchten wahrgenommen werden.
Verdränge deine Gefühle nicht, sie möchten dir etwas Wichtiges sagen.

Vor einigen Jahren, in der Hochphase der Ungemütlichkeit mit dem Status der Partnerlosigkeit, habe ich mich mal auf die Suche nach Texten gemacht, in denen ich zu finden hoffte, was ich suchte. Nämlich jemanden, dem es genauso ging wie mir. Einen Artikel, oder ein Buch, aus dem sich hätte entnehmen lassen, dass mein Erleben nichts Ungewöhnliches ist, hat es doch immer etwas sehr Wohltuendes, einfach nur feststellen zu können, dass man nicht allein ist mit seinem Problem und auch andere beschreiben, was man selber erlebt. Wenn man mal ein Problem mit dem Alleinsein hat und sich mit diesem Problem auch noch allein fühlt, dann ist es nämlich wirklich doppelt doof. Das Ergebnis meiner Recherche war allerdings die Erkenntnis, dass man manche Texte wohl einfach selber schreiben muss. 

Einfach mal in Ruhe unglücklich sein dürfen

Dieser Text handelt vom Single-Sein mit Partnerschaftswunsch und einigen der zahllosen Facetten dieses Zustands. Es geht nicht um selbstgewähltes Alleinsein“ und glückliche Singles, es gibt keine erneute Auflistung von den Vorzügen des Singlelebens gegenüber einem Beziehungsleben. Es ist eine von mir lang vermisste Ergänzung zu den vielen Beiträgen, die in guter Absicht bemüht darum sind, das gefühlte Unglück der Unglücklichen in sein Gegenteil zu verwandeln, es damit aber verstärken können. Eine Ergänzung, die Raum dafür schaffen möchte, dass alle, die unglücklich darüber sind, nicht zu bekommen, was sie sich wünschen, einfach in Ruhe unglücklich darüber sein dürfen, zumindest mal für einen Moment oder ab und zu. Weil es besser ist, mal kurz aufrichtig traurig zu sein darüber, dass man etwas, was man sich wünscht oder braucht, nicht hat oder bekommt, anstatt sich dieses Traurig sein nicht zu erlauben, zuzugestehen, oder vor sich selbst und anderen zu verstecken.

Eine empfindliche Stelle

Es kommt nicht von ungefähr, dass das Problem, mit Partnerschaftswunsch Single zu sein, auch im Bereich von Tabu und Scham residieren kann. Befindet es sich doch in gefährlicher Nachbarschaft zur Einsamkeit, mit der ja eigentlich niemand so richtig gerne was zu tun haben will.

Aber warum kann es sich beschämend für uns anfühlen, Single zu sein?
Vielleicht, weil Scham ein soziales Gefühl ist und die gesellschaftliche Norm seit längerer Zeit eine Lebenspartnerschaft propagiert.
Es ist aber nicht unbedingt nur gemein und vollkommen unberechtigt, von der gesellschaftlichen Norm, eine möglichst stabile Lebenspartnerschaft anzustreben. Zumindest vom Prinzip her kann es einfacher sein, zusammenzuleben, das Leben mit jemandem zu teilen und damit auch die Aufgaben, Freud, Leid, Bett, alles Mögliche eben. In den meisten Fällen wollen die meisten Menschen teilen, Erfahrungen, Erlebnisse. Und sie wollen sich mitteilen. Resonanz ist ein Indikator für Verbindung und Verbindungen sind lebenswichtig für uns.
Das Ideal der Partnerschaft ist demnach kein voll und ganz irrsinniges und steigert im besten Fall tatsächlich die Lebensqualität. Aber das Vorhandensein eines Ideals sagt nichts über dessen Erreichung aus. Und da, wo wir Ideale nicht erreichen oder verfehlen, da sind wir sehr verletzlich. 

Es ist also nicht nur irgendein Problem von vielen, sondern eins von denen, die wirklich unser Innerstes treffen. Und so eins lässt sich nicht von einer Auflistung der Vorzüge des Singlelebens löschen. Klar gibt es die, aber es hilft nicht nachhaltig, einen Schmerz mit positiven Aspekten zu überkleben. Schmerz ist nicht grundlos da und möchte wahrgenommen werden, um sich verwandeln oder auflösen zu können.

(K)Eine Runde Mitleid – Keine*r liebt mich

Es gibt eine Werbung von einer Partnerbörse, die damit wirbt, dass man Dank ihrer Dienste die Möglichkeit bekommt, wach geküsst, anstatt vom Wecker geweckt zu werden. Diese recht unverhohlene Darstellung, dass wach geküsst werden erstrebenswert ist und vom Wecker geweckt werden etwas ist, dem man besser entkommen sollte, ist nur eine von vielen mal mehr, mal weniger subtilen Botschaften, die auf die Gesellschaft einwirken und vor allem dazu führen, dass sich vermutlich einige Singles richtig mies fühlen und ihren Wecker mit anderen Augen betrachten. Anstatt wütend auf die Werbetreibenden zu sein und diese Wut ihnen gegenüber zu äußern, überwiegt wahrscheinlich öfter die Traurigkeit, wenn so plakativ mit den Gefühlen gespielt wird.

Schenke dir nicht nur schlaue Ratschläge, was das Single-Sein auch gutes an sich hat, sondern auch etwas mehr Selbstmitgefühl.
Schenke dir und deiner Situation etwas Mitgefühl.

Mit dem unerfüllten Wunsch nach einer Beziehung kann man den Eindruck haben, etwas ziemlich Grundlegendes zu vermissen, was sehr schmerzlich sein kann. Zu diesem ursprünglichen Problem gesellen sich aber unnötigerweise noch diverse andere Eindrücke hinzu, die belastend sein können. Und weil ich der festen Überzeugung bin, dass kein unangenehmes Gefühl lange Bestand und Macht über einen haben kann, wenn es ans Tageslicht geholt und mit anderen geteilt wird, hole ich sie nun alle der Reihe nach hervor. 

Den Tabus keine Chance

Scham kann, wie bereits kurz erwähnt, eine große Rolle spielen in dem Gemisch der ungemütlichen Gefühle rund ums Thema Single-Sein. Wenn sich nicht eindeutig an äußeren Umständen festmachen lässt, warum etwas so ist wie es ist, suchen wir den „Fehler“ bei uns ganz persönlich und schämen uns dann vielleicht auch dafür. Für etwas, wofür wir uns nicht verantwortlich fühlen, schämen wir uns nicht so schnell. Nach dem Krieg z.B. haben sich die Frauen wahrscheinlich nicht gefragt, warum sie eigentlich Single sind, sondern es war klar, dass der Krieg für eine regelrechte Männerarmut verantwortlich war. Momentan gibt es aber nicht so eindeutige Erklärungen, wodurch der Eindruck entstehen kann, es müsse an einem selbst liegen. Denn Möglichkeiten gibt es ja, eigentlich. Häufig resultiert daraus die Schlussfolgerung, mit einem würde „etwas nicht stimmen“.
Wir suchen so engagiert nach Gründen, weil man mit einem gefundenen Grund vielleicht Einfluss auf die Situation nehmen kann, die einem nicht gefällt. Und weil es immer unbefriedigend ist, im Trüben zu fischen und nicht zu wissen, was Sache ist. Vielleicht hat man so auch eine Antwort auf wenig einfühlsame Fragen von Mitmenschen parat. Also denken wir uns alle möglichen Gründe aus, z.B. zu anspruchsvoll zu sein, nicht attraktiv oder liebenswert genug oder generell beziehungsunfähig, um die gängigsten, tendenziell niederschmetternden Annahmen mal auszubuchstabieren.

Vermutungen oder Feststellungen dieser Art sind allerdings nichts außer einer kurzfristigen Beruhigung. Denn: Im Bereich des Möglichen liegt vieles. Ein bisschen hohe Erwartungen ans Liebesgeschehen abbekommen haben viele von uns, uns in schlussendlich unerreichbare Personen verknallt, die unseren Selbstwert hart auf die Probe gestellt haben, wahrscheinlich auch. Und komplex sind Beziehungsangelegenheiten heute allemal, weil so viele Beziehungsmodelle unmöglich alle beherrschen können, da kann etwas Unfähigkeit schnell mal passieren. Nur dass du nicht liebenswert bist, das kann eigentlich wirklich nicht sein. 

Nicht nur in der Turnhalle

Ein weiteres Gefühl, von dem man heimgesucht werden kann, ist das ziemlich schwierige des Übriggebliebenseins. Es macht einen Unterschied, in welchem Jahrzehnt des Lebens man Single ist. Die Jahre zwischen 20 und 30 gleichen überwiegend dem unbedarften Umgang mit einem Chemiebaukasten. Gerne und oft wird in dieser Zeit experimentiert und beobachtet, was passiert, wenn man verschiedene Dinge und Menschen miteinander in Verbindung bringt, es herrscht viel Bewegung, Funken sprühen, Unfälle geschehen.

Verbundenheit? Normalität? Was steckt hinter deinem Beziehungswunsch?

Die darauffolgende Dekade zeichnet sich schon eher durch mehr Beständigkeit und Ernsthaftigkeit aus, Familien werden vielerorts gegründet und damit ein Level an Verantwortung erreicht, das jede Entscheidung genau unter die Lupe nimmt.
Für einige Menschen, die sich selbstverständlich Kinder gewünscht haben, kann dies eine sehr schwierige Zeit in ihrem Leben sein, falls sich andeutet, dass sich ein solcher Lebenswunsch vielleicht nicht ohne Weiteres erfüllt.

Doch auch ohne Kinderwunsch kann es sein, dass man das Gefühl hat, hinter dem persönlichen und/oder gesellschaftlichen Lebensplan zurückgeblieben zu sein, nicht zu schaffen, was so normal zu sein scheint.
Aber belassen wir es vorerst dabei und beobachten all diese tabuisierten Gedanken und Gefühle dabei, wie sie sich im Hellen und an der Luft so verhalten. Verletzlich sehen sie aus. Also kümmern wir uns mal besser um sie.

Toll. Und jetzt?

  1. Folgende revolutionäre Herangehensweise hat sich als vielversprechend für den Umgang mit unangenehmen Gefühlen erwiesen: Lass! Sie! Zu! Wenn sie immer wieder zurück in die Kammer der Verdrängung gestopft werden, haben sie praktisch gar keine Chance, jemals weiterziehen zu können, einem etwas vielleicht wichtiges mitzuteilen oder sich anderweitig nützlich zu machen. Und dafür sind sie da. Sie sind da, weil sie wahrgenommen werden wollen. Also tu ihnen und damit dir den Gefallen und gib ihnen einen Platz an der frischen Luft. Sprich mit jemandem darüber, schreib auf, was du denkst und fühlst, und entkräfte damit die Unbehaglichkeit, die durch Verdrängung entsteht. So erst besteht die Möglichkeit, dass sich das Gefühl verändern und zu etwas Gutem entwickeln kann.
  2. Indem man aufrichtig und ehrlich mit seinen Gefühlen gegenüber sich selbst und anderen ist, können andere auch viel besser mit einem umgehen und man erfährt mehr Verständnis und Mitgefühl anstatt Mitleid zu befürchten. Das gilt auch für einen selbst.
  3. Unterscheide klar zwischen dem, was du wirklich selber für dich und dein Leben willst und dir wünschst und dem, was du glaubst zu müssen, weil andere oder „die Gesellschaft“ es von dir erwarten. Sich darum zu bemühen, zu bekommen, was man sich wünscht ist super, dem Druck einer diffusen Masse nachgeben hingegen nicht.
  4. Wenn du in Frieden mit etwas bist, wirst du wahrscheinlich auch in Frieden gelassen. Bei Ausnahmefällen lässt sich jedenfalls besser darauf reagieren. 
  5. Freunde dich mit dem Gedanken an, dass wir einfach nicht immer bekommen, was wir uns wünschen, sogar was wir brauchen. Ein Blick auf die Habenseite lohnt sich zum Ausgleich der Gemütslage.
    Dein Leben ist nicht perfekt? Wie kann es das nur wagen! Leider steht nirgends geschrieben, dass jedem Leben eine glückliche und erfüllte Partnerschaft zusteht. Demnach ist es unsinnig, mit einer Haltung durch das Leben zu gehen, als würde einem unfairerweise eine Lieferung vorenthalten, für die man bereits bezahlt hat.
  6. Übe dich in entspannter Offenheit und lenke die Geschicke sanft. Verbundenheit z.B. kann auch an anderen Stellen gesucht und gefunden werden. Vielleicht in anderer Form und vielleicht nicht zu 100%, aber vielleicht sind 60 oder 80% von etwas schon besser, also mit 0% auf die 100% zu warten. Nimm Einfluss wo möglich und akzeptiere, was sich deinem Einfluss entzieht. Einem Verein beitreten, der seine Arbeit einem Zweck widmet, der für dich von Bedeutung ist, das lässt sich einrichten. Sich verlieben und eine andere Person ebenso verliebt in sich machen entzieht sich schon eher unserem Kontrollbereich.

Diesmal leider keine Buchempfehlung weil, wie eingangs bereits erwähnt, dieses Buch offenbar erst noch geschrieben werden muss. 

Kategorien Achtsamkeit Inspiration Selbstbild

Kathrin Hasenburger ist ehemalige Buchhändlerin, die teilzeitig in Berlin und auf einem Hof in der Uckermark lebt. Mittlerweile arbeitet sie als Autorin und Aufräumberaterin nach Marie Kondo. Für uns räumt sie mit negativen Glaubenssätzen auf.WebsiteInstagram

14 Kommentare zu “Die Sache mit dem Single-Sein

  1. Hey Hallo,

    auch wenn vielleicht das spezielle Buch erst noch geschrieben werden muss, hier vielleicht trotzdem eine kleine Empfehlung. Die Bücher von Jorge Bucay gehen sehr in die Richtung des Artikels. Insbesondere “Das Buch der Begegnung” zum Thema zwischenmenschliche Beziehungen, aber auch andere wie “Der innere Kompass” oder “Drei Fragen” machen sich sehr gut im Achtsamkeitskanon.

  2. Vielen vielen Dank! Habe ein wenig Tränen in den Augen…

  3. Hallo Kathrin,
    freu mich schon auf dein Buch zum Thema 😉
    Hast du schon “Ungebunden” gelesen?
    Best, Marie

  4. Vielen herzlichen Dank für deinen Text!!!!
    Endlich weiß ich, dass ich nicht so ganz alleine bin mit dem was ich denke und fühle!!! Diese Bestätigung zu bekommen ist unglaublich wichtig…

  5. Danke Kathrin, für deine wunderbaren Zeilen! Sie haben mich tief berührt und mir aus der Seele gesprochen. Ich denke es geht unglaublich vielen Menschen so und es ist so wichtig, dass mehr darüber gesprochen wird. Danke, dass Du einen Anfang gemacht hast!

  6. Danke für diesen ehrlichen und schönen Text.

  7. Sehr schöner Text und gute Ansätze. Top!

  8. Einfach nur „Dankeschön“.

  9. Danke schön für diesen Text! Es steckt soviel Wahrheit darin.

  10. Dieser Text berührt mein Herz und lässt mich den Schmerz zulassen, fühlen und durch mein Herz fließen. Ein Stück leichter zu sein, loszulassen und darauf zu vertrauen, dass sich alles für einen ergibt, mit sich selbst glücklich zu sein und alles andere on top kommen zu lassen, seien es 10 %, 24 % oder 97 %, fühlt sich toll an. Diese wundervollen Zeilen haben mir ein Lächeln in mein Gesicht und ein Stück Leichtigkeit in mein Herz gezaubert.
    Danke.

  11. Danke, der Artikel war wohl nicht das was ich gesucht, sondern gebraucht habe 😊

  12. Ein toller Text. Es liefen Tränen und Schmerz spürte ich in der linken Brust und Kehle. Das Atmen viel mir schwer. Lösend gleichzeitig. Und alles so wahr.
    Ich habe mich drin wiedergesehen.
    Vor allem, der Anfang. Verschiedene Hinweise wie alles zusammen hängt. Zum weiter denken.
    Danke für diesen Text.

  13. Danke!! Genau so! Genau das! <3 Der erste Text, den ich über das Thema lese, der mich nicht in schlechtem Gewissen zurück lässt, sondern der mich nach jedem Satz laut „ja!“ sagen lässt.

  14. Michelle Klesse

    Danke, danke, danke. Dieser Text entspricht so unglaublich genau meiner Seele, dass es gruselig ist. Aber gleichzeitig auch unendlich wohltuend.

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