Die Sache mit dem Alkohol (Teil 2)

An den Reaktionen zum ersten Text über die Sache mit dem Alkohol ließ sich ablesen: Es gibt ein richtig großes Bedürfnis nach Austausch. Der Umgang mit dem Trinken bzw. Nichttrinken ist scheinbar nicht nur eine individuelle Angelegenheit. Als Ergänzung folgt deswegen eine Fortsetzung mit Augenmerk auf uns alle. Was können wir tun: gegen die Stigmatisierung der Gesellschaft und für die gute Gesellschaft, die man sich am besten sucht und selbst für andere ist?

Ein Leben ohne Alkohol und Rechtfertigung dessen: eine Utopie

Alkohol ist ein für viele Leute spannendes Thema. Das Thema ist so interessant, weil sehr viele Menschen, bewusst oder unbewusst, ein Problem mit Alkohol haben, mal mehr, mal weniger. Hast du schon einmal mit jemandem emotional über Bananen diskutiert? Etwa nicht? Mach dir nichts draus. Der Verzehr von Bananen ist, im Vergleich zu Alkohol, kein so spannendes Thema. Bananen sind einfach deutlich unproblematischer.

„Eine Discoschorle bitte!“

Es kann sehr anstrengend sein, keinen Alkohol zu trinken, wenn man in einer Gesellschaft lebt, die fast lückenlos durchtränkt ist von Alkohol. Angesichts der sehr engen Verflechtungen praktisch aller Lebensbereiche und -lagen mit Alkohol erstaunt es nicht, dass es viel Zeit und Arbeit braucht, diese zu lösen. Aktuell ist man noch ein relativer Außenseiter, wenn man keinen Alkohol trinkt und Außenseiter sein finden wir meistens nur cool, wenn wir uns selbst ausgesucht haben, einer zu sein. Nicht gut mit Alkohol umgehen zu können sucht man sich aber nicht aus und das daraus resultierende Außenseitertum auch nicht. Nicht gut mit Alkohol umgehen zu können scheint auch eher die Regel, als die Ausnahme zu sein, nebenbei gesagt.

Das Nichttrinken von Alkohol zu normalisieren und zu entstigmatisieren mag ein hochgestecktes Ziel sein. Angesichts des vielen Leids, das sowohl mit dem Trinken als auch dem Nichttrinken von Alkohol entstehen kann, ist es jedoch mindestens genauso wichtig wie hochgesteckt. Und nein, niemandem soll der Alkoholkonsum ausgeredet werden. Aber er soll auch niemandem eingeredet werden.

Es gibt keinen Grund, mit etwas, was einem nicht guttut, erst aufzuhören, wenn man richtig in der Misere steckt. Das darf und sollte man schon früher tun, trotz aller Widrigkeiten, die einem begegnen können. Diese Widrigkeiten sollen im Folgenden etwas geglättet werden.

Eine Zukunftsvision

Noch ist es spannend und sehr wichtig, über den Umgang mit Alkohol zu schreiben, zu lesen, zu reden, sich auszutauschen. Aber das Ziel ist, dass alle das Thema in naher Zukunft zum Gähnen langweilig finden. Weil es dann einfach normal geworden ist, dass es auch sehr viele Menschen gibt, die keinen Alkohol trinken (Normal, frei definiert als: Was von einer breiten Masse von Menschen gemacht und akzeptiert wird und keine Augenbraue mehr in die Höhe schnellen lässt.) In dieser Zukunftsvision ist das Nichttrinken von Alkohol nichts Besonderes mehr, sind alle darüber informiert, dass Alkohol eine Droge wie jede andere auch ist und bekommt man im Bonusheft der Krankenkasse fürs Nichttrinken von Alkohol ebenso Punkte wie fürs Nichtrauchen und Aquafitkurs absolvieren.

In dieser Zukunft fragt niemand mehr danach, warum jemand keinen Alkohol (mehr) trinkt und denkt sich keine*r mehr fieberhaft Antworten auf diese Frage aus. Die Frage stellt sich dann nicht mehr, ebenso wenig wie sich heute niemand mehr darüber wundert, wenn jemand aufhört zu rauchen. In dieser Vision wissen alle, dass Alkohol potenziell problematischer ist als die Menschen, die ihn trinken. Einige entscheiden sich, die Risiken in Kauf zu nehmen, aus einer aufgeklärten und selbstverantwortlichen Haltung heraus und andere vermeiden die Risiken. Und alle lassen sich mit Ihren Entscheidungen gegenseitig in Ruhe.

Schluss mit dem Schattendasein von nicht-alkoholischen Getränken

Die Werbung für Alkohol wirkt in dieser Zukunft genauso absurd wie sie ist und Alkohol wird nicht mehr verharmlost und verherrlicht. Niemand hat mehr das Bedürfnis, das eigene Konsumverhalten mit dem einer Person abzugleichen, um sich in Sicherheit zu wähnen, sondern vertraut sich selbst. Aber in dieser Zukunft sind wir noch nicht. Auf dem Weg dorthin müssen noch ein paar Stolpersteine beiseite geräumt und ein kleiner Perspektivwechsel bewirkt werden.

Ein Gedankencocktail

  1. Alkohol ist in erster Linie ein sehr lukratives und riesiges Geschäft, das von einer Interessengemeinschaft den Rücken gestärkt bekommt, die sich für ihr eigenes Wohlergehen interessiert, nicht das Lebensglück anderer Menschen.
    Hat man diesen Fakt einmal internalisiert, fällt es leichter, nicht mehr zu glauben, was man glauben gemacht wird. Dass Alkohol zum guten Leben dazugehört, und zwar in jeder Lebenslage. Man mit Alkohol eine interessantere Person sei, oder kreativer, oder ein aufregenderes Leben hat. Der feststehende Ausdruck „Alkohol und Drogen“ erregt dann Argwohn, weil es faktisch keinen Unterschied gibt zwischen Alkohol und anderen Drogen. Alkohol ist eine Substanz, die Rauschzustände verursacht und Suchtpotenzial hat. Abgesehen von dem Unterschied, der ihm fälschlicherweise zugeschrieben wird, weil sonst ein sensationelles Geschäft zusammenbrechen würde, gibt es keinen. Nur weil der Konsum einer Substanz legal ist und an allen Stellen auf die irrwitzigsten Arten beworben wird, heißt das noch lange nicht, dass sie keine Droge ist. Eigentlich wissen wir ja, dass Werbung etwas ist, worauf man besser nicht reinfällt.
  2. Es gibt sie, die Menschen, für die die Idee vom Alkohol, der das Leben schöner und besser macht, richtig gut funktioniert. Oder für die zumindest gewisse Nachteile einfach nicht so schwer ins Gewicht fallen, die es gut in Kauf nehmen können, verkatert zu sein und die, kurz gesagt, im Großen und Ganzen einfach kein besonderes Thema damit haben, weil das Positive überwiegt. Das ist wunderbar. Niemand soll diesen Menschen den Drink aus der Hand nehmen. Mit ihnen findet man sich auch nicht in längeren Gesprächen über Alkohol wieder, weil es eben kein Problem darstellt. Es interessiert sie überhaupt nicht. Sie wissen nicht, worüber sie da reden sollen. Wo kein Problem, da keine große Debattierlust.
    Einem ersten Eindruck nach gibt es nicht so viele Menschen, die diesen ungetrübten und wirklich unbeschwerten Umgang mit Alkohol haben. Aber es gibt sie sicherlich. Immerhin gibt es auch echte Gelegenheitsraucher.
  3. Grundsätzlich steht es jedem*r frei, fast alles zu machen, was ihr*ihm gefällt. Dazu gehört auch, Entscheidungen zu treffen, die aus bestimmten Blickwinkeln, ethischen oder gesundheitlichen oder sonst welchen, weniger gut oder besser als andere zu sein scheinen. Wir haben viele unterschiedliche Vorstellungen davon, wie wir unser Leben verbringen möchten und sollten dies ungehindert tun können, wenn es keiner anderen Person schadet. Manche wollen kurz und schnell und möglichst intensiv leben, andere besonders lange oder erst das eine und dann das andere. Da gibt es viele Designs.

    In Bezug auf Alkohol gilt: Menschen, die keinen Alkohol trinken, sollten diese, die es tun genauso in Ruhe lassen wie andersrum. Gespräche über Alkohol gleichen oft jenen über Vegetarismus oder Veganismus, in die sich oft eine Note von Rechtfertigung, Verteidigung sowie moralischer Über- oder Unterlegenheit einschleicht. Sagt jemand, sie*er esse keine tierischen Produkte, antwortet ein Gegenüber gerne damit, wie sie*er es damit hält oder dazu steht. Mit Alkohol ist es oft genauso. Man muss nicht in jeden Bus einsteigen, der anhält, nur weil er anhält.
  4. Alkohol löst keine Probleme. Das stimmt. Kakao und Saft auch nicht, aber im Gegensatz zu Alkohol verschlimmern Kakao und Saft die Probleme auch nicht. Außerdem lassen Kakao und Saft es zu, deine Gedanken und Gefühle weiterhin wahrzunehmen, zu durchleben und damit einen Kreis zu schließen, der sehr wichtig ist, geschlossen zu werden. Dann hat man die Chance, am anderen Ende der Erfahrung klarer und gestärkt wieder herauszukommen.
  5. Eigentlich wissen wir alle mittlerweile schon, oder zumindest doch einige, dass Alkohol wesentlich krasser ist, als allgemein zugegeben wird. Fast jede*r hat mindestens eine Person im Kreis der Familie, Freunde und Bekannten, von dem*der gesagt wird, sie habe ein problematisches Verhältnis zu Alkohol, oder ist diese Person selbst. Etwas zu tun, von dem wir wissen, dass es gut für uns ist oder zu lassen, weil wir wissen, dass es uns schadet, ist oft schwer umzusetzen und zu verstehen. Aber die schwierigen Aufgaben anzugehen, ist oft das Lohnendste.

Zurück in die Zukunft

Wie aber kommen wir nun den Zielen näher, das Nichttrinken von Alkohol zu normalisieren, zu entstigmatisieren und sich nicht mehr in einer unfreiwilligen und unangenehmen Außenseiterposition zu wähnen? Sich den obigen Gedankencocktail einzutrichtern und auch anderen anzubieten ist in jedem Fall ein guter Anfang.

Und wie normalisiert man etwas, was noch nicht besonders verbreitet ist? Vielleicht ist das gar nicht so kompliziert: Je normaler wir mit etwas umgehen, umso normaler können auch andere damit umgehen.
Oft überträgt sich unsere Unsicherheit und Aufgeregtheit auf andere. Sobald es sich für uns einigermaßen normal und selbstverständlich anfühlt, dass wir keinen Alkohol mehr trinken, werden wir feststellen, dass unsere Mitmenschen viel weniger darauf anspringen und auch entspannter damit umgehen können.

Auch ohne Drinks in guter Gesellschaft

Wenn man keinen Alkohol mehr trinkt in einer Umgebung, in der die meisten Menschen Alkohol trinken, fängt man sich schnell und leicht Enttäuschungen ein, wenn man erwartet, dass man als Ausnahmeerscheinung, die man abbildet, unkommentiert davonkommt. Als jemand, der aufhört Alkohol zu trinken, muss man sich klarmachen, dass das für viele Menschen irritierend und ungewöhnlich ist. Und dementsprechend reagieren sie manchmal eben auch – was ziemlich unangenehm sein kann, denn irritierte Menschen, die etwas ungewöhnlich finden, können herausfordernd sein. Aber wie gesagt, man muss nicht in jeden Bus einsteigen, nur weil er anhält. Manchmal reicht auch ein einfaches Zucken mit den Schultern und ein freundliches „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“.

Zusammen weniger allein

Als jemand, der keinen Alkohol mehr trinkt, ist man oft allein damit und das fällt den meisten von uns eher schwer. Es kann Menschen sogar dazu bewegen, Alkohol zu trinken, obwohl sie dies eigentlich gar nicht wollen oder sollen.
Deswegen tu dich mit anderen zusammen. Das ist wahrscheinlich das beste und wichtigste, was man überhaupt machen kann. Je mehr „Außenseiter“ sich zusammentun, desto weniger sind sie Außenseiter, sondern eine Gruppe mit mindestens einer Gemeinsamkeit. Im Vergleich zu vor einigen Jahren ist die alkoholfreie Welt nämlich größer, vielseitiger, vernetzter und vor allem sehr viel ansprechender geworden. War die Auswahl vor nicht allzu langer Zeit noch, entweder zu den Anonymen Alkoholikern zu gehen, die aus guten Gründen nicht auf alle verlockend wirken, oder, ja genau, was anderes gab’s nämlich einfach nicht. Außer vielleicht ein paar Bücher, auf denen Frauen mit verschmierter Mascara vor einer umgekippten Flasche an einem Tisch sitzen und sich die Haare raufen. Das ist oft nicht, womit man sich gerne neu identifizieren möchte.

Zum Glück gibt es mittlerweile aber ansprechendere Bücher und Menschen, die sich mit dem Thema befassen und zu denen man schon viel lieber gehören möchte. Neben Menschen und Büchern gibt es aber auch noch Podcasts, Instagramkanäle, Facebookgruppen und sicherlich noch vieles andere, das noch entdeckt werden kann. Das Angebot an Bars, die keinen Alkohol verkaufen und alkoholfreien Getränken hat sich stark erweitert und das Image verändert sich merklich. Merklich attraktiver.

Wer gerne Teil einer Bewegung sein möchte, hat hier jedenfalls die Möglichkeit dazu. Und jede*r hat die Möglichkeit, ihre*seine eigene Bande zu gründen.
Die zahlreichen und umfangreichen Kommentare, die der vergangene Artikel erhalten hat, zeigen wie groß das Bedürfnis nach Austausch über das Thema Alkohol ist. Vernetzt euch. Redet. Redet, redet, redet, bis ihr es zum Gähnen langweilig findet und alle anderen auch. Und seid selbstbewusst dabei, denn dazu habt ihr allen Grund.


Eine Auswahl hörenswerter Podcasts, lesenswerter Bücher, Blogs und verfolgenswerter Instagramkanäle:

Podcasts:
Sodaklub – Deeptalk auf Nüchtern
me sober
Ohne Alkohol mit Nathalie (zwar mit trauriger Klaviermusik, aber trotzdem wertvollen Informationen)

Bücher:
Vom unerwarteten Vergnügen, nüchtern zu sein, Catherine Gray (9783868829587)
Quit like a woman – Nüchtern und glücklich in einer Welt voller Alkohol, Holly Whitaker (9783747403532)
Nüchtern betrachtet war‘s betrunken nicht so berauschend, Susanne Kaloff (9783596700233)
Die Klarheit – Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung, Leslie Jamieson (978- 3446258563)

Blogs:
Dates ohne Drinks
hipsobriety

Instagram:
Alle Hashtags, die mit „sober“ anfangen, oder was mit „nüchtern“ oder „ohnealkohol“ zu tun haben, ihr wisst wie das Spiel geht. Und guckt euch an, wem diese Leute wiederum folgen, da lässt sich auch vieles entdecken.
@sodaklub_com
@soberandsocial_
@drop_the_bottle
@sober_otter
@sobergirlsociety
@soberrevolution

Film:
Der globale Rausch

Zum Mitmachen:
Dry January
Sober October

5 Kommentare zu “Die Sache mit dem Alkohol (Teil 2)

  1. Gratuliere !
    Sehr lesenswert dieser Text, bin begeistert von der logischen Argumentation.
    Hab viel dazu gelernt, dankeschön.

  2. Danke für den Text. Ich lebe seit 5 Jahren vegan und trinke etwa seit 1,5 Jahren keinen Alkohol mehr. Wenn man sich schon ständig fürs vegan sein erklären muss, macht das mit dem Alkohol nicht mehr viel aus. haha.
    Aber es wird immer weniger Thema. Weil ich keine Ausnahmen mache, wird einfach nicht mehr gefragt. Ich denke, damit steckt man mehr Menschen an. Manche Menschen wollen nicht trinken und beugen sich immer wieder dem Gruppendruck. Wenn ich es diesen Menschen einfacher mache, weil ich auch nichts trinke, hat sich das Ganze umso mehr gelohnt.

  3. Ich finde den Artikel ziemlich dramatisierend im Bezug darauf, wie schwierig es angeblich sei, keinen Alkohol zu trinken. In meinem Umfeld ist das kein großes Problem. Vielleicht liegt das daran, dass ich schon 39 und keine 15 mehr bin.
    Evtl. ist der Gruppendruck bei jüngeren noch extremer.
    Wenn ich nix trinken will, dann trinke ich nix, ich muß das niemandem gegenüber groß begründen. Genauso ist es umgekehrt, wenn ich mal etwas trinke, dann muß ich das auch nicht rechtfertigen.

    Ich mache es aber auch nicht groß zum Thema. Vielleicht ist das der Unterschied. Wenn es zum Lifestyle gehört, dass man jedem gegenüber alle Entscheidungen begründet und rechtfertigt, dann wird´s halt schwierig. Schön ist aber, dass sich die Menschen über Ihren Konsum bewußt werden und auch die Auswirkungen beachten.

    Wenn jemand es mir gegenüber zu einem Thema macht, wenn ich nix trinke, dann kann ich davon ausgehen, dass es im Grunde “sein Thema” ist.

  4. Vielen vielen Dank fuer diesen Text!
    Ich bin nicht mehr allein mit diesem Thema ☺

  5. Sehr gut und wahr geschrieben!
    Danke dafür!

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