Die Sache mit der Achtsamkeit

Meditation ist eine der bekanntesten Wege, um Achtsamkeit zu üben
Dinge, die niemand überprüft: Handhaltung und Ausdauer beim Meditieren

Achtsamkeit. Seit so vielen Jahren wabert dieses Wort durch die Welt – vollkommen eindeutig ist es trotzdem nicht. Oder? Erklär mal jemandem, was Achtsamkeit ist. Dieses wolkige Wort. Viele Leute haben sich daran versucht. Mit unterschiedlichen Ergebnissen. Interessant ist die Schnittmenge an Wörtern, mit denen Achtsamkeit häufig definiert wird. Sie sind oft ebenso wenig greifbar und nicht frei von Debatten wie das Wort Achtsamkeit selbst: Bewusstsein, Gegenwart bzw. Im-Moment- Sein, Nichtbewerten. Das sind nicht unbedingt Wörter, die ihrerseits keiner Erklärung bedürften, nichts, wo alle sofort von derselben Sache reden. Sondern eher solche, die einen erneut ins freie Assoziieren oder in Erklärungsnot bringen.

Aber um die perfekte Definition von Achtsamkeit soll es hier in Wirklichkeit auch gar nicht gehen, sondern eher darum, sich erneut oder vielleicht sogar erstmalig mit einem Begriff zu beschäftigen, der dem Leben eine Bereicherung sein kann.

Vorüberziehende Wolken versus Dosenbier

Meine Erinnerung an die erste offizielle Begegnung mit Achtsamkeit im weiteren Sinne lässt nicht auf Anhieb vermuten, dass sich das Verhältnis eines Tages noch zu einem positiven entwickeln könnte. Die erste Yogastunde meines Lebens vor 20 Jahren und die Anweisung, meine Gedanken wie Wolken am Himmel vorbeiziehen zu lassen und nicht zu bewerten, machten mich nebst der gesamten Atmosphäre in erster Linie aggressiv. Kein Wunder, denn diesem Anspruch konnte ich unmöglich gerecht werden und da kann man schon mal sauer werden. Nach der Stunde holte ich mir Dosenbier und Zigaretten und einigte mich darauf, dass diese Sache, die ich da gerade mitgemacht hatte, nichts für mich sei.

Eine gewisse Hellhörigkeit, wenn es um Meditation oder Yoga ging, blieb mir aber trotzdem erhalten, wohl auch, weil es Praktiken waren, die aus gutem Grund eine Anziehungskraft auf mich ausübten, sich bloß etwas schlecht in den damaligen Lifestyle einbinden ließen. Das Verhältnis zu allem, was einen achtsamen Lifestyle so ausmacht, blieb trotzdem lange ambivalent. Einerseits wirkte so ein präsentes und diszipliniert wirkendes, meditatives, aufgeräumtes Leben zwar sehr verlockend und faszinierend, andererseits stellten sich die Versuche, Einblick in dieses Lebensgefühl zu bekommen als, na ja, irgendwie etwas langweilig und humorlos heraus.

Zu allem Überfluss löste das ständige Bemühen, voll bei der Sache zu sein und das Bewerten aus meinen Gedanken zu verbannen, eher Stress als Freude und Gelassenheit aus. Wenn ich versuchte, achtsam zu sein, erzählte ich mir selbst im Kopf sämtliche Vorgänge in mir und um mich herum und es fühlte sich meist wenig reizvoll und etwas blutleer an, dazu wurde ich leicht verrückt über die endlose Reflexion meiner Gedanken und Taten. Auch die Leute, die sich mit Achtsamkeit angeblich gut auskannten, machten überwiegend einen eher unentspannten Eindruck.

Achtsamkeit ist kein Egotrip: Auch ein nachhaltiger Lebensstil z.B. durch regionales und saisonales Einkaufen ist eine Form davon.
Auch eine Art von Achtsamkeit: ein nachhaltiger Lebensstil

Doch egal wie befremdlich die ersten Kontakte mit der Welt der Achtsamkeit waren – dieses Wort hörte deswegen nicht auf mit seiner Viralität und Allgegenwärtigkeit und tut es bis heute nicht. Und auch wenn sich die Ambivalenz nicht vollkommen aufgelöst hat, konnte sich ein wenig Achtsamkeit letztendlich zum Glück doch noch einfinden und gedeihen.

„Achtsamkeit oder keine Zeit?“


Jochen Wegner beim A oder B-Spiel im Zeit-Podcast „Alles gesagt?“

Achtsamkeit kann eine große Bereicherung im Leben sein. Unter dem Dach des Begriffs vereinigt sich so vieles: allem voran, die Aufmerksamkeit. Die gute, alte Aufmerksamkeit. Des Weiteren: Innigkeit oder Hingabe. Konzentration und Gegenwärtigkeit. Sorgfalt. Achtsamkeit kann ein mentaler Zustand sein oder eine Art, Dinge zu tun, eine Fähigkeit. Sie kann als Werkzeug eingesetzt werden, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, manchmal erscheint sie als Heilsversprechen. In Form von Rücksicht oder Umsicht taucht sie auch auf, Sensibilität und Sanftheit sind ihr oft zu eigen.

Was sie allerdings eher nicht tut, ist, uns zuzufliegen. Wie Sport oder andere Dinge, die einem guttun, zu denen wir uns aber trotzdem oft erst überwinden müssen, ist Achtsamkeit ebenso etwas, das erst geübt werden muss, bevor es uns in Fleisch und Blut übergeht. Denn bewusst im wertfreien Hier und Jetzt sind wir nicht by nature. Und auch nicht aufmerksam, konzentriert, reflektiert, sorgfältig und voll bei der Sache.

Achtsamkeit braucht viel Übung, wie Sport und andere Hobbys auch.
Achtsamkeit üben und achtsames Üben

Achtsamkeit hat manchmal etwas mit Vernunft und Belohnungsaufschub versus Lust zu tun. Eigentlich nehmen wir gerne den kürzesten und schnellsten Weg, öfter auch mal auf Kosten anderer und kehren so einiges unter den Teppich, Hauptsache, wir kommen schnell an die Kekse. Sich so viel Zeit zu nehmen, wie Vieles eigentlich erfordert, um es richtig, gründlich und mit Freude zu tun, scheint eher kontraintuitiv angesichts der immerwährenden Beschwerde über den Mangel an Zeit.

Achtsamkeit oder die Sehnsucht nach Zeit

Achtsamkeit kann nämlich vor allem folgenden Eindruck machen: einen ziemlich langsamen. Und Langsamkeit ist aktuell in unseren Breitengraden nicht in jeder Hinsicht positiv besetzt – meist sollen die Dinge schnell gehen und wollen auch wir schnell sein. Langsamkeit ist etwas, was man erstmal aushalten können muss, Geduld ist etwas, was viele Menschen lernen möchten.

Es übt eine starke Faszination auf uns aus, wenn Menschen sich Zeit nehmen, Geduld wird bewundert. Es macht sich im Wesen einer Sache bemerkbar, ob ihr Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet wurde, oder ob etwas halbherzig und unkonzentriert gemacht wurde. Wir bestaunen und genießen Dinge, die mit Herz und Hingabe gemacht wurden.

Es überrascht nicht weiter, dass die lauten und massenhaften Ausrufe über den allgegenwärtigen Zeitmangel einen nicht minder lauten Ruf nach Achtsamkeit und auch Langsamkeit auf der anderen Seite auslösen. Die Sehnsucht danach, den Dingen so viel Zeit zu widmen, wie sie verdienen, ist groß. Achtsamkeit ist so etwas wie eine Art Tugend der Gegenwart. Wenn die Umstände, in denen wir uns befinden, auf Hochtouren laufen, erfordert es eine gewisse Disziplin, diesen Umständen Paroli zu bieten, indem wir uns trauen, auszuscheren und langsam zu sein.

Achtsamkeit ohne Rosinen und Abwasch

Man kann über Achtsamkeit sehr viel in Erfahrung bringen über Bücher, Artikel, Beiträge oder Videos. Sicherlich ist das nicht schlecht, sich auf diese Weise mit dem Thema bekannt zu machen. Im Anschluss ist aber wie immer nur das, was man tut auch gut. Die Theorie kann nur die Vorbereitung sein.

Als beliebte Übungsmittel von Achtsamkeit haben sich an allererster Stelle Rosinen und das Abwaschen von Geschirr herausgestellt. Warum ausgerechnet Rosinen, wäre eine überflüssige, aber trotzdem interessante Information. Schon allein für die vielen Menschen, die keine Rosinen mögen. Aber auch Menschen mit Spülmaschinen und einer Abneigung gegen Rosinen können mitmachen, da das Repertoire der Betätigungsfelder von Achtsamkeit zum Glück weit über Rosinen und Abwasch hinausgeht.

Achtsamkeit in Form eines Terminkalenders: Ein guter Plan
Der Werkzeugkasten für ein achtsames Leben: Ein guter Plan
  1. Das unbestritten ultimative Mittel, um etwas mehr Achtsamkeit ins Leben zu holen, ist wohl die Meditation. Und Meditation ist eine der einfachsten und zugleich schwierigsten Sachen, die man so machen kann. Sich für ein paar Minuten irgendwo hinzusetzen, die Augen zuzumachen und still zu sein liegt uns selten auf Anhieb und braucht Übung. Lieber würden wir vorher noch etwas Equipment kaufen, ein kleines Studium dazu absolvieren, irgendetwas erledigen, eine App herunterladen, einen Kurs bezahlen. Natürlich können einem all diese Dinge bei der Übung oder Motivation helfen. Man sollte bloß die eigentliche Sache darüber hinweg nicht vergessen.

    In Wirklichkeit braucht es nämlich nur einen Ort, an dem man für eine Weile still sein kann. Das ist alles. Man kann einfach dasitzen oder liegen und die Augen geschlossen halten. Für ein paar Minuten oder für viele. Das kontrolliert keiner. Auch nicht, ob du nach Westen oder Osten ausgerichtet bist, ob die gleiche Zeit ist wie gestern, oder ob du den Bodyscan vorschriftsgemäß durchführst. Jede Minute, die man so verbringt, ist bereits gut gemacht. Still, mit geschlossenen Augen, mit der guten Absicht, den Atem zu verfolgen und sich erneut auf ihn zu konzentrieren, wenn wir merken, dass wir abgedriftet sind. Nicht mehr, nicht weniger.
    Was wir da tun, macht sich vielleicht ein bisschen direkt bemerkbar, indem wir uns im Anschluss eventuell erfrischter, ruhiger oder aufgeräumter fühlen. Vermutlich aber nicht in dem Ausmaß, in dem wir es uns wünschen. Mit einer sehr großen Wahrscheinlichkeit macht sich diese Praxis aber indirekt bemerkbar. An einer zeitversetzten Stelle, in unserem Alltag.
  2. Eine weitere Art, Achtsamkeit zu üben ist es, den Vorsatz zu fassen, sich einer Sache voll und ganz zu widmen. Das ist das Gegenteil von nebenbei, gleichzeitig und irgendwie. Unfairerweise werden viele Tätigkeiten als nebensächlich degradiert, alltägliche Aufgaben, deren Wirkung allerdings ganz vordergründig ist, wenn sie erledigt wurden. An dieser Stelle wird klarer, warum der Abwasch ein so beliebtes Beispiel zum Praktizieren von Achtsamkeit ist. Spülmaschine hin oder her, wir sind alle täglich von Aufgaben umgeben, deren Erledigung uns besser fühlen lassen. Ob es sich dabei um ein gemachtes Bett, das Aufhängen von Wäsche, etwas aufräumen und putzen oder eben ein Abwasch ist – es tut uns nicht nur gut, wenn wir diese Dinge erledigen, sondern es macht auch einfach viel mehr Spaß, wenn wir so tun, als sei das, was wir da gerade machen die wichtigste Sache auf der ganzen Welt.
    Aber es müssen natürlich nicht immer nur tendenziell unliebsame Aufgaben sein, mit denen sich Achtsamkeit üben lässt. Sondern auch einfach alles, wirklich alles andere, was man sonst noch so tut. Aus dem Fenster gucken, Haare bürsten, Schuhe anziehen. Alles, was man tun und wahrnehmen kann auf dieser Welt, kann man eben auch mit dieser besonderen Innigkeit. Sich auf etwas einlassen und in seiner Gänze erfassen bringt ein Gefühl mit sich, das sich nur erleben und nicht beschreiben lässt.
  3. Achtsamkeit ist kein Egotrip und keine Einladung zum Kaufrausch im Selbstlieberegal. Sie ist Rücksicht und Umsichtigkeit mit den Menschen um dich herum. Hilfsbereitschaft und Ehrlichkeit. Und eine regelmäßige Dosis Antiaggressionstraining im Straßenverkehr. Angewandte Achtsamkeit bringt uns nicht nur uns selbst näher, sondern auch unserer sozialen Umgebung. Eine Portion ungeteilte Aufmerksamkeit ist der ultimative Dünger im Zwischenmenschlichen. Und zu unserer Umwelt gehören nicht nur Menschen, sondern auch unsere unmittelbare und weitere Umgebung, die Natur. Darüber, was passiert, wenn man der Natur aufmerksam begegnet und sich in ihr bewegt, wurden genug Worte verloren. Es ist Zeit, sich von der Theorie zur Praxis zu begeben, so oft wie möglich.

Im Laufe der Zeit entwickelt sich etwas sehr Schönes und Feines, nämlich eine andere Qualität der Wahrnehmung. Zumindest streckenweise erscheint die Welt in einer neuen Textur, einer gewissen Festigkeit, Klarheit, Schärfe, Körnigkeit. Durch die Schulung unserer Aufmerksamkeit wird die Welt etwas schöner und besser und macht einfach mehr Freude.

Achtsamkeit kann also auch einfach als Aufmerksamkeit auf das für uns Wesentliche gedacht und praktiziert werden – und wer möchte, als Rebellion gegenüber einer Welt auf Hochtouren. Niemand wird uns Zeit geben, wir können sie uns nur nehmen.

2 Kommentare zu “Die Sache mit der Achtsamkeit

  1. Wieder mal ein angenehmer Beitrag! Auch nach 3 Jahren mehr oder weniger häufiger Meditation muss ich mich immer noch ermahnen mich hinzusetzen, wenn viel los ist.
    Gerade wenn man das Gefühl hat keine Zeit zu haben, weil alles andere wichtiger scheint ist das schon das beste Zeichen, mal wieder zu meditieren.

  2. Ralitsa Bender

    Vielen Dank für die wunderbare Erklärung, was die Achtsamkeit ist und wie wir sie im Alltag leben können! Ich fühle sie genau so, wie im Artikeln beschrieben.

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