Das Zauberwort Entschuldigung

Nur eine ernst gemeinte Entschuldigung bringt uns wieder näher und gibt uns das Gefühl von Verbundenheit.
Empathie + Selbstwert = Entschuldigung

Wenn wir klein sind, bekommen wir ein sogenanntes Zauberwort beigebracht: Es heißt BITTE. Anstatt etwas einfach zu verlangen, lernen wir, zuerst zu fragen und darum zu bitten, wenn wir etwas haben möchten. Dahinter steht nicht nur eine hohle Regel der Etikette, sondern eine Haltung gegenüber der Umwelt: Wir sollen lernen, dass uns nicht einfach alles zusteht, was unser Begehren anregt oder greifbar ist, sondern dass eine Frage in Verbindung mit einer Bitte zwischengeschaltet werden muss, um zu signalisieren, dass wir z.B. Eigentumsverhältnisse und Besitzer*innen respektieren.

Auch das Wort DANKE hat eine immense Bedeutung und, wenn man so möchte, reichlich Zauberkraft. Es hat nicht nur in der Selbstreflexion eine starke Wirkung, wenn wir uns in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen vor Augen führen, für welche Umstände oder Ereignisse wir dankbar sind. Bei all der Dankbarkeit, die wir mittlerweile geschult sind wahrzunehmen, vom Sonnenaufgang bis zur guten Verdauung, ist die Dankbarkeit, die wir anderen Menschen gegenüber ausdrücken jedoch von besonderer Bedeutung.
Mit unserem Dank verbalisieren wir unsere Anerkennung und geben zu verstehen, dass wir etwas nicht für selbstverständlich halten, sondern uns darüber bewusst sind, dass jemand z.B. etwas Nettes für uns getan oder uns geholfen hat. Wir geben einem anderen Menschen das gute Gefühl, hilfreich und von Bedeutung zu sein.

Entschuldigung

Doch das Zauberwort, das der eigentliche Star dieses Textes ist, ist das etwas längere Wort ENTSCHULDIGUNG.

Als kleines Kind warf mir mal ein größerer Junge einen Stein an den Kopf. Irritiert, verärgert und mit einer Beule auf der Stirn ging ich nach Hause und ließ mir von meiner Mutter versichern, dass ich es überleben würde und der Junge doof ist.
Später am Nachmittag klingelte es an der Tür und der Junge stand mit seiner Mutter dort. Er sagte eine Entschuldigung auf, zu der er offensichtlich von seiner Mutter angehalten worden war. Zum Abschluss drückten sie uns ein Glas selbstgemachter Marmelade in die Hand. Ich war weiterhin sauer auf den Jungen, weil ihm eindeutig überhaupt nichts wirklich leid getan hatte und er lediglich getan hatte, was von ihm verlangt worden war, um sein Fell zu retten.

Dieser Anekdote lassen sich ein paar Informationen entnehmen:

  1. Wir müssen erst lernen, wie man sich richtig entschuldigt.
  2. Meistens besteht im Kindesalter die Lerneinheit „sich entschuldigen“ aus der entrüsteten Aufforderung eines Erwachsenen: „Entschuldige dich! Sag, dass es dir leid tut!“ Damit verstehen wir aber noch nicht wirklich, was wir da tun und so richtig leid tut uns eigentlich auch nichts. Manchmal entfällt aber sogar diese rudimentäre Einheit und wir lernen es einfach gar nicht.
  3. Wenn wir selber nicht nachfühlen können, was sich bei dem Anderen durch unser Zutun schlecht anfühlt, weil wir z.B. selber noch nie eine Beule hatten, macht es das Entschuldigen sehr viel schwieriger.
  4. Eine mechanisch herunter gesagte Entschuldigung bewirkt leidlich mehr, als die Form zu wahren.
  5. Wenn eine Entschuldigung nicht aufrichtig ist, bleibt Unzufriedenheit zurück.

So richtig lernen, wie man sich entschuldigt, tut man eigentlich erst im Laufe der Zeit, mit wachsender Erfahrung und selbst erlittenen Beulen.

Peace

Ungezählte kleine und massive Konflikte, Kränkungen, Schmerzen und Wutanfälle hätten bereits verhindert werden können, wenn einfach nur zu einem früheren Zeitpunkt dieses kleine Wort „Entschuldigung“ Verwendung gefunden hätte. Die gute Nachricht ist, dass ungezählte kleine und große Konflikte mitsamt ihren unangenehmen Begleiterscheinungen und fatalen Konsequenzen in Zukunft verhindert werden können.

Mitgefühl und Empathie können verhindern, dass Auseinandersetzungen in die x-te Runde gehen. Außer vielleicht beim Boxen.
Mitgefühl kann so manchen Kampf abkürzen

Wahrscheinlich erinnern wir uns alle an einen Konflikt aus unserer Vergangenheit, oder haben sogar einen in der Gegenwart und kennen all die vielen Gedanken und unbequemen Gefühle, die einen Konflikt begleiten. Vielleicht wären nicht alle dieser unangenehmen Umstände und Verletzungen nötig gewesen, hätten wir oder die andere Person, oder sogar beide, zu einem früheren Zeitpunkt etwas Einsicht signalisiert. Hätte der eine oder andere Konflikt einen anderen Verlauf genommen, wäre an früherer Stelle eingelenkt worden? Sicherlich. Im Vergleich zu den vielen Schwierigkeiten, die das Kämpfen von Kämpfen so mit sich bringen, erscheint das Wort “Entschuldigung” plötzlich verschwindend kurz, einfach und leicht.

Warum also fällt es uns oft trotzdem so schwer, dieses Wort über die Lippen zu bringen und es ernst zu meinen? Weil es etwas mit Empathie auf der einen Seite und mit Selbstwert auf der anderen Seite zu tun hat. Und das sind zwei recht große Gebiete, in denen man sich erst mal auskennen muss, bevor man sich sicher in ihnen bewegt.

Empathie und Entschuldigung

Unsere Fähigkeit, uns zu entschuldigen, hängt maßgeblich von unserer Empathiefähigkeit ab.
Wenn wir uns nicht in andere hineinversetzen können, haben wir auch keine Vorstellung davon, wie sich etwas für sie anfühlt, zum Beispiel, etwas was wir gesagt oder getan haben. Deswegen verlaufen Konflikte auf dem Weg zu ihrer Lösung oftmals so, dass sich beide Seiten gegenseitig schildern, wie die Welt durch ihre Augen aussieht, erleichtern dem Gegenüber dadurch den Perspektivwechsel, es macht ‚ping‘ und plötzlich ist Verständnis und auch Mitgefühl und vielleicht sogar Bedauern da. Kommt ein solcher Austausch nicht zustande, verbleiben zwei Konfliktparteien mit jeweils nur ihrer eigenen Sicht der Dinge und bewegen sich nicht vom Fleck.

Verständnis beruht aber darauf, sich auf neue Informationen einzulassen und diese zu verarbeiten. Ist die Bereitschaft dazu nicht vorhanden, bleibt der Weg versperrt.
Es braucht etwas Flexibilität, Weichheit und Bereitschaft, temporär Unannehmlichkeiten auszuhalten, um empathisch zu sein, sich aufrichtig entschuldigen zu können und Konflikte aus der Welt zu schaffen.

Selbstwert und Entschuldigung

Eine andere Hürde auf dem Weg zu einer erfolgreichen Entschuldigung ist die unnötige Befürchtung, damit gleichzeitig eine Schwäche einzugestehen oder sich in einer Form „kleinzumachen“. Vielen leuchtet zwar mittlerweile schon ein, dass Härte und Stärke nicht gleichzusetzen sind, ebenso wenig, wie Nachgiebigkeit, also Weichheit mit Schwäche gleichzusetzen sind, aber diese Sichtweise ist noch relativ jung und hat sich noch nicht vollständig in allen Köpfen und Herzen verankert. In der Schuld einer*s anderen zu stehen, bedeutet, in zumindest einer Hinsicht nicht auf Augenhöhe miteinander zu sein. Wenn jemand mit einer Entschuldigung im eigentlichen Wortsinn die Schuld von sich genommen haben möchte, steht es in der Macht des*der Anderen, dies zu tun oder nicht, man ist also auf die andere Person angewiesen, um von seiner „Schuld“ befreit zu werden.

Die Angst davor, dass ein Schuldeingeständnis dazu führt, unser Gesicht zu verlieren, hält uns oft von einer Entschuldigung ab. Dabei ist es genau andersrum.
Dinge, die nicht immer ein schlechtes Licht auf dich werfen: Sonne, Fehler

Sich zu entschuldigen kann sich wie eine Bedrohung für den eigenen Stolz oder Selbstwert anfühlen. Immerhin gesteht man ein, dass man einen Fehler gemacht hat, dass man an irgendeiner Stelle nicht so toll ist oder war, wie man es eigentlich gerne ununterbrochen wäre. Dazu kommt der Eindruck, dass nachzugeben oder weich zu sein uns angreifbarer oder verletzlicher machen könnte. Klaro, an etwas Hartem prallen Angriffe eher ab, Weiches ist verletzlicher, zumindest in der physischen Welt ist das so. Die Frage ist nur, ob man überhaupt angegriffen wird, oder ob jemand eigentlich selber verletzt ist und sich lediglich eine Entschuldigung von uns wünscht…

Worum geht’s eigentlich?

Konflikte entwickeln schnell und gerne ein dynamisches Eigenleben, dessen Entstehung bald nur noch schwer bis gar nicht mehr nachverfolgt werden kann. Während die einzige Frage von Bedeutung sein sollte, wie der Konflikt möglichst schonend und wirkungsvoll aus der Welt geschafft werden kann, sind die Beteiligten meist mit ganz anderen Fragen beschäftigt. Meistens handelt es sich um die Frage danach, warum der*die andere eigentlich so blöd ist, was natürlich eher eine rhetorische Frage zum Aggressionsabbau ist. Nebenbei ist man sehr beschäftigt damit, sich selbst zu beweisen, dass man mit seiner Sicht der Dinge vollkommen im Recht ist.

Wenn ein Bruchteil der Energie, die darauf verwendet wird, recht zu haben, darauf verwendet werden würde, sich um Verständnis zu bemühen und eine Lösung zu finden, sähe die Welt vermutlich ziemlich anders aus.
Konflikte hat man miteinander, es kann also nicht nur um einen selbst gehen, darum, auf seiner Meinung zu beharren, oder Recht zu behalten. Es geht darum, dass es möglichst allen möglichst gut geht. Und das lässt sich nicht erreichen, wenn alle überwiegend mit sich selbst, Rechthaberei, Stolz und eigenen Kränkungen beschäftigt sind.

Die Lösung

Sozial wie wir ausgerichtet sind, wollen wir meistens einfach nur gesehen und verstanden werden. Alle. Aber ganz besonders ist uns das ein Bedürfnis, wenn uns eine Ungerechtigkeit oder Verletzung widerfahren ist.
Dreh- und Angelpunkt ist dabei die Anerkennung des Gegenübers, von der Person, die mit dieser Ungerechtigkeit oder Verletzung eventuell etwas zu tun hat. Das heißt, dass die Person, die etwas verbockt hat, anerkennen sollte, dass ihr Verhalten bei einer anderen Person einen Nachteil bewirkt hat. Doch auch unabhängig davon, ob ein Fehler oder Missgeschick aus Absicht oder Versehen passiert ist, schadet es nie, Mitgefühl für seine Mitmenschen zu zeigen und Anteil an einem Leid zu nehmen, das ihnen widerfahren ist, egal wie groß oder klein.

Durch eine aufrichtige Entschuldigung können sich Nähe, Verständnis und Verbundenheit wieder entwickeln - egal ob bei Freund*innen, Partner*innen oder anderen Mitmenschen.
Sich verbunden fühlen > Recht haben

Es geht um einen Menschen, mit dem einen irgendetwas verbindet und nicht um einen selbst, dem ein Zacken aus der Krone bricht, wenn man sich entschuldigt. Sogar das Gegenteil ist der Fall: Die Fähigkeit, Fehler einzugestehen ist sehr viel heroischer als Vertuschungsversuche oder gar Abwälzungen es jemals sein könnten und die Krone glänzt erst richtig, wenn man Rückgrat zeigt. In einer Entschuldigung steckt aber mehr als nur die Bitte, dass Schuld von einem genommen werden soll. Entschuldigungen entfalten erst ihre volle Wirkung, wenn sie an Taten gekoppelt werden. Zu guter Letzt ist es aber auch von großer Bedeutung, dass die Person, bei der sich entschuldigt wird, die Entschuldigung auch beantwortet und nicht offen stehen lässt.

Sich aufrichtig entschuldigen zu können, für Fehler einzustehen und Anteil an negativen Erfahrungen anderer zu nehmen, sind ausdrückliche und deutliche Stärken, von denen alle profitieren. Nur so können sich Nähe, Verständnis und Verbundenheit wieder entwickeln. Und all das brauchen wir letztendlich alle, miteinander und voneinander.

Kategorien Achtsamkeit Inspiration Selbstbild

Kathrin Hasenburger ist ehemalige Buchhändlerin, die teilzeitig in Berlin und auf einem Hof in der Uckermark lebt. Mittlerweile arbeitet sie als Autorin und Aufräumberaterin nach Marie Kondo. Für uns räumt sie mit negativen Glaubenssätzen auf.WebsiteInstagram

1 Kommentar zu “Das Zauberwort Entschuldigung

  1. Sabrina Schmitt

    Toller Text! Ich freu mich immer wieder, wenn es mit mir selbst etwas macht.
    Ich nicht “nur” das Gefühl habe die Welt, meine Welt, nun wieder verbessern zu können, sondern am Ende wirklich was mitgenommen habe. Vielen Dank 🙏

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