Über kleine Veränderungen im Großen und Ganzen

Neujahrsvorsätze schreien laut nach Veränderung. Die Motivation ist riesig, das halbe Leben umzukrempeln. Dabei ist Veränderung in kleinen Schritten wahrscheinlich sogar effektiver.
New year, same you – du bist gut genug!

Veränderung ist eine paradoxe Angelegenheit. Nicht nur, dass sie die einzige Konstante im Leben ist, wie Heraklit vor vielen Jahren ganz richtig bemerkt hat. Im Gegensatz zu Optimierungen sind Veränderungen unvermeidbar, trotzdem werden beide häufig in einen Topf geworfen. Wieso sich ein genauerer Blick auf den Unterschied lohnt, erfahren wir später.

Oft wünschen wir uns Veränderungen, fühlen uns dann aber doch etwas unwohl, wenn sie wirklich eintreten, oder wir uns bemühen sie umzusetzen. Wir fürchten um unseren Komfort auf dem Weg zum gewünschten Ergebnis – die Lücke zwischen Theorie und Praxis kann nervenaufreibend sein, keine Frage.

Trotz unseres meist ambivalenten Verhältnisses zu Veränderungen hören wir nicht auf, sie herbeizuführen – entweder, weil wir sie uns wünschen, oder weil sie aus einem zwingenden Grund stattfinden müssen. Und auch, obwohl eine nicht minder starke Kraft uns regelmäßig ins Ohr säuselt, dass das mit dieser Veränderung auch wirklich noch ein bisschen warten kann.
Persönliche, berufliche, gesundheitliche, gesellschaftliche, klimatische – Veränderung findet statt und wird gemacht, überall wo Leben ist.
Eine Frage ist bloß, wie viel Veränderung überhaupt nötig und möglich ist und eine andere, wie sich Veränderung nachhaltig umsetzen lässt, und zwar ohne zusammengekniffene Zähne.

Gewohnheitstiere mit Fortschrittswünschen

Diesen gegeneinander arbeitenden Wünschen nachzukommen nach Komfort einerseits und Herausforderung andererseits, Gewohnheit und Fortschritt, Routine und Entwicklung, ist nicht immer leicht. Wir brauchen von allem etwas. Rückzug zum Altbekannten, um uns sicher zu fühlen und ausruhen zu können, ist Voraussetzung dafür, an anderer Stelle neue Gebiete zu erkunden, uns auszuprobieren, Ideen anzubringen und Neues entstehen zu lassen.

Komfortzonen zu verteufeln bringt uns in die Gefahr einer permanenten Überforderung durch zu viel Neues und Anstrengung. Sich lediglich in der Komfortzone aufzuhalten führt wiederum zu Unterforderung und Boreout. Die Lösung kann also nur sein, sich zwischen beidem zu bewegen und abzuwechseln. Erst ein bisschen hiervon, dann ein bisschen davon. Und plötzlich ist es gar nicht mehr so schwer und die „Wachstums-/Veränderungsschmerzen“ sind nicht mehr so schlimm, im Gegenteil, eigentlich fühlt es sich sogar richtig gut an.

Veränderung versus Optimierung

Es gehört zum guten Ton, sich offen für Ideen zu Veränderungen zu zeigen. Alles andere könnte einem als nicht fortschrittsliebend ausgelegt werden und das ist überwiegend ziemlich verpönt. Eine rege Bereitschaft, etwas verändern zu wollen, an sich selbst und dem eigenen Leben, an Ernährungs- oder Sportgewohnheiten, dem beruflichen Werdegang, dem Beziehungsstatus, an gesellschaftlichen Missständen oder dem Gang der Welt, nichts nimmt sich von der Möglichkeit aus, dass wir es verändern wollen. Andersherum betrachtet bedeutet kann dies aber auch darauf hinweisen, dass der gegenwärtige Zustand als nicht ausreichend wahrgenommen wird. Es lohnt sich allerdings, sich Gedanken darüber zu machen, ob das wirklich so häufig der Fall ist.

Bücher wie "Atomic Habits" von James Clear oder "Thinking, Fast and Slow" von Daniel Kahneman sind gute Inspirationsquellen, um Veränderung in das eigene Leben zu bringen
Bücher: Gute Inspirationsquelle für Veränderung im Leben

Der Unterschied zwischen Veränderung und Optimierung verschwimmt im alltäglichen Gebrauch leicht. Dabei ist er ziemlich bedeutsam. Optimierung zielt darauf ab, etwas, das wahrscheinlich schon durchaus annehmbar ist, zu perfektionieren, es geht um eine Verbesserung von etwas, das sich bereits gut nennen kann. Optimieren heißt verbessern und „besser“ ist die Steigerung von „gut“. Und mit dem Optimieren ist es ja so eine Sache. Eine, die viel Unzufriedenheit erzeugen kann. Zum einen, weil das zu Optimierende offenbar nicht gut ist, so wie es ist und damit bereits ein Quell von Unzufriedenheit. Zum anderen, weil Optimierung sich an einem nebligen Punkt in Perfektionierung verwandelt und neben der damit einhergehenden Unzufriedenheit auch noch eine wahnsinnig anstrengende Rastlosigkeit mit sich bringt.

Aber ähnlich wie beim scheinbar ewigen Wachstum, das nur sprachlich oder in einer nicht physikalischen Welt möglich ist, wird auch bei der Optimierung und Perfektionierung irgendwann ein Moment erreicht, an dem alles kippt, vor allem die Sinnhaftigkeit. Wie es sich anfühlt, sich in einem ewigen Zustand von nicht gut genug zu befinden, kennen viele und wissen, dass das sehr unangenehm sein kann. Deswegen ist es wichtig, herauszufinden, bis wohin uns eine Bemühung zur Verbesserung noch motiviert hält und Freude macht, bzw. ab welchem Punkt es uns unglücklich macht und überfordert.

Optimierung ist also eine spezielle Art der Veränderung, eine enger gefasste. Mit ihr uneingeschränkt zu hantieren ist nicht zu empfehlen. Schlimmer geht immer, besser geht aber auch immer. Deswegen ist es gut, sich zu überlegen, bis wohin Verbesserung für einen selbst und die Welt überhaupt gesund ist.

Was willst du verändern? Und vor allem, warum?

Veränderung hingegen ist, im Gegensatz zur Optimierung, viel weiter gefasst, der Prozess eines Zustands in einen anderen. Sie ist erstens unvermeidbar und zweitens zum Positiven selbstverständlich erstrebenswert. Veränderung ist so cool, weil wir uns als Menschen Dinge überlegen und dann in die Tat umsetzen können. Wir können uns für Veränderungen entscheiden, das können dem aktuellen Wissensstand nach nicht alle Lebewesen von sich behaupten. Als Gegenteil von Beständigkeit steht Veränderung für Bewegung und Leben. Ein gewisses Maß an Beständigkeit ist unerlässlich und bedeutet im Umkehrschluss nicht das Gegenteil von Leben. Vielmehr lässt sich erkennen, dass wirksame und nachhaltige Veränderungen bestenfalls aus einem Zustand der Ruhe entstehen.

Es gibt viele Lebensbereiche mit Potenzial für Veränderung, z.B. gesunde Ernährung. Die Frage ist: Tu ich es für mich oder eigentlich für die Anerkennung anderer?
Gesündere Ernährung muss nicht so perfekt aussehen

Da sich nun nicht pauschalisieren lässt, dass Optimierung immer schlecht und Bemühung um positive Veränderung immer gut ist, benötigen wir andere Anhaltspunkte zur Orientierung. Hier haben sich die berühmten W-Fragen bewährt. In Kombination mit einem kenntnisreichen Einsatz der eigenen persönlichen Werte bekommt man schon richtig gute Antworten.

Also dann! Was willst du verändern? Grüner Tee statt Kaffee morgens? Oder die Klimapolitik? Deine*n Partner*in? Jeden Tag joggen gehen? Weniger Screentime? Mehr Bücher lesen? Neue Frisur? Soziale Ungleichheit abschaffen? Öfter beim Opa melden? Selbstbewusster werden? Vegan ernähren?

Als Nächstes ist noch ein Blick auf das Warum lohnenswert. Die Antwort auf diese Frage versorgt dich nämlich mit der nötigen Motivation, sie umzusetzen. Beweggründe, die auf unseren persönlichen Werten beruhen, begünstigen erfolgreiche Veränderungen, wir setzen uns sozusagen aus vollem Herzen in Bewegung.

Die Frage nach deinem ganz persönlichen Warum klärt, ob du einem inneren, aus nennbaren Gründen überzeugten Antrieb heraus einem Bedürfnis nach Veränderung nachkommen möchtest, oder ob es sich um einen Drang zur Optimierung handelt, dessen Gründe häufig in einer diffusen (unbegründeteten?) Unzufriedenheit mit dir selbst und dem Leben liegen.

Cool. Und jetzt ‘wie’!

Mehr hiervon, weniger davon. Und überhaupt. Unsere Veränderungswünsche sind häufig dazu verdammt, ewige Wünsche zu bleiben, weil sie zu ungenau sind, zu groß, zu zahlreich und vielleicht tatsächlich die Grenzen des Machbaren übersteigen. Die gibt es nämlich, auch wenn manchmal das Gegenteil behauptet wird.

Zwischen dem Wunsch nach Veränderung und der Verwirklichung geht vielen die Luft aus. Wichtig ist deshalb zu wissen, wie diese Veränderung aussehen sollen und welche Motivation dahinter liegt.
Von der Theorie zur Praxis ohne Kapitulation?

Damit unsere Vorhaben nicht zu leeren Floskeln werden, muss das Was, das wir ändern wollen, unbedingt mit einem Wie verknüpft werden. Und zwar einem realistischen. Eine Aufgabe kann nur so gut erfüllt werden, wie sie gestellt wird. Die Lücke zwischen Theorie und Praxis, zwischen Veränderungswunsch und dessen Verwirklichung, da geht uns oft bereits die Luft aus. Haben wir uns allerdings gut überlegt, was wir wollen, warum und wie die Umsetzung aussieht, kann es den Moment, in dem aller Anfang schwer ist, gar nicht geben. Dann wollen wir nämlich einfach nur anfangen und machen.

Hier also nochmal eine kleine Zusammenfassung typischer Hindernisse und ihrer Überwindung:

  1. Gegen Ungenauigkeit hilft Präzision. Aus „ein netterer Mensch werden“ könnte also zum Beispiel „beim Bezahlen nicht telefonieren“ werden und schon wäre der Anfang gemacht, an den sich viele andere kleine Veränderungen im Laufe der Zeit anschließen können.
  2. Gegen das Hindernis, zu viele Veränderungen zu nur einem Zeitpunkt herbeiführen zu wollen, hilft wenig überraschend nur, sich weniger vorzunehmen. Das ist nicht leicht und intuitiv, wenn man daran gewöhnt ist, alles immer schnell und viel zu machen, zu wollen, zu leben etc., aber wenn man einmal akzeptiert hat, dass es Grenzen gibt, dann ist es sehr entspannend, sich nur ein paar Veränderungen auszusuchen und vorerst auf diese wenigen zu konzentrieren.
    Anstatt also kurz vor Neujahr eine lange Liste zu verfassen, die von „anfangen zu sparen“ bis „Zettelwirtschaft aufhören“ reicht, belasse es nicht bei dieser Liste der Unmöglichkeit, sondern such dir die wichtigsten Punkte raus, vielleicht nicht mehr als drei, die dich am ehesten anziehen und erarbeite dir eine konkrete Umsetzung.
  3. Das dritte Hindernis, zu große Veränderungen, hemmt uns auf eine andere Weise durch die Überforderung, die uns von Anfang an peinigt, wenn wir sie nicht auf das Machbare herunterbrechen. Beispielsweise „Klimawandel stoppen“ oder „Jeden Tag joggen gehen“. Denkbar hingegen wäre, einer Initiative etwas von deiner Kraft, Zeit, oder deinem Geld zu geben, einer, die sich schon mit Klimawandel stoppen auskennt, oder einen festen Tag in der Woche zu verabreden, an dem dich nichts davon abhalten kann, joggen zu gehen.
  4. Das vierte Hindernis, die Grenzen des Machbaren, wirft uns ziemlich unerbittlich auf uns selbst und die Physik zurück. Es wäre beispielsweise zwecklos, mich zu einer spontanen Person entwickeln zu wollen. Auch wenn mir die Vorzüge von Spontanität bekannt sind und ich diese schätze, ist diese Eigenschaft einfach zu gegensätzlich zu meiner Planungsliebe. Warum aus einem Apfel eine Birne machen? Akzeptanz und Selbstannahme mögen im ersten Schritt manchmal nicht so leicht sein, im zweiten Schritt erleichtern sie aber sehr vieles.

Tendenz statt Konsequenz

Egal was es ist, was wir gerne verändern wollen, uns oder die Welt – allem voran steht eine Entscheidung, die wir bestenfalls an unseren Werten ausrichten.
Wenn wir etwas verändern wollen, ringen wir oft um Konsequenz und Disziplin, um eine 100%igkeit, die in Wirklichkeit nicht unbedingt nötig ist. Sie kann unseren Bestrebungen sogar im Weg stehen und sorgt dafür, dass alles, was sich unterhalb der Linie befindet, die wir von uns erwarten, diskreditiert wird oder als nicht gut genug befunden. Tatsache ist hingegen, dass alles, was wir tun und verändern einen Wert hat. Vollkommen unabhängig davon, ob wir uns ursprünglich vorgestellt haben, diese Sache eigentlich von nun am immer, oder nie wieder zu tun.

Der Klimawandel ist eine Angelegenheit mit großem Bedarf an Veränderung
Eine Angelegenheit mit gewaltigem Veränderungsbedarf

Wenn einer deiner stärksten Werte z.B. Nachhaltigkeit ist und du zu der Überzeugung gekommen bist, dass du diesen Wert am besten mit einer veganen Ernährungsweise leben könntest, das aber nicht immer und unmittelbar völlig easy für dich ist, ist das kein Grund, an der Sache an sich zu zweifeln. Wer sagt denn, dass irgendetwas 100 % sein muss? 80 %, 3 % oder 44 % sind doch auch nicht nichts! Zugunsten des mittlerweile ziemlich überholten Anspruchs, alles Mögliche vollkommen diszipliniert und konsequent durchzuziehen, ist die Herangehensweise mit einer deutlichen Tendenz sehr viel angenehmer, anpassungsfähiger und verfolgbarer. Und unterm Strich kommt vielleicht sogar ein sehr viel besseres Ergebnis heraus, als mit dem Ansatz der absoluten Konsequenz, der uns in die Mangel zwischen Erfolg und Versagen nimmt.

Eine Tendenz, eine Richtung, ist nicht so unbarmherzig wie die Perfektion und deswegen auch leichter zu verfolgen. Denn auch wenn etwas nur ein bisschen ist, kann es trotzdem einen immensen Wert transportieren, in jedem Fall aber ein solides bisschen Wert. Jedes Bisschen ist mindestens ein bisschen gut, wenigstens ein kleiner Bedeutungsträger und erleichtert den nächsten Schritt. Eigentlich also eine ganze Menge, die so ein Bisschen kann.

1 Kommentar zu “Über kleine Veränderungen im Großen und Ganzen

  1. Ein dickes Dankeschön für diese Anregungen!! Es ist soo tröstlich und hilfreich, all unsere Selbstsorge und das Machbare, die Veränderungsnotwendigkeiten und die Optimierungsansprüche einmal von „weit weg“ und dennoch „nah dran“ be-gut- achten 💪😀 zu können!! (GutAchten, jaaa!)Die W-Fragen aus dieser Sichtweise heraus zu stellen und „das Bischen“ so richtig wert zu schätzen! Echt klasse!! Weiter so! Und nochmal „danke“ für die guten Impulse !!!
    Herzliche💜Grüsse
    Sabine

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