Warum wir nicht immer mutig sein müssen

Die Komfortzone gut vorbereitet verlassen

Ich lernte früh, dass ohne Mut fast nichts geht. Schon in meiner Kindheit schlug ich mich mit meiner Schüchternheit herum und brauchte jeden Tag eine riesige Portion Mut für alles, was irgendwie mit Menschen zu tun hatte: Den einen Anruf endlich machen, fremde Leute ansprechen, im Supermarkt um Hilfe bitten, wenn das Regal mal wieder zu hoch für mich war, Blickkontakt halten, vor einer Gruppe Menschen meine Meinung vertreten – oh ja, die Liste war lang. 

Alles, was für Andere völlig selbstverständlich ist und zum normalen Leben einfach dazugehört, war für mich früher ein riesiger Kraftakt. Also sagte ich meinem alten Ich den Kampf an. „Einfach machen!“, wurde zu meinem Lebensmotto, um zu überleben. Unterstützung erhielt ich dabei von allen Seiten – sprang mir doch in jedem zweiten Instagram-Posting, Zeitungsartikel oder Ratgeber die Botschaft entgegen:

„Dein Leben beginnt da, wo deine Komfortzone endet!“

„Werde dein bestes Selbst!“

„Hol das Maximum aus dir raus!“

Und damit nahm das Dilemma seinen Lauf: Ich erklärte die Komfortzone zu meinem persönlichen Feindbild. Fortan war mir nichts wichtiger, als noch mehr über mich hinauszuwachsen und mir selbst zu beweisen, wie gut ich sein kann.

Es geht nicht immer um den großen Mutausbruch

Mut ist wichtig, keine Frage. Wir alle brauchen ihn jeden Tag: Zum Aufstehen und Loslegen, zum Durchhalten an schweren Tagen, zum Starksein für unsere Lieben, zum Loslassen. Als ich mit meinem Mann Timon an unserem gemeinsamen Buch „Trau dich, Mut steht dir“ gearbeitet habe, haben wir knapp 1000 Menschen gefragt, wofür sie gerade Mut benötigen. Interessant ist, dass die Teilnehmenden nicht nur große Ereignisse wie Heirat, Jobwechsel, die Geburt eines Kindes oder einen Umzug nannten. Vielmehr wurde uns bei der Recherche klar: Mut ist etwas ganz Alltägliches.

„Mut ist nicht immer brüllend laut. Manchmal ist es die ruhige, leise Stimme am Ende des Tages, die sagt: Morgen versuche ich es wieder.“

Mary Anne Radmacher

Viele der Befragten schrieben uns, dass es sie täglich Überwindung kostet, anderen ihre Emotionen mitzuteilen oder auch mal Nein zu sagen. Andere brauchen viel Mut, um in einem leistungsorientierten Umfeld um Hilfe zu bitten, zu den eigenen Fehlern zu stehen, neue Aufgaben zu übernehmen oder sich selbst mehr zuzutrauen. 

Mutig: in kalten Seen baden

Und manchmal braucht es einfach Mut, um morgens überhaupt aus dem Bett zu kommen und einen Tag voller unangenehmer Aufgaben anzupacken.

Mutig sein kostet viel Kraft – und die müssen wir erstmal haben

Mut zu zeigen bedeutet aus der eigenen Routine auszubrechen. Wir tun etwas, das wir nicht gewohnt sind und wo wir uns nicht auskennen. Fakt ist: Das kostet Energie. Enorm viel Energie. Denn wir kämpfen dabei oft mit inneren Widerständen, die uns mit aller Macht davon abhalten wollen, einen neuen Weg einzuschlagen. Und hier liegt die große Gefahr: Wir überfordern uns leicht und wollen den Fortschritt mit der Brechstange erzwingen.

Die meisten von uns kennen ihre Baustellen gut und wissen genau, wo sie unbedingt wachsen möchten und sich nach Veränderung sehnen. Doch mindestens genauso wichtig ist es, dass wir genau wissen, was unsere Kraftquellen sind und wir sie anzapfen können. 

Als ich meiner Schüchternheit den Kampf ansagte, ernannte ich Mut zu meinem neuen Lebensmotto und sagte fortan ja zu allem, was mir eine irre Angst einjagte:

„Willst du ein Buch über deine größten Ängste schreiben?“ – „Aber hallo!“

„Willst du wildfremde Menschen anschreiben und sie darum bitten, deine Arbeit zu promoten?“ – „Ja, klar!“

„Willst du auf dieser Konferenz auftreten?“ – „Auf jeden Fall!“

Nein sagen kam für mich fortan nicht mehr infrage, denn ich wollte wachsen, wachsen, wachsen und nicht feige sein.

Mut zur Routine!

Wie anstrengend! Und auf die Dauer nicht gesund. Wir brauchen auch mal eine Mut-Pause und wir brauchen unsere geliebten Routinen. Es ist nämlich so: Viele Verhaltensmuster haben sich aus einem ganz bestimmten Grund bei uns eingeschlichen. Sie geben uns Struktur und sorgen für Wohlbefinden. Welche dieser Strukturen auf Dauer förderlich sind oder eher dafür sorgen, dass wir manchmal zu bequem werden – das steht nochmal auf einem anderen Blatt. 

Doch halten wir fest: Routinen sind dazu da, um Energie zu sparen und uns das Leben leichter zu machen. Und das ist prima. Indem wir bewusst unsere Kräfte einteilen und uns zwischen neuen Herausforderungen genügend Zeit zum Auftanken geben, sind wir bereit für den nächsten Mutausbruch und kommen unserem großen Ziel einen Schritt näher.

Ausgewogenheit finden

Wenn wir uns nicht oft genug erlauben, auch mal eine ruhige Kugel zu schieben, hat das negative Effekte auf unsere physische und psychische Gesundheit. Immer wieder mutig zu sein erfordert Energie, die erst einmal vorhanden sein muss. Das trifft auch dann zu, wenn es um Ziele und Projekte geht, auf die wir Lust haben und es gar nicht erwarten können, endlich anzukommen! Die dauerhafte Anspannung durch Leistungsdruck von innen und außen kann zu chronischer Erschöpfung führen. 

Für mich wurde mein Wagemut irgendwann zu einem Bumerang: All meine Ängste kehrten plötzlich wieder zurück, sogar stärker denn je. Ich konnte nicht einmal mehr die Dinge tun, die mir normalerweise leichtfielen und war völlig ausgelaugt, weil ich zu viel in zu kurzer Zeit von mir erwartet hatte. Zu berauschend fand ich es, die kritische Stimme in meinem Kopf zu ignorieren und endlich das zu tun, was ich wollte. Eine gesunde Balance zwischen Rückzug und Attacke kannte ich nicht. Ich hatte keine Lust mehr auf die alte, schüchterne Melina, wollte alles auf einmal an mir ändern und gestand mir keine Ruhephasen zu.

An diesem Punkt angekommen, dämmerte mir, dass es auch anders gehen muss. Es gibt einen Sweet Spot, den optimalen Bereich zwischen Komfort und Panik, den ich früher komplett ignoriert habe. Wo der genau ist, lässt sich am besten mit dem sogenannten 3-Zonen-Modell aus der Pädagogik erklären: Es besteht aus der Komfortzone, der Lernzone und der Panikzone.

Mut muss nicht nur in der Panikzone stattfinden. Es reicht, ab und zu die Komfortzone verlassen, wenn sich die Gelegenheit zu lernen, gut anfühlt.
Zwischen Komfort und Panik (© Melina Royer)

Der innere Kreis, die Komfortzone, erklärt sich fast von selbst: Hier fühlen wir uns wohl und kennen uns bestens aus. Unsere Gewohnheiten und Routinen geben uns Stabilität und Planbarkeit, das Wissen um unsere Fähigkeiten und Stärken gibt uns Selbstvertrauen. Kurz gesagt: Unsere Komfortzonen sind ein großartiges Refugium, in das wir uns zum Auftanken zurückziehen können, wenn der Stress im Außen überhandnimmt.

Wenn wir dieses sichere Nest verlassen, betreten wir die sogenannte Lernzone, auch Wachstumszone genannt. Hier erwartet uns die Chance auf persönliches Wachstum, neue Lebenserfahrungen und Fähigkeiten. Aber wir müssen dafür auch Risiken eingehen und können uns nicht nur auf unsere Erfahrungswerte verlassen. Das verunsichert uns natürlich ein wenig und lässt uns vorsichtiger werden. Doch wenn wir uns Schritt für Schritt an die neue Aufgabe herantasten, gewinnen wir hier neue Erfahrungen und unsere Komfortzone wächst. Klingt gut so weit?

Aber dann wäre da ja noch der dritte Bereich: Willkommen in der Panikzone! Ich bin mir sicher, dass wir sie alle schon einmal besucht haben. Sie bedeutet den Sprung ins Ungewisse, ins kalte Wasser. In diesem Terrain haben wir keine Kontrolle mehr. Sich in der Panikzone zu bewegen, bedeutet großen Stress für unseren Körper und damit einen erheblichen Energieverlust. Meine persönliche Panikzone beginnt z. B. dort, wo ich vor vielen Menschen eine Rede halten soll. Ich habe das zwar schon einige Male getan, aber dennoch nicht häufig genug, um mich in diesem Bereich so zu Hause zu fühlen, dass meine Emotionen nicht mit mir Achterbahn fahren. Das Betreten der Panikzone geht meistens mit einem ausgeprägten Gefühl der Überforderung und körperlichen Symptomen einher, beispielsweise mit Schweißausbrüchen und Herzrasen. 

Zugegeben: Wir können in der Panikzone gewaltig wachsen. Das Erfolgserlebnis nach der überstandenen Panik ist einfach unbeschreiblich! Wir fühlen uns, als hätten wir unseren ganz persönlichen Mount Everest bezwungen. 

Doch wenn wir uns zu oft hier aufhalten und von uns in jeder Situation Höchstleistung erwarten, brennen wir aus. Stressfreier wäre es, wenn wir uns nicht zu viel auf einmal aufbürden und stattdessen regelmäßiger die Lernzone aufsuchen.

Soweit die Theorie. In der Praxis kommt noch ein weiterer, wichtiger Faktor hinzu:

Uns steht nicht jeden Tag dieselbe Energie zur Verfügung 

Es ist vollkommen menschlich, nicht immer dieselbe Leistung abrufen zu können. Ob wir uns mutig und stark genug fühlen, hängt maßgeblich von unserem aktuellen Körpergefühl ab und davon, wie gut wir für uns selbst gesorgt haben.

Wenn ich eine schlechte Nacht hatte, zu spät das Haus verlassen habe und das Frühstück auslassen musste, brauche ich mich nicht über die Selbstzweifel wundern, die plötzlich wieder hallo sagen. Natürlich strotze ich dann nicht vor Mut und Willenskraft. Es ist völlig menschlich, dass ich an diesem Tag mit stark begrenzten Ressourcen auskommen muss und womöglich Fehler mache, die ich sonst gar nicht von mir kenne. Immerhin fahre ich mit einem leeren Tank durch den Tag. Woher also soll meine psychische Widerstandskraft kommen?

Grundvoraussetzung für Mut: ein voller Energiehaushalt. Deshalb sind viel Schlaf und eine ausgewogene Ernährung auch dafür hilfreich, sich gewappnet für die Herausforderungen des Lebens zu fühlen.
Grundvoraussetzung für Mut: ein voller Energiehaushalt

Oder nehmen wir dann, dass ich im Meeting am Nachmittag kein Wort herausbringe. Könnte es zum Beispiel daran liegen, dass ich schon so viele Brände löschen musste, dass nicht mehr genügend Energie übrig ist, um mich heute nochmals zu einem Beitrag überwinden? Jede*r von uns kennt solche Tage. Manchmal werden sie sogar zu Wochen oder Monaten, in denen wir uns in Akzeptanz üben dürfen.

Unser Körper ist überaus weise und zeigt uns unsere Grenzen auf. Achte mal auf die Signale, die er dir gibt, wenn es wieder an der Zeit ist, in die Komfortzone zurückzukehren: Überforderung, anhaltende Müdigkeit, unruhiger Schlaf und Schwierigkeiten beim Einschlafen, Unkonzentriertheit, weniger Lust auf Dinge, die dir normalerweise Freude machen, Muskelverspannungen. 

Das Schöne ist: Es braucht oft gar nicht den ausgedehnten Wellness-Urlaub in der eigenen Komfortzone. Meistens reichen auch kleine Stippvisiten, gleichmäßig über den Tag verteilt, um wieder den Kontakt zu dir selbst herzustellen.

In einer Welt, in der die Anforderungen gefühlt täglich steigen und eine Krise die nächste jagt, ist es wichtiger denn je, dass du gut für dich sorgst. Sag deiner Komfortzone ruhig öfter mal hallo und such dir deine Mutzonen ganz genau aus. Dein Körper wird es dir mit besserer Konzentration, Klarheit und innerer Ruhe danken!

Kategorien Achtsamkeit Inspiration Selbstbild

Melina Royer ist Buchautorin und Co-Host des Podcasts Still & Stark. Ihr Herz schlägt dafür, die vielseitigen Stärken leiser Menschen in unserer viel zu lauten Welt sichtbarer zu machen. Am liebsten durch ihren Podcast und den beliebten Mut-Letter.PodcastInstagramWebsite

3 Kommentare zu “Warum wir nicht immer mutig sein müssen

  1. Danke für deinen Beitrag. Dieser hat mir grad zu wichtiger Selbsterkenntnis verholfen!

  2. Spricht mir aus dem Herzen. Ich habe genau diese Erfahrung gemacht und bin auch zu dem Schluss gekommen, dass ich mit meiner Energie haushalten und nicht auf Teufel komm raus zu jeder Herausforderung ja sagen sollte. Vielen Dank für diese entlastenden Worte und das Lob an die Komfortzone!

  3. Alexandra Kraft

    Danke, ich finde mich gerade sehr in dem Texte wieder. Ich glaube ich erwarte gerade zu viel von mir und will unbedingt die Komfortzone verlassen, damit ich anderen was beweisen kann. Aber die Energie ist total weg. Danke dafür, dass man auch mal den Mut haben darf in der Komfortzone zu bleiben.

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