Ode an den Kalender

Manche Kalender können glücklich machen

Kalender können einem zuverlässig dabei helfen, sich geschmeidiger im zeitlichen Gefüge und Leben zu bewegen und durch sinnvolle Planung Stress zu vermeiden. Bestenfalls Stress gar nicht erst entstehen zu lassen, ist besser, als ihn anschließend abzubauen.
Grund genug, mal eine kleine Liebeserklärung an die Benutzung von Kalendern zu verfassen und sich mit ihren verschiedenen Aspekten auseinanderzusetzen.

Seltsamerweise gibt es Menschen, die keine Kalender benutzen. Jemand, der das Benutzen eines Kalenders so essenziell einstuft wie das einer Zahnbürste, findet das natürlich ganz seltsam.
Wenn kalenderlose Menschen über Kalender sprechen, hört es sich manchmal an, als fänden sie die Idee eines Kalenders an sich toll und erstrebenswert, könnten sich aber aus diversen Gründen nicht verbindlich in die Idee verbeißen. Das Führen eines Kalenders erscheint ihren Aussagen nach wie eine Belastung, der sie sich nicht dauerhaft aussetzen wollen und können.

Kalender: eine Frage des Charakters?

Vielleicht ist das Führen eines Kalenders eine Charakterfrage. Was die einen als einengende Freiheitsberaubung ihrer Spontanität und zusätzliche, unnötige Aufgabe wahrnehmen, ist für andere ein ersatzloser Vorgang zur Psychohygiene und Anlass zu Entspannung, Freude und Vorfreude.
Ich liebe Kalender. Schon immer. Und für immer. Das Eintragen von Terminen, Verabredungen, Aufgaben, Ideen und Plänen mit einem Stift auf Papier macht mich glücklich. Sehr glücklich.


Zwar mutet es manchmal an, als würde man eine Steinplatte und dazu Hammer und Meißel zücken, wenn man einen physischen und analogen Kalender aus der Tasche holt, aber diese Form des Altmodischseins tut keinem weh, also steht dem nichts im Weg.
Natürlich lässt sich ein Kalender auch digital führen. Das bringt vielleicht einen dritten Charakter mit ins Spiel. Den modernen, eher unverträumten. Ein Mittelding zwischen Steinplatte und kalenderlosem Dasein. Auch möglich.

Was man nicht im Kopf hat, hat man im Kalender

Egal wie man Terminkalender benutzt, sie dienen in erster Linie dem Festhalten von wichtigen Terminen, die ohne Notiz in Vergessenheit zu geraten drohen, was uns und andere in Schwierigkeiten bringen könnte.
Anstatt uns wieder und wieder etwas Wichtiges in Erinnerung zu rufen, können wir unsere Gedanken einfach auf das Papier übertragen. Und schon gibt es wieder mehr mentalen Platz und wir müssen uns nicht ständig ermahnen, irgendetwas bloß nicht zu vergessen. Eine tolle Erfindung. Ein Kalender ist also ein wunderbares Mittel zur Entlastung unserer teils so arg beanspruchten Köpfe. Anstatt halbwegs verloren und unkoordiniert durch Zeit und Raum zu wandeln, bietet so ein Kalender die Möglichkeit, beidem Struktur zu verleihen. Ein bisschen Halt im Leben schadet nicht und ein paar Fixpunkte in der Zukunft können dem allgemeinen Orientierungsgefühl dienen.

Keine Termine – auch mal schön

Auch Kalender haben Grenzen

Doch neben der beruhigenden Gewissheit, die es uns verschaffen kann, dass alles Wichtige in unserem Terminkalender vermerkt ist, macht selbst beim Führen von Kalendern die Dosis das Gift:
Als lebenslang begeisterte Liebhaberin von Kalendern weiß ich neben den zahlreichen Vorzügen ebenso um die Gefahren Bescheid. Falls es einem sehr großes Vergnügen bereitet, mit wichtiger Geschäftigkeit Einträge im Kalender zu machen, kann es passieren, dass man seine persönlichen Kapazitäten aus dem Auge verliert.

Vor lauter Freude, einen weiteren Eintrag machen zu können, vergisst man manchmal sich zu fragen, ob der Plan überhaupt kompatibel mit der Realität ist. Unkomplizierter ausgedrückt: Manchmal knallt man sich den Kalender voll, als ob es kein Morgen gäbe. Oder als hätten wir Essen und Schlaf nicht nötig. Ein Kalender birgt die Gefahr unrealistischer Planungen und damit potenzieller Frustrationen und Überforderung. Und genau das Gegenteil sollte doch eigentlich der Fall sein.

Schöner leben mit Kalender

Um einen Terminkalender nicht zu einer Stressquelle werden zu lassen, sind deswegen folgende Fragen sinnvoll beim Ausfüllen der blanken Tage: Ist das realistisch? Und: Wie wird es mir dann wahrscheinlich ungefähr gehen?
Beispielsweise mag euer Kalender noch eine Lücke aufweisen an einem Abend, an dem ihr von einem Besuch bei euren Eltern zurückkehrt, aber nur weil da noch Platz ist, bedeutet das noch lange nicht, dass dieser ausgefüllt werden muss. Es wäre aber der einzige Abend um noch eine Freundin zu treffen, die erst in 4 Wochen wieder Zeit hat? Tja, das mag sein, aber wie wird es nach dem Besuch bei deinen Eltern um deine soziale Erschöpfung stehen? Ist es realistisch, einem Freund deine Hilfe bei einem Umzug am Samstag zu versprechen, wenn schon lange feststeht, dass Freitag Abend Steilgehen angesagt ist?

Alles zu seiner Zeit

Ein Kalender bietet uns etwas sehr Wertvolles: Die Möglichkeit zur Verteilung von Aufgaben, Terminen, Gedanken. Auf diese Weise spielt sich nicht alles zur selben Zeit am selben Ort ab, nämlich in unserem Kopf, sondern wir können alles Wichtige über die vielen Seiten des Kalenders verteilen. Anstatt Druck an nur einer Stelle zu erzeugen, wie ein Knubbel im Nacken, können wir die To-Dos an die für sie geeigneten Zeitpunkte bringen, wo sie am besten aufgehoben sind. Nennt es übertrieben, wenn ich Kalender als Massage für die Knotenpunkte des Gehirns darstelle, bis ihr es selbst erlebt habt.

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„Das steht auch auf meiner Liste!“

Auch Listen sind faszinierend. Aber das Wort „verzettelt“ kommt nicht von ungefähr. Listen können keinen Kalender ersetzen, sie sind nur ein erstes Hilfsmittel zur Gedankenstütze. Auf ihnen entledigt man sich des Wichtigsten, das nicht in Vergessenheit geraten darf oder soll. Sinnvoll ist das bei Einkäufen, Reisen und vielem mehr. Aber bei Dingen, die man zu tun hat, eher weniger.

Listen haben oft an sich, in Vergessenheit zu geraten. Sie befinden sich auf einem Zettel, von dem man nicht mehr weiß, wo er ist. Oder in einem Notizbuch, das nicht häufig genug frequentiert wird. Jedenfalls, wenn man analog veranlagt ist.
Deswegen: Listen – ja! Aber am besten dort, wo man sie entweder weiterverarbeiten kann: im Terminkalender
oder gut sichtbar aufbewahren
oder bei Wiederfinden auf Aktualität überprüfen und anpassen oder vernichten.

How to Kalender

Ein Kalender soll dich entlasten und dir guttun. Damit er das auch wirklich tut, kann es nützlich sein, ein paar Hinweise zu beachten:

  1. Nicht jede*r ist ein Kalendertyp. Du kannst deinen Kalender benutzen wie du willst oder ihn auch einfach mit dir tragen, weil du ihn schön findest. Du kannst Luftballons und Spinnennetze reinmalen, ihn als Tagebuch benutzen oder die Zahlen miteinander verbinden, Hauptsache, er fällt dir nicht zur Last oder wird dir selbst zur Aufgabe.
  2. Bist du tatsächlich ein Kalendertyp, dein Kalender platzt aber aus allen Nähten, liegt offenbar ein Missverständnis vor. Zeit und Realität lassen sich weder dehnen, noch biegen, noch den eigenen Wünschen anpassen, egal wie sehr wir es versuchen.
  3. Dass Multitasking ein Mythos ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Dass man nicht alles haben kann, hat man auch schon mal gehört. Vielleicht noch etwas neu ist, dass man auch nicht alles machen kann, was man gerne würde oder glaubt, machen zu müssen. Aber ja, auch das ist ein Mythos, der Stress verursachen kann.
  4. Wenn du gerne To-do-Listen schreibst, empfiehlt es sich, die Aufgaben später in deinen Kalender zu übertragen. Dadurch hast du keine lange Ansammlung von Aufgaben mehr vor dir, wie es bei einer To-do-Liste oft der Fall ist. Durch das Eintragen der einzelnen To-dos zu den besten und sinnvollsten Zeiten im Kalender, sinkt der Mut nicht so schnell in den Keller wie bei einer langen Aufgabenliste, sondern wirken bewältigbar und bauen weniger Druck auf.
  5. Durch das Niederschreiben von Notizen und Aufgaben bekommen diese zwar eine höhere Verbindlichkeit und wir stärken damit auch unsere Absicht, etwas wirklich zu tun, worauf wir vielleicht keine Lust haben. Aber Eintragungen in Kalender sind auf der anderen Seite auch nicht unumstößlich. Planen ist toll, aber es muss nicht um jeden Preis an ihm festgehalten werden.
    Was gerade besonders wichtig ist oder dringend getan werden muss, kann sich jederzeit ändern. Pläne an neue Umstände anzupassen kann durchaus mal nötig sein, ebenso rigoroses Streichen von Vorhaben.
  6. Vergiss beim Planen nicht, dass Dinge in den allermeisten Fällen länger dauern, als wir es uns vorstellen. Und dass unsere Tage in allererster Linie aus Alltag bestehen. Da Alltag sich aus ständig wiederkehrenden Tätigkeiten und Aufgaben zusammensetzt, räumen wir ihm meistens gar keinen Platz im Kalender ein. Weil, so langweilig. Aber auch wenn wir es nicht alle extra in den Kalender schreiben, müssen wir aufräumen, putzen, einkaufen und uns ausruhen. Oft gerät der Alltag beim Führen eines Kalenders also etwas ins Hintertreffen. Dabei nimmt er viel Zeit in Anspruch. Geben wir dem Alltag also doch diese Zeit. Auch in unseren Kalendern.

1 Kommentar zu “Ode an den Kalender

  1. Ihr gebt mir viel Kraft. Eure Worte tun gut und ich sehe die Welt um mich herum viel differenzierter als vorher. Vielen Dank dafür.

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