Ablenken oder Annehmen: Trauer und wie wir sie (nicht) umgehen

Achtung: Dieser Artikel setzt sich in einer Passage mit dem Tod auseinander.

Auch Trauer will früher oder später durchlebt werden

Was haben Parkbänke, Werbeagentur-WCs, Kissen, Schultern von Menschen und Tieren, Kino- und Konzertsäle, Flugzeuge, jegliche öffentliche Verkehrsmittel, nächtliche Heimwege und auch FFP2-Masken gemeinsam? Sie alle sind gut zum Weinen. Darin weinen, daran  weinen, ausweinen, voll weinen. Alles Orte, die sich aus unzähligen eigens erprobten Feldversuchen hervorragend dazu eignen, um ein paar stille Tränen und auch ganze Sturzbäche an Tränenflüssigkeit zu vergießen.

Viele dieser Orte sind Orte, an denen ich mich während des Weinens gefragt habe: Was denken alle anderen Menschen um mich herum? Dass ich überdramatisch bin? Meine Gefühle und ergo mein Leben nicht im Griff habe? Schauen sie mich an? Schauen sie absichtlich weg? Das wiederum konnte ich meist nicht sehen, da ich mich in einem Anflug von Scham hinter einem Schal, einer Sonnenbrille und auch (praktischerweise) verschiedenen Mund-Nase-Masken versteckt habe.

Geweint habe ich dennoch, trotz Publikum. Viel, quasi mein Leben lang, weil ich nicht anders konnte. Viele dieser Tränen entstammten der Trauer. Würde man eine globale Statistik anbringen, würde sich die Verteilung von Tränen auf Gefühlsregungen vermutlich so verhalten: Freude 25 %, Wut 2 %, Verzweiflung 13 %, Trauer 60 %. (Hier eine persönliche Schätzung. Weitere Schätzungen sind gerne willkommen!). Jedoch versiegen viele dieser Tränen auf halber Strecke, da wir häufig keine Zeit und keinen Kopf haben, uns mit dem aufkommenden Gefühl auseinander zu setzen oder es schlichtweg verdrängen.

Die Trauerexpertin Anemone Zeim von der Hamburger Trauerbegleitung Vergiss Mein Nie sagt, dass sich jede Träne, die man nicht geweint hat, hinten anhängt. Vielleicht besitzen wir alle ein inneres Auffangbecken an Tränen, das sich so lange aufstaut bis es nicht anders kann als überzulaufen. Doch was passiert mit all den ungeweinten Tränen, die auf ihren großen Auftritt warten?

Wie wir mit den Tränen kämpfen

Wir kämpfen gegen Tränen, die durch eine emotionale oder räumliche Trennung entstehen, gegen Tränen der Einsamkeit, gegen Tränen um Wünsche und Hoffnungen, die sich nicht erfüllen lassen.

„Große Jungs und auch große Mädchen weinen nicht.“ Dies ist der Tonus, mit dem der Großteil meiner Generation (und gewiss alle vorigen) erzogen wurde. Das Weinen, der gesellschaftsübergreifende Ausdruck von Trauer und Schmerz, wurde jahrzehntelang vorrangig bagatellisiert und mit Scham besetzt. Wir stehen in einem chronischen Kampf mit der Trauer – innerlich aberkannt, äußerlich verdrängt. Eine kollektive Unterdrückung an Tränen, die die höchste Staumauer der Welt sprengen würde. Und vielleicht gleichen unsere inneren Auffangbecken auch eher Staumauern. Statt uns unseren Tränen zu stellen, tun wir alles, um diese intakt zu halten, weil wir Angst vor dem aufbrechenden Gefühl haben und wir die Kontrolle über unsere Gefühle und ergo unser Leben verlieren könnten. Naheliegend, dass es sich meist auch genau so anfühlt, wenn wir Trauer (und grundsätzlich alle Gefühle, manchmal sogar Freude) unterdrücken: angestaut, angespannt, auf Hochdruck.

Ein guter Ort zum Trauern: Bus und Bahn
Trauer inkl. Musikvideo-Gefühl

Doch dieses Gefühl, das hochkommt, können wir häufig nicht wirklich greifen. Meist fühlen wir uns irgendwie erschöpft, nicht ganz auf der Höhe, angespannt, doch welches Gefühl gerade eigentlich vorherrscht und insbesondere, welches Bedürfnis sich gerade anmeldet, fällt uns schwer zu sagen. Trauer zeigt sich selten direkt mit einem heftigen Weinanfall, sondern häufig diffus. Und wir haben vor genau diesen Dingen Angst. Dinge, die diffus sind, die wir nicht richtig greifen können. Unser instinktiver Umgang mit Angst ist: wegrennen, kämpfen, sich tot stellen oder in Herdenverhalten verfallen. Genau diese Grundprinzipien finden wir in jeglichen Ablenkungen, die wir uns für den Umgang mit Angst angeeignet haben. Je konkreter wir den eigentlichen Grund für eine Angst herausfinden, desto besser schaffen wir es, mit ihr umzugehen und letztlich dem Gefühl, das die Angst zuvor verstellt hat, Raum zu geben. Solange wir die Emotion nicht sehen (wollen), füllen wir das Vakuum, das das große Fragezeichen, das durch das diffuse Gefühl entsteht, mit allem, was sich für den Moment intensiv, laut und gut anfühlt:

Abende, an denen wir alles essen, was uns zwischen die Finger kommt und uns irgendwann so schlecht ist, dass wir am nächsten Tag vor lauter Food-Hangover kaum klar denken können.

Abende, an denen wir vom Tag entspannen müssen und die einzige sinnvolle Medikation ein bis „ich habe aufgehört zu zählen“-viele Gläser alkoholischer Getränke scheint.

Die nächste, neuste, schönste, heißeste intime Begegnung, eine um die Ohren geschlagene Nacht voller Körperkontakt und Rausch und dann: das Gefühl der Leere am nächsten Tag.

Sporteinheiten, bei denen wir uns über unsere Schmerzgrenze hinweg verausgaben, sechs Tage die Woche.

Der nächste Scroll, der nächste Klick. Sausen durchs Social Media Universum, verloren gehen inmitten der Gedanken anderer. Die Zeit vergessen und manchmal auch das Kreditkartenlimit. Die Werbeanzeigen sind einfach zu gut geschaltet.

Wir alle haben unsere Wege gefunden, um mit Gefühlen, insbesondere den eher unangenehmen, umzugehen. Der Umgang beinhaltet meist ebenjenes Unterdrücken. Je intensiver die Erfahrung, desto schneller füllt sich dieses Vakuum. Doch je schneller sich dieser Raum füllt, desto rascher wird er auch wieder leer und dann stehen wir wieder vor der großen Frage: Was brauche ich gerade wirklich?

Wenn wir Trauer verspüren tendieren wir zu Ablenkungsmanövern wie das endlose Scrollen am Smartphone
Kann Nähe schaffen oder uns ganz weit von unseren Gefühlen entfernen

Theresa Lachner beschäftigt sich mit der anderen Seite des Spektrums tabuisierter Thematiken, zu der wir auch Trauer zählen können. Die Sexualtherapeutin setzt sich ihrem Buch Lvstprinzip sehr ausführlich mit Sex, aber auch mit Trauer auseinander und schreibt: 

„Trauer fühlt sich an wie wieder und wieder den Kopf unter Wasser getaucht zu bekommen, nach Luft zu ringen und zu kämpfen, bis man irgendwann bemerkt, dass das mehr Energie kostet als sich einfach zu ergeben und die Wellen über sich zusammenschlagen zu lassen. Ich habe so lange nach Fassung gerungen und um mich geschlagen, bis ich nicht mehr konnte und irgendwann kapituliert habe. Dann ist das halt jetzt kaputt. Dann wird das jetzt nicht mehr heil. Dann muss ich es wohl einfach fühlen und das ist okay, weil es auch bedeutet, dass ich noch da bin.“

Theresa Lachner

Mit der Trauer baden

Doch was bedeutet dieses Kapitulieren? Dieses Fühlen? In der Theorie klingt es einfach, fast romantisch. „Einfach in die Wogen der Trauer reinschmeißen und eine Runde mit ihr baden gehen. Aber was braucht es, dass wir uns ihr hingeben können?

Auftritt: das Hingabe 1×1. Schalte alle Ablenkungen aus, setze oder lege dich hin und spüre, was da ist in deinem Kopf, in deinem Körper und atme. 

Vermutlich kommt dir das Konzept bekannt vor. Achtsamkeit ist ein Grundpfeiler von Hingabe und ebenjenes darauf achten, auf das, was da ist, was dich bewegt, intern wie extern, das sehen, spüren, beobachten, anerkennen, akzeptieren, atmen macht Hingabe aus. Hingabe bedeutet nicht, sich zu ergeben und ein Gefühl über sich wie eine Welle hereinbrechen lassen. Hingabe bedeutet etwas zu empfangen, etwas willkommen zu heißen. Leid wie Freude wie Trauer und allem, was in unserem Körper an Erfahrungen ausgelöst wird. Es lohnt sich allein schon die Narrative, um Gefühle zu verändern, um besser mit ihnen umgehen zu können. Statt von ihnen überwältigt zu werden und sie ausbrechen zu lassen, sollten wir ihnen mit Neugier begegnen und sie wie Gäst*innen willkommen heißen.

Jorge Bucay sagt in seinem „Buch der Trauer“, dass Trauer ein Gefühl ist, das uns besucht, wenn uns etwas weggenommen wird, auf das wir ungern verzichtet hätten. Etwas oder jemand geht, das können Personen, Tiere, Lebensabschnitte, Orte oder Zukunftsvorstellungen sein und an ihre Stelle tritt die Trauer. Sie ist die Gästin, die in dem Vakuum ein Zuhause findet. Sie ist das Fragezeichen, das wir kaum ertragen können. Sie ist es, die sich den Platz im Vakuum mit den vorgestellten Ablenkungsmanövern teilen muss bis sie und wir keine Luft mehr zum Atmen bekommen. 

Die Sache mit dem Atmen

Nicht für jede*n von uns ist es einfach sich hinzusetzen und zu fühlen und zu atmen und das ist okay. Dieses Hinfühlen macht natürlich Angst, weil wir den Schmerz fürchten, der aufkommen könnte. Die Stille, die uns beim Sitzen und Atmen begegnet, erinnert uns, ob bewusst oder unbewusst, zwangsläufig an das, was essenzieller Bestandteil unseres Lebens ist: an den Tod. Selbstverständlich, dass uns das Aushalten der Stille so schwerfällt. Dass uns „einfach atmen“ so schwerfällt. Jeder Atemzug ist eine Trockenübung für den letzten. Und wir sterben in unserem Leben Millionen Tode. Diese Tode beinhalten alle kleinen und großen Abschiede und die Trauer, die mit ihnen schwingt, ob wir sie bewusst wahrnehmen oder nicht. Die kleinste Einheit des Fühlens ist ein Atemzug und wenn wir anfangen und uns trauen zu atmen, trauen wir uns auch zu fühlen.

Was Meditation und Trauern gemeinsam haben: das Atmen spielt eine ganz bedeutende Rolle
Grundlage für Meditation und Trauer: Atmen

Doch zum Atmen brauchen wir Zeit und Raum. Vergleichbar mit der Zeit und dem Raum, den wir uns nehmen, wenn wir eine Gästin oder einen Gast empfangen. Jemandem begegnen, das tun wir im Idealfall ohne Handy und andere Ablenkungen, wir sind voll und ganz da und hören zu, wir sind offen und neugierig. Ganz gleich, ob es eine alte, lange nicht gesehene Freundin ist oder jemand, den wir noch nie zuvor getroffen haben. Manchmal ist dieses Aufeinandertreffen auch erst einmal befremdlich, vielleicht zögerlich. Sie oder er ist nun jedoch da und wir dürfen einen Weg finden mit ihr/ihm umzugehen, solange sie/er uns besucht (auch wenn sie/er manchmal Chaos verbreitet).

So ist es auch mit der Trauer. Wenn sie kommt, wird sie vermutlich erst einmal eine Weile bleiben. Das bedeutet nicht, dass wir nun, solange sie uns besucht, mit ihr sitzen und atmen und uns anschweigen müssen. Mit Besuch, der länger bleibt, gibt es Momente zum Zusammensein und es gibt Momente, in denen jede*r dem eigenen Leben und Interessen nachgeht. Und dazu gehört ebenfalls Ablenkung. 

Alle Ablenkungen sind auch Überlebensstrategien und jede*r darf individuell prüfen, ob und in welchem Umgang sie funktional oder dysfunktional sind. Eine funktionale Ablenkung ist etwas, was uns wieder auflädt. Es sind kleine wie große Dinge und Menschen, die uns guttun. Momente, in denen wir merken, dass sie uns innerlich umarmen. Das kann eine richtige äußerliche Umarmung sein; deinen Lieblingspodcasts beim Spazieren zu hören; dir wirklich Zeit zu nehmen, deinen Körper und zu spüren, was sich gut anfühlt; mit deiner Nichte einen ganzen Nachmittag lang Quatsch zu machen; ein mit aller Zeit der Welt vorbereitetes Abendessen mit Freund*innen. Eine funktionale Ablenkung ist eine Ressource, die das Vakuum vielleicht nicht schnell, aber dafür nachhaltig und langanhaltend auffüllt. So, dass auch noch Platz für die Trauer bleibt. Und Platz zum Atmen. 

Wie lange bleibt der Besuch?

Trauer kann im Anflug eines Herzschlages vergehen oder uns ein ganzes Leben begleiten. Die Dauer der Trauer ist unergründlich. Was jedoch klar ist: sie verändert sich im Laufe der Zeit. Sie macht alle Entwicklungsschritte mit, die wir auch gehen und auch wenn sie manchmal sehr weh tut, begleitet sie uns immer wohlgesonnen. Jede Begegnung mit der Trauer, sei es unsere eigene oder die eines anderen Menschen, hält uns einen Spiegel vor. Zeigt uns, wie nett wir zu uns selbst sein können, welche Ablenkungen und auch welche Ressourcen wir in unserem Leben gefunden haben und was wirklich wichtig für uns ist im Leben. Denn die Trauer kann eine große Lehrmeisterin sein. Sie hält dich dazu an deine Prioritäten neu zu sortieren und vor allem: das Gute, was da ist zu sehen und wertzuschätzen.  


Weiterführende Literatur:
Das Buch der Trauer – Jorge Bucay

2 Kommentare zu “Ablenken oder Annehmen: Trauer und wie wir sie (nicht) umgehen

  1. Ein wunderbarer Artikel, vielen Dank dafür. Ich habe die Trauer um meine verstorbene Freundin versucht soweit wie möglich von mir wegzulegen – um zu „funktionieren“. Viele Menschen um mich herum scheuen Trauer und Traurigkeit, was das Verarbeiten erschwert weil man sich selbst als Last ansieht und sich letztendlich den Freunden wie auch der Trauer gegenüber verschließt und diese weg sperrt. Es wird nun endlich Zeit, diese Last und das Päckchen was mit ihr kommt zu öffnen und zu verarbeiten, es wurde lang genug getragen. An alle Trauernden: ihr seid nicht allein! Fühlt euch umarmt.

  2. Ein wirklich toller Beitrag! Gerade kämpfe ich selbst viel mit Trauer, wieso sie da ist, weiß ich selbst nicht so ganz. Vielleicht sollte ich sie einfach zulassen und mal richtig reinspüren. Ich hatte wirklich einige Aha-Momente gerade beim lesen, Danke!

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