Kreatives Schreiben und wie es dir hilft, dich selbst zu finden

Gedanken auf Papier niederschreiben sortiert sie und bringt neue Impulse.
Auf Papier mal ganz laut denken.

Die Pandemie hat unseren Alltag gut im Griff. Kino, das Treffen mit Freund*innen, die Yogaklasse – vieles, was uns Sicherheit und Freude schenkt, ist vorübergehend nicht verfügbar. Wie umgehen mit einer Situation, in der liebgewonnene Routinen wegfallen und die Unsicherheit wächst?

Ein Werkzeug, das wir für nutzen können, um uns und unsere Gefühle besser zu verstehen, um Belastendes loszuwerden und neue Ideen für unser Leben zu entwickeln, ist das Kreative Schreiben. Das Wunderbare am Schreiben ist, dass es sehr niedrigschwellig funktioniert – schreiben kann man (fast) überall, es braucht kein teures Equipment und wir können es alleine oder in Gesellschaft tun.

Außerdem ist die Zeit, in der wir uns zum Schreiben hinsetzen, eine Zeit, die wir uns bewusst für uns selbst nehmen, in die wir eintauchen können und die uns im hektischen Alltag einen Moment der Ruhe schenkt. Still werden, nach innen schauen, in die Welt der Worte abtauchen und am Ende etwas in den Händen halten, das man selbst geschaffen hat – das sind Erlebnisse, zu denen uns das Schreiben einlädt. Papier ist geduldig.

Wir können auf dem Blatt oder Bildschirm laut denken, wir dürfen einmal alles rauslassen. Auch das, was wir uns sonst vielleicht nicht zu sagen trauen. Und was wir aufgeschrieben haben, bleibt zugänglich für uns, wir können es wieder zur Hand nehmen, sehen, wie wir uns verändert haben, können uns selbst zu Rate ziehen. Auf diese Weise reflektieren wir und schaffen Raum für neue Impulse und Ideen.

Schreiben ist wie Denken, nur krasser

Es gibt sicher einige kluge Studien dazu, die wissenschaftlich erklären können, warum es so ist, aber Tatsache ist: wenn wir etwas aufschreiben, dann macht das etwas mit uns. Wir sehen klarer. Gedanken werden geordnet. Die Dinge kommen in Bewegung.

Schreiben zwingt uns dazu, nicht nur das Außen zu beobachten, sondern auch das, was in uns drin vorgeht.
Wir beobachten oft nur, was um uns herum passiert. Schreiben lenkt den Blink nach innen.

Der Mensch denkt bis zu 60.000 Gedanken am Tag. Das Erschreckende: die meisten davon wiederholen sich. Speziell unsere Sorgen und Ängste haben eine Art Dauerkarte für unseren Kopf gelöst und schauen immer dann vorbei, wenn wir eigentlich etwas ganz anderes tun wollen: Gerade, wenn wir uns in unser Bett gekuschelt haben, im wichtigen Meeting oder während wir im Badewasser mit dem Lavendelzusatz liegen. Und seien wir ehrlich – seit Beginn der Pandemie sind noch einige Befürchtungen und Grübeleien dazu gekommen. Was absolut legitim ist: wir befinden uns in einer Ausnahmesituation, die kollektiv und für jede*n einzelne sehr belastend ist. Was kann Schreiben in solchen Lebenslagen für uns tun?

Irgendwo zwischen Hirn und Fingerspitzen, zwischen Gedanke und Tastatur oder Stift scheint sich etwas in uns zu verändern.

Was auf Papier steht, oder auf dem Bildschirm, das veräußern wir, wir bringen es von dem abgeschotteten Resonanzraum unseres Körpers nach außen, breiten es vor uns aus. Einmal aufgeschrieben, können wir es mit mehr Distanz betrachten und stellen vielleicht fest: Es gibt doch eine Lösung für dieses oder jenes Problem. Oder: Dieser Gedanke entspricht eigentlich gar nicht der Wahrheit. Oder wir entdecken zwischen den Zeilen Mitgefühl für uns und können geduldiger und liebevoller mit uns umgehen.

Bewerte nicht, was du notierst. Schreib nur für dich, nicht für den nächsten Bestseller im Bücherregal.
Bewerte nicht, was du notierst. Tu es nur für dich, nicht für die Bestseller-Liste.

Worte, die wir niederschreiben, haben mehr Gewicht als Gedanken, die den ganzen Tag wie eine wilde Affenbande durch unseren Kopf toben. Schreibend kommen wir uns auf die Schliche, können Auswege finden – oder mehr zu uns selbst. Dabei muss es nicht unbedingt das in Mode gekommene Dankbarkeitstagebuch sein – ich stelle dir heute fünf kreative Ansätze vor, mit denen du ausprobieren kannst, ob Schreiben für dich ein hilfreiches Tool zur Entlastung sein kann:

1) Der Klassiker: Die Morgenseiten

Kreativitätsexpertin Julia Cameron hat dieses Tool in ihrem Buch „Der Weg des Künstlers“ vorgestellt. Gott sei Dank, denn so können wir alle von dieser brillanten Idee profitieren. Die Regeln sind einfach: Schreibe jeden Morgen nach dem Aufstehen drei Seiten voll. Es ist vollkommen egal, was du schreibst. Wenn dir nichts einfällt, schreibst du schlicht: Mir fällt nichts ein. So oft hintereinander, bis drei Seiten voll sind oder dir ein anderer Satz einfällt. Zensiert wird nicht. Du schreibst einfach auf, was dir in den Kopf kommt. Julia Cameron nennt diesen Vorgang: „Gehirnentleerung“. In den ersten 8 Wochen liest du nicht, was du geschrieben hast. Du klappst das Buch zu und schreibst am nächsten Tag einfach weiter.

Warum die Morgenseiten Wunder wirken? Es ist kaum möglich, Monat für Monat immer wieder dasselbe aufzuschreiben, ohne etwas zu verändern. Während es sehr gut möglich ist, Monate oder gar Jahre lang dasselbe zu denken, ohne etwas zu verändern, wird es durch den Prozess des Schreibens schon schwieriger. Wenn du nach einigen Wochen Schreibpraxis zurückblätterst, erkennst du sich wiederholende Denkmuster. Und dein Kopf fängt automatisch an, nach anderen, neuen Wegen und Lösungen zu suchen.

Kleiner Tipp: Sei gütig mit dir. Wenn du drei Tage nicht geschrieben hast, ist das kein Grund, hinzuwerfen. Fang einfach wieder an.

2) Der friendly reminder: Tagesprotokolle

Gerade jetzt im Lockdown und dem nahenden Winter kommt einem das Leben schnell trist und leer vor. Die Tagesprotokolle sind vor allem dafür geeignet, dir vor Augen zu führen, dass es in deinem Alltag trotz allem viel Lebendigkeit gibt! Notiere dafür in stichpunktartigen Sätzen, was du den Tag über getan hast, wen du getroffen hast und schreibe einzelne, besondere Gedanken oder Erkenntnisse auf, die dir über den Tag gekommen sind. Disclaimer: Es ist nicht schlimm, wenn ein Tag auch mal ganz ohne besondere Erkenntnis vergeht.
Falls dir der Einstieg schwer fällt, konzentriere dich auf deine Sinne: Was hast du gesehen, gehört, gefühlt, geschmeckt?

Die Tagesprotokolle eignen sich auch für ein kleines Ritual für den Sonntagnachmittag: Bei einer Tasse Tee oder heißem Kakao liest du dir durch, was du die Woche alles erlebt hast. Vieles gerät so schnell in Vergessenheit: der leckere Gemüseeintopf vom Wochenmarkt, das Gespräch mit der Frau von der Sparkasse, der erste Tag, an dem es nach Schnee riecht. Das Tagesprotokoll ist mehr als ein schnödes Notieren: Es verstärkt das Gefühl, dass in deinem Leben Dinge passieren, in Bewegung sind, dass du etwas erlebst. Und deine Seele sieht schwarz auf weiß: Es gibt auch in stilleren Zeiten, in Winter und Lockdown vieles, an das zu erinnern sich lohnt.

Eine gute Idee ist ein nachhaltig produziertes Notizbuch mit viel Platz für Ideen und Impulse.
Im Eine gute Idee schreibt sich’s gut.

3) Das Schreib-Date: Schreiben zu zweit.

Schreiben ist eine einsame Angelegenheit? Kann so sein, muss es aber nicht.
Wieso nicht einmal zu zweit hinsetzen? Mit der Partnerin, der Mama oder der besten Freundin. Und so geht es: Ihr schreibt immer abwechselnd einen Satz, lasst euer Gegenüber aber nur die letzten drei Wörter des Satzes sehen, den ihr geschrieben hat. Eure Schreibpartnerin schreibt nun einen neuen Satz und gibt wieder die drei letzten Worte des Satzes an euch weiter – schreibt so lange, wie es sich für euch gut anfühlt. Lest dann euren Text abwechselnd und im Ganzen vor.

Wenn ihr Lust habt, mal wieder herzhaft zu lachen: Schreibt Antworten auf, ohne die Frage des anderen zu kennen. Nummeriert dafür Fragen von 1 bis 10. Das schreibende Gegenüber schreibt dann 10 mögliche Antworten auf und andersherum. Die Ergebnisse können skurril und superwitzig sein – oder zum Nachdenken anregen!

Kleiner Tipp: In Zeiten von Corona geht das Ganze natürlich auch im Skype-Chat!

4) Die Entscheidungshilfe: Wortwolken schreiben

Eine Schreibübung, die dir dabei helfen kann, deine Wünsche und Bedürfnisse zu erspüren und Entscheidungen leichter zu treffen, ist die Übung „Wortwolken“. Nimm dir dafür ein leeres Blatt oder eine der freien Seiten in deinem Ein guter Plan und schreib in die Mitte ein Wort zu einem Thema, das dich sehr beschäftigt. Das kann zum Beispiel sein: Berufung, Umzug, Jobwechsel, usw. Wenn du zwischen zwei Optionen stehst, kannst du auch beide Worte an jeweils ein Ende des Blattes schreiben. Dann schreibst du intuitiv Begriffe dazu, die sich für dich zu dem Wort zugehörig anfühlen. Sie müssen nicht logisch sein oder für andere Sinn ergeben – es sind DEINE Worte. Schreib solange, bis du das Gefühl hast, alles losgeworden zu sein.

Mit kreativen Schreiben gibst du dir und deinen Gefühlen Ausdruck, auch wenn deine Emotionen nicht ganz eindeutig sind.
Kreatives Schreiben kann uns und unsere Emotionen manchmal ganz schön fordern, aber auch die Stimmung langfristig fördern.

Vielleicht nähren sich die Worte aneinander an, vielleicht überschneiden sie sich, vielleicht gibt es welche, die du noch mal unterstreichen und farbig markieren möchtest. Lass dann die jeweilige Wortwolke auf dich wirken und spüre dabei auch, was in deinem Körper passiert, wenn du die Worte laut vorliest. Fühlst du eine innere Anspannung, Wärme, beginnst du zu schwitzen oder zu lachen oder möchtest du ein bestimmtes Wort gar nicht laut sagen? Die Wortwolken können dir zeigen, in welcher Richtung du weitergehen möchtest. Wenn du zu einer Entscheidung kommst, überlege dir einen ersten, konkreten, ganz kleinen Schritt, den du gehen kannst, um deinen Wünschen näherzukommen und notiere ihn zu deinen Wortwolken dazu. Und denk daran: Manchmal funkt unser Kopf uns dazwischen und wir finden kein eindeutiges Gefühl für eine der beiden Richtungen. Auch das ist total okay.

5) Die Auszeit: Erschreib dir deinen Kraftort

Für diese Übung ist ein ruhiger Ort ideal – wenn du möchtest, mach einen Spaziergang und nimm Notizbuch und Stift mit. Wenn es draußen zu ungemütlich ist, tut es aber auch das Sofa. Alles, was wir brauchen, ist etwas Fantasie.
Schließ deine Augen und stell dir vor, dass du für 10 Tage an einen Ort geschickt wirst, an dem du dich einmal von allem zurückziehen kannst. Irgendwohin, in eine Landschaft, in der du dich wichtig wohl und geborgen fühlst und in der du sicher bist. Dann stell dir vor, wie du auf der Veranda deiner Unterkunft sitzt und in diese Landschaft hineinschaust. Was kannst du sehen, hören, fühlen? Wo bist du genau, wie sieht deine Unterkunft aus? Ist es ein Holzhaus? Nur eine Hängematte? Eine alte Villa mit knarzenden Dielenböden?

Nach ungefähr 5 Minuten öffne deine Augen. Schreibe dann in 10 Sätzen auf, wie dein innerer Kraftort aussieht. Vielleicht hängst du dir diese Beschreibung an einer Stelle deiner Wohnung auf, an der du oft vorbeikommst, am Badezimmerspiegel oder an der Wohnungstür. Denk daran – diesen Ort hast du erschaffen! Es gibt ihn, weil es dich gibt. Wann immer du willst, kannst du dich dorthin zurückziehen und Kraft tanken.

Denn beim Schreiben gilt, was auch im Leben gilt: Jeder Anfang ist ein guter Anfang.

Für alle Übungen gilt: Das Schreiben muss keine Stunden in Anspruch nehmen, es darf auch mal der Quickie in deinem Ein guter Plan, der Notiz-App deines Handys oder auf dem Kassenbon sein! Das, was du schreibst, musst du niemanden zeigen, präsentieren oder verwerten. Du schreibst für dich, du schreibst sozusagen auf dich selber zu. So können Worte zu Wegweisern werden, die dir dabei helfen können, dein Leben nach deinen Werten auszurichten und dich selbst besser zu verstehen. Und egal, welche Übung du ausprobieren möchtest – leg einfach los. Es gibt hier kein „richtig“ und „falsch“. Du kannst überall beginnen. Der erste Satz muss kein Goethe sein.

Denn beim Schreiben gilt, was auch im Leben gilt: Jeder Anfang ist ein guter Anfang.

1 Kommentar zu “Kreatives Schreiben und wie es dir hilft, dich selbst zu finden

  1. Sehr guter Impuls, Danke.

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