Krisen sind nicht immer Chancen: Warum wir erst mal heilen müssen

Ein Mythos über Krisen lautet: Sie sind immer auch Chancen. Dem ist nicht so, denn vor Wachstum kommt die Heilung, und die kann es nur geben, wenn wir den Schmerz nicht ignorieren. Aber in unserer wachstumsorientierten Welt scheint kein Platz dafür zu sein. Wie kann kollektive Heilung nach der Corona-Pandemie aussehen?

Doofe Hobbys habe ich ja viele. Meine unsinnigste Freizeitbeschäftigung ist aber sicher das Lesen von Newslettern von Erfolgscoaches, die ich über alle Maße verabscheue. Ich mag das Gefühl der Fremdscham bis hin zur Gänsehaut, wenn ich Dinge wie „Wenn du keinen Erfolg hast, arbeitest du nicht hart genug!“ oder „Generiere jetzt dein passives Einkommen und arbeite nie wieder!“ oder „Du kannst alles schaffen, wenn du dich nur anstrengst!“ lese.
Besonders perfide und ganz neu in dieser Welt der neoliberalen Alptraumrhetorik: „Nutze die Pandemie als Chance und gehe als Gewinner aus der Krise!“ Die Pandemie als Chance. Soso. Eine halbe Million Tote, aber egal, wenn du jetzt online skalieren kannst, wa?

Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt?

Versteht mich nicht falsch, Menschen können an Krisen wachsen. Eine Katastrophe hat, ist sie einmal überstanden, das Potenzial eines Neuanfangs. In Scherben können neue, positive Glaubenssätze glitzern. Meistens schneidet man sich aber einfach nur.

Ich finde es zynisch, jetzt ausschließlich in Wachstumsbegriffen zu denken. Sofort wieder in die Hände zu spucken ist nicht nur aus hygienischen Gründen eine eher schlechte Idee. Denn ich glaube: Wir überspringen da etwas. Auf eine Krise folgt nicht automatisch Wachstum. Krisen bestehen erst mal nur aus Schock, Wut und Schmerz. Die Überwindung dieser Phase kann nur gelingen, wenn die begleitenden negativen Gefühle wahrgenommen und akzeptiert werden. Ich plädiere nicht dafür, dass wir nun eine Anstandswoche an Trauer einlegen, so funktioniert das auch nicht. Die beste Strategie für die Aufarbeitung von Schicksalsschlägen ist ein Wechselspiel aus Trauer und Ablenkung, Trauer und Hoffnung, Trauer und Neuorientierung. Aber eben nicht nur Ablenkung, Hoffnung und Neuorientierung. Dabei ist Trauer auch nicht gleichbedeutend mit traurig sein. Trauer kann auch Wut sein. Verzweiflung. Angst. Hass. Unsicherheit.

Ich habe das Gefühl, dass wir diesen Emotionen keinen Raum mehr geben, weil wir in einer erfolgsorientierten, hedonistischen Gesellschaft leben, in der es für Schmerz keinen Platz gibt. Trauer als ultimatives Tabu in einer Welt, in der Freude und Glück als einziger Maßstab für „das richtige Leben“ gilt.

Leid als ultimatives, individuelles Versagen?

Wir können nicht einfach so weitermachen, als ob nichts wäre. Studien kamen immer und immer wieder zu dem Ergebnis, dass Menschen nur an Krisen wachsen, wenn nicht von ihnen gefordert wurde, sofort weiterzumachen wie bisher. Wenn sie Zeit hatten, ihr neues Leben von allen Seiten zu beleuchten und so zu neuen, positiven Glaubenssätzen gekommen sind. Und, wenn sie sich mit anderen über ihre Gefühle austauschen konnten. Freund*innen, Familie, Therapeut*innen: Menschen, die ihren Schmerz verstehen.

Aber es scheint, als ob uns dieses Recht auf Heilung nicht gestattet wird. Nicht nur nicht von Erfolgscoaches (von denen ich das auch gar nicht erwarte), aber auch nicht von uns selbst. Ja, ich weiß, wir haben alle keine Zeit dafür, fast alle von uns befinden sich in extrem unsicheren Verhältnissen. Allein in Deutschland sind über zwei Millionen Menschen in ihrer Existenz bedroht, ein ganzes Fünftel dieses Landes muss jetzt mit weniger Einkommen zurechtkommen als vor der Krise. Aber wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir nun kollektiv so tun, als ob wir einfach weitermachen können, als ob nichts passiert wäre. Wir sollten aufhören, Leid per se als ultimatives, individuelles Versagen zu definieren.

Ich fordere nicht, dass wir jetzt alle erst mal Urlaub machen, die Möglichkeiten hat kaum jemand. Es geht allein um einen inneren Prozess, der weder Zeit noch Geld bedarf. Es geht um deine innere Stimme, die von dir vielleicht verlangt, dass du dich jetzt wieder so richtig ins Zeug legst und die dir erzählen will, dass die letzten Monate Entschleunigung waren. Aber das war keine echte Entschleunigung, sondern erzwungener, von Unsicherheiten geprägter Stillstand. Das ist etwas ganz anderes.

Wenn die Pandemie eine Chance in sich trägt, dann nur die, dass wir nun ernsthaft überlegen können und müssen, was wir verloren haben. Was wir verändern wollen. Was wir wiederaufbauen wollen. Und was nicht. Aber dafür braucht es schonungslose, schmerzhafte Selbstreflexion. Denn von allein werden wir nichts verändern. In Krisen stecken nicht automatisch Chancen. Das ist ein gefährlicher Mythos. Manchmal ist eine Situation einfach nur furchtbar und nichts Gutes entsteht aus ihr. Sehen wir das nicht ein, tragen wir im schlimmsten Fall unsere Verletzung einfach nur mit uns herum.

Erst Heilung, dann Wachstum

Es ist Zeit für Fragen, die wehtun

Oft enden meine Artikel mit konkreten Tipps, wie man das Kernthema denn nun positiv auflöst, aber diesmal kann ich keine Antworten geben. Ich bin Autor für Achtsamkeit und Selbstreflexion und kann nicht mehr leisten, als darauf hinzuweisen, dass wir auf der Hut sein müssen, wenn wir jetzt wirklich etwas verändern wollen. Dass von allein nicht automatisch alles besser, sozialer und irgendwie anders wird. Und dass wir, verdammt noch mal, mehr Raum für Schmerz brauchen, wenn irgendetwas wie eine Chance entstehen soll. Was ich aber diesmal – statt Antworten – geben kann, sind Fragen.

1. Was oder wer hat dir in der Krise gefehlt?
Das Yoga-Studio? Der Mannschaftssport? Die Bars, Restaurants, Kinos und Theater? Die sozialen Kontakte? Welche genau? Und welche gar nicht? Brauchst du diese Menschen dann wirklich in deinem Leben? Mit wem hast du in den letzten Wochen kommuniziert? Bei wem hast du dich gefragt, wie es ihr*ihm geht? Bei wem interessiert es dich jetzt? Wer hat sich für dich interessiert? Wie die Verlegerin Maria Anna-Schwarzberg gesagt hat: „Wie geht’s“ hat in den letzten Wochen zeitweise eine echte Bedeutung bekommen und war oft viel ernster gemeint als sonst.
Ich muss mich z. B. ernsthaft fragen, warum ich das Kulturleben erschreckend wenig vermisst habe. Warum lebe ich eigentlich in Berlin, wenn ich dessen Kulturleben nicht nutze und in keinem nennenswerten Umfang an der Club- und Ausgehkultur teilnehme?

2. Hast du jetzt eine schlechtere Meinung von deinen Mitmenschen oder eine bessere?
Für beides lassen sich ganz fantastische Argumente finden. Corona-Partys, Hamsterkäufe, Verschwörungstheorien: Ist dein Fokus auf diese Art individueller und kollektiver Verfehlungen groß, müssen die letzten Monate für dich besonders anstrengend gewesen sein. Hast du ein wachsames Auge auf soziale Ungerechtigkeit, werden dich unzureichende Soforthilfen und Förderungen oder unklare Betreuungssituationen für Kinder und ähnliche institutionelle Schwächen sicher völlig in den Wahnsinn getrieben haben, sodass du jetzt vielleicht noch schlechter von dieser Gesellschaft denkst, als dies vorher der Fall war oder sich deine negative Sichtweise zumindest verfestigt hat.
Andererseits: Wir haben die Curve geflattet. Ohne die breite Akzeptanz der Gesellschaft von zeitweise mehr als 80 % in der Bevölkerung bezüglich Einschränkungen und restriktiven Verhaltensweisen wäre dies gar nicht möglich gewesen. Dafür war auch ein großes Vertrauen von Bürger*innen und Politik in die Wissenschaft nötig, was keineswegs selbstverständlich für eine Gesellschaft ist, in der Wissenschaftsfeindlichkeit mit informierter Skepsis gleichgesetzt wird.
Dazu kommt ein großes Maß an Solidarität, Nachbarschaftshilfen und die Tatsache, dass all die Maßnahmen nur ergriffen wurden, um Risikogruppen zu schützen und das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Das ist keineswegs selbstverständlich! Nicht nur in den USA waren die Forderungen laut, die Wirtschaft kein bisschen runterzufahren und Tote einfach in Kauf zu nehmen. Ist die Gesundheit der Gesellschaft am Ende doch wichtiger, als die Gewinne der Gewerbe? Diese Faktoren würden durchaus einen leicht optimistischen Blick auf unsere Zivilisation erlauben.
Da diese Frage sehr komplex ist, muss deine Antwort auch nicht eindeutig das eine oder das andere sein. Auch „Menschen können in ihrer eigenen Bezugsgruppe ganz schön dumm sein, aber es ist nicht jede Hoffnung verloren“ wäre beispielsweise eine gute Erkenntnis.

3. Wie geht es deiner mentalen Gesundheit?
Warst du resilient genug und denkst, du hast keine bleibenden Schäden davongetragen? Oder fühlst du dich jetzt kaputt, erschöpft und ohne Halt? Hast du dich einsam gefühlt? Und wenn ja, wie schmerzhaft war das Gefühl? Haben dich die ganzen Tipps für Beschäftigung im Homeoffice vielleicht gestresst? Wirkten sie oft zynisch? Fehlt dir die Arbeit im Büro und ist die Digitalisierung vielleicht doch nicht die Lösung, auch wenn sich gezeigt hat, dass technisch sehr viel möglich ist? Hattest du Angst, dich selbst anzustecken? Was hat es mit dir gemacht, als du erfahren hast, dass auch immer wieder gesunde Menschen aller Altersgruppen sterben können? Hast du dich in diesen Momenten mit deiner eigenen Sterblichkeit beschäftigt? Und wenn nicht, warum nicht? Macht es etwas mit dir, dass 350.000 bis 500.000 Tote zu beklagen sind? Oder ist die Zahl schon so groß und abstrakt, dass sie gar nichts in dir auslöst? Und wie trauert man eigentlich um eine große, anonyme Masse?
Und ganz allgemein: Wie hast du dich, ganz persönlich in den letzten Monaten, geschlagen? Bist du vielleicht sogar positiv von dir überrascht? Fühlst du dich vielleicht schlecht, weil es dir vergleichsweise ziemlich gut ging? Hast du die Krise doch als Entschleunigung wahrgenommen und das Gefühl gehabt, nicht ständig etwas zu verpassen? Und: Wie fühlt es sich an, etwas durchgemacht zu haben, über das es bald Filme, Serien und viele, viele Bücher geben wird?

4. Ist die Krise wirklich eine Chance für die Umwelt, wenn sich nun alle nach Normalität sehnen?
Klares Wasser in Venedig, saubere Luft in vielen Großstädten, streunende Schafe auf Istanbuls Autobahnen. Diese Vorher-Nachher-Bilder machen sich gut auf Social Media. Warum sie als Rettung der Umwelt gefeiert wurden, ist mir aber nicht klar, denn es fehlt das Nach-dem-Nachher-Bild. So ist die Luftqualität nach dem Lockdown wieder auf dem Weg zu Prä-Corona-Zeiten und es gibt auch keine Schafe mehr auf Autobahnen.
Ändert sich wirklich das System, weil es für ein paar Wochen kollabiert war? Oder wurde es sogar gestärkt, weil es allen Menschen so viel schlechter ging, als es zum Stillstand kam? Führt das nicht dazu, dass viele Menschen jetzt weniger Akzeptanz für Kompromisse, Verzicht und Einschränkungen haben? Führt das alles zu weniger Kritik an unserem System, weil vielen jetzt erst der Wert ebendiesem klar wurde? Oder haben wir jetzt doch alle gelernt, wie wenig wir eigentlich zum Überleben brauchen und Konsumkritik wird gesellschaftsfähiger? Auch hier gilt: Nur weil es eine Krise gab, ist noch lange keine Chance für positiven Wandel ergriffen.

Kein nachhaltiger Rückgang: Stickstoffdioxid-Belastung vor, während und nach dem Lockdown in China © NASA

. Was kommt jetzt?
Hast du einen Plan für den Rest des Jahres? Oder brauchst du vielleicht keinen? Gab es Forderungen in deiner Branche, diese nach dem Lockdown sozialer zu gestalten, wie es z.B. in Pflegeberufen der Fall war? Und drohen diese Forderungen jetzt unterzugehen, weil die Aufmerksamkeit nur kurzfristig war? Was muss getan werden, damit echter Wandel entsteht?
Und was brauchst du jetzt? Mehr Gemeinschaft? Mehr Sport? Oder doch einfach nur mehr Normalität? Wenn ja, kannst du es dann nachvollziehen, wenn das allen Menschen so geht und sich genau deswegen keine echten Reformen durchsetzen? Oder verspürst du doch so etwas wie Selbstwirksamkeit und Aufbruch?


Dies sind nur Beispiele, mit denen wir uns nun ausgiebig beschäftigen sollten. Es gibt Millionen weitere mögliche Fragen. Ich möchte mit diesem Text nur auf zwei Dinge hinweisen: Erstens, dass es unwahrscheinlich ist, dass wir alle gestärkt aus der Krise gehen, wenn wir diesen Prozess der Reflexion überspringen. Dass wir uns erst fragen müssen, was wir brauchen, bevor wir verkünden können, was wir jetzt wollen. Und zweitens, dass das Streben nach Altbekanntem jetzt groß ist und wir achtsam bleiben müssen, damit sich Dinge wirklich zum Positiven verändern.

Nimm dir die Freiheit, dich jetzt mit den großen Fragen des Lebens zu beschäftigen. Du hast verdammt noch mal gerade eine globale Pandemie überlebt und hattest dabei mehr Glück, als viele hunderttausend andere Menschen. Lass dir nicht einreden, dass Aufbau und Wachstum jetzt das einzige ist, was zählt. Akzeptiere deine Wunden und verlange nicht zu viel von dir. Und dann ergibt sich, mit der Zeit, so etwas wie Heilung. Und erst darauf blüht dann auch zarter, aber nachhaltiger, Wachstum.


Für mehr Selbstreflexion abseits von Puderzucker-Achtsamkeit empfehlen wir unsere Planer und Tagebücher. Lokale Buchdruckkunst, ökologische Materialien und mit Psycholog*innen entwickelt

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über

Jan Lenarz ist Gründer und Geschäftsführer von Ein guter Plan. Er engagiert sich politisch für mentale Gesundheit und schreibt über Achtsamkeit, Depression und Burnout. Entspannen kann er trotz aller Expertise beim Thema Stressvermeidung am besten im Fitnessstudio und keiner weiß, was da schiefgelaufen ist.

50 Kommentare zu “Krisen sind nicht immer Chancen: Warum wir erst mal heilen müssen

  1. Ann-Kathrin

    Lieber Jan,
    auch jetzt, in “der zweiten Welle”, danke ich dir für diesen Beitrag. Wir sind gerade wieder dabei die curve zu flatten und der Impfstoff ist in Sicht. Umso bedeutender sind die Fragen, die du stellst.
    Ich danke dir für die Anregungen und wünsche dem gesamten Team eine besinnliche Advents- und Weihnachtszeit!

  2. Lieber Jan,

    seit langem habe ich mich nicht mehr so gesehen gefühlt, vielen Dank für den starken Beitrag❣️Sehr dankbar dafur🙏

  3. Ich habe mich noch nie so verstanden gefühlt. Danke für diesen Beitrag.

  4. Ich habe mich noch nie so verstanden gefühlt. Danke für diesen Beitrag.

  5. Vielen Dank für diesen differenzierten Blick und deine Fragen!

  6. Vielen Dank für diesen differenzierten Blick und deine Fragen!

  7. Super, toller Artikel, danke für die Gedankeninspiration…

  8. Super, toller Artikel, danke für die Gedankeninspiration…

  9. Prof. Dr. Frank Thomas Meyer

    Hallo Jan, vielen Dank für den wertvolle und anregenden Beitrag! Die Fragen, die Du aufwirfst sind von hoher Relevanz ! Danke!

  10. Prof. Dr. Frank Thomas Meyer

    Hallo Jan, vielen Dank für den wertvolle und anregenden Beitrag! Die Fragen, die Du aufwirfst sind von hoher Relevanz ! Danke!

  11. Lieber Jan,
    danke für Deine Gedanken und die Fragen am Ende!
    Ich habe, obwohl ich in einem Pflegeberuf arbeite in der Krise meinen Job verloren, hatte einen Zeitvertrag und wurde nicht übernommen, lieber jemand günstigeren Jüngeren wieder mit Befristung einstellen. Es gab kein Gespräch, kein es tut uns leid, kein danke für Deine Arbeit, nichts einfach nur “wir haben das so entschieden, aber bitte bevor Du gehst gute Miene zum bösen Spiel, die Stimmung im Team ist ja gerade eh nicht so gut”. Echt jetzt??
    Ich bin voller Wut, Trauer und Demütigung!!! Ich habe mich dazu entschieden, mich erst zu neu zu bewerben, wenn ich diese Phase bewußt durchlebt und aufgearbeitet habe, denn sonst werden mich diese Gefühle an einem neuen Arbeitsplatz immer wieder daran hindern zu wachsen.
    Ich glaube schon, dass alles im Leben zwei Seiten hat, aber die neue Chance und das Positive kann man erst wirklich wahrnehmen und schätzen, wenn man die “Dunkelheit” mit offenen Augen und offenem Herzen durchschritten hat.

    • mm
      AutorJan Lenarz

      Danke für den Einblick, das klingt richtig bitter und tut mir leid zu hören. Krisen bringen oft Veränderung und daraus kann Gutes entstehen, keine Frage. Man muss auch nicht erst die Dunkelheit komplett durchschreiten, um das Positive zu sehen, es sind eher Wellen. Mal ist man niedergeschlagen, dann plant man ein bisschen die Zukunft. Dann ist man wieder frustriert, dann hat man wieder Hoffnung. Es ist ein Prozess. Wichtig ist, dass man in den dunklen Stunden nicht denkt, es geht nie wieder bergauf und an den besseren Tagen nicht so tut, als sei alles wieder gut (so wie derzeit oft suggeriert wird). Ich wünsche dir ganz viel Kraft auf deinem Weg!

  12. Lieber Jan,
    danke für Deine Gedanken und die Fragen am Ende!
    Ich habe, obwohl ich in einem Pflegeberuf arbeite in der Krise meinen Job verloren, hatte einen Zeitvertrag und wurde nicht übernommen, lieber jemand günstigeren Jüngeren wieder mit Befristung einstellen. Es gab kein Gespräch, kein es tut uns leid, kein danke für Deine Arbeit, nichts einfach nur “wir haben das so entschieden, aber bitte bevor Du gehst gute Miene zum bösen Spiel, die Stimmung im Team ist ja gerade eh nicht so gut”. Echt jetzt??
    Ich bin voller Wut, Trauer und Demütigung!!! Ich habe mich dazu entschieden, mich erst zu neu zu bewerben, wenn ich diese Phase bewußt durchlebt und aufgearbeitet habe, denn sonst werden mich diese Gefühle an einem neuen Arbeitsplatz immer wieder daran hindern zu wachsen.
    Ich glaube schon, dass alles im Leben zwei Seiten hat, aber die neue Chance und das Positive kann man erst wirklich wahrnehmen und schätzen, wenn man die “Dunkelheit” mit offenen Augen und offenem Herzen durchschritten hat.

    • mm
      AutorJan Lenarz

      Danke für den Einblick, das klingt richtig bitter und tut mir leid zu hören. Krisen bringen oft Veränderung und daraus kann Gutes entstehen, keine Frage. Man muss auch nicht erst die Dunkelheit komplett durchschreiten, um das Positive zu sehen, es sind eher Wellen. Mal ist man niedergeschlagen, dann plant man ein bisschen die Zukunft. Dann ist man wieder frustriert, dann hat man wieder Hoffnung. Es ist ein Prozess. Wichtig ist, dass man in den dunklen Stunden nicht denkt, es geht nie wieder bergauf und an den besseren Tagen nicht so tut, als sei alles wieder gut (so wie derzeit oft suggeriert wird). Ich wünsche dir ganz viel Kraft auf deinem Weg!

  13. Antje Hanke

    Hallo Melodiy,
    Rumheulen und klar sein “nein mir gehts nicht gut” ist ein GUTER Weg. Bloss nicht den Schmerz verdrängen.

    Als Emotionalkoerper-Therapeutin begleite ich Menschen in ihre innere Welt und erlebe dass wir uns selber heilen wenn wir alle Gefühle zulassen, dalassen, fliessen lassen.

    Wenn wir auf der Autobahn nur noch die roten fröhlichen Autos fahren lassen und alle andere stoppen und blockieren geht bald gar nichts mehr und die Autobahn verstopft.

    So ist es mit unseren Gefühlen.

  14. Antje Hanke

    Hallo Melodiy,
    Rumheulen und klar sein “nein mir gehts nicht gut” ist ein GUTER Weg. Bloss nicht den Schmerz verdrängen.

    Als Emotionalkoerper-Therapeutin begleite ich Menschen in ihre innere Welt und erlebe dass wir uns selber heilen wenn wir alle Gefühle zulassen, dalassen, fliessen lassen.

    Wenn wir auf der Autobahn nur noch die roten fröhlichen Autos fahren lassen und alle andere stoppen und blockieren geht bald gar nichts mehr und die Autobahn verstopft.

    So ist es mit unseren Gefühlen.

  15. Lieber Jan, ich werde sehr nachdenklich gerade, weil du so viele Punkte getroffen hast, die berühren. Genau dieses “Schmerzen-wegdrücken”, “Unsicherheit-überspielen”, “Unreflektiert-mit-dem-Strom-schwimmen”, “Krönchen-richten-und-weitergehen” und was weiß ich, wie viele Formulierungen sich da noch finden ließen, ist es, was uns daran hindert, wirklich etwas zu verändern. Erst das wertfreie Annehmen unserer Gefühle kann uns an so etwas unfassbar Großem und Bedrohlichem wie dieser Pandemie schadfrei vorüberführen.

    Als ich nach einigen Wochen begann, Wut zu empfinden – Wut auf das versagende Schulsystem, Wut auf die Lehrer*innen, die nicht in der Lage waren, sich wirklich mit digitalen Lernformen auseinanderzusetzen und stattdessen weiterhin nur grau eingescannte Kopien in ein Online-Portal luden, Wut darüber, dass ich als Selbstständige vollkommen überfordert mit den ganzen neuen Verpflichtungen, wie tägliches Beschulen neben dem Home Office, Essen kochen, Haushalt führen, Tagesstruktur geben, Kurier spielen, Motivatorin für die Kinder und nicht zuletzt Sündenbock (“alles verbietet ihr uns!”, “andere dürfen auch ihre Freunde sehen, nur wir nicht!”) sein, war, schämte ich mich zuerst dafür. Schließlich konnte doch Keine*r alleine etwas für meine Situation und Millionen anderen Familien oder gar Alleinstehenden ging es doch ebenso oder gar noch viel schlechter, weil sie keinen Garten hatten, wo man zwischendrin mal durchatmen konnte? Also zwang ich mich zum Durchhalten und schluckte meine Gefühle runter. Bei all der Sommersonne merkte ich allerdings gar nicht, wie berechtigt doch diese Gefühle waren. “Meine täglichen Meditationen werden mir schon helfen, wenn ich nur diszipliniert genug sein würde”, sagte ich mir, doch die “schaffte” ich schon bald nicht mehr, weil ich nie zur Ruhe kam. Von Entschleunigung keine Spur, wie du es sagst. Im Gegenteil – alles scheint sich immer noch weiter zu beschleunigen.

    Und gerade deshalb kommen deine Fragen genau richtig. Wir sollten uns alle ganz, ganz viel Zeit für die Beschäftigung mit ihnen nehmen und überlegen, wo wir eigentlich stehen und was die letzten Monate mit uns gemacht haben. Nicht im Sinne eines kollektiven Beweinens, sondern eines aufrichtigen Zuhörens – ohne Erwartungen, dafür aber mit Mitgefühl und Vergeben uns selbst und anderen gegenüber.

  16. Lieber Jan, ich werde sehr nachdenklich gerade, weil du so viele Punkte getroffen hast, die berühren. Genau dieses “Schmerzen-wegdrücken”, “Unsicherheit-überspielen”, “Unreflektiert-mit-dem-Strom-schwimmen”, “Krönchen-richten-und-weitergehen” und was weiß ich, wie viele Formulierungen sich da noch finden ließen, ist es, was uns daran hindert, wirklich etwas zu verändern. Erst das wertfreie Annehmen unserer Gefühle kann uns an so etwas unfassbar Großem und Bedrohlichem wie dieser Pandemie schadfrei vorüberführen.

    Als ich nach einigen Wochen begann, Wut zu empfinden – Wut auf das versagende Schulsystem, Wut auf die Lehrer*innen, die nicht in der Lage waren, sich wirklich mit digitalen Lernformen auseinanderzusetzen und stattdessen weiterhin nur grau eingescannte Kopien in ein Online-Portal luden, Wut darüber, dass ich als Selbstständige vollkommen überfordert mit den ganzen neuen Verpflichtungen, wie tägliches Beschulen neben dem Home Office, Essen kochen, Haushalt führen, Tagesstruktur geben, Kurier spielen, Motivatorin für die Kinder und nicht zuletzt Sündenbock (“alles verbietet ihr uns!”, “andere dürfen auch ihre Freunde sehen, nur wir nicht!”) sein, war, schämte ich mich zuerst dafür. Schließlich konnte doch Keine*r alleine etwas für meine Situation und Millionen anderen Familien oder gar Alleinstehenden ging es doch ebenso oder gar noch viel schlechter, weil sie keinen Garten hatten, wo man zwischendrin mal durchatmen konnte? Also zwang ich mich zum Durchhalten und schluckte meine Gefühle runter. Bei all der Sommersonne merkte ich allerdings gar nicht, wie berechtigt doch diese Gefühle waren. “Meine täglichen Meditationen werden mir schon helfen, wenn ich nur diszipliniert genug sein würde”, sagte ich mir, doch die “schaffte” ich schon bald nicht mehr, weil ich nie zur Ruhe kam. Von Entschleunigung keine Spur, wie du es sagst. Im Gegenteil – alles scheint sich immer noch weiter zu beschleunigen.

    Und gerade deshalb kommen deine Fragen genau richtig. Wir sollten uns alle ganz, ganz viel Zeit für die Beschäftigung mit ihnen nehmen und überlegen, wo wir eigentlich stehen und was die letzten Monate mit uns gemacht haben. Nicht im Sinne eines kollektiven Beweinens, sondern eines aufrichtigen Zuhörens – ohne Erwartungen, dafür aber mit Mitgefühl und Vergeben uns selbst und anderen gegenüber.

  17. Super Artikel, danke für das Teilen Deiner Gedanken – mehr grau statt direkt ins schwarz/weiß- denken und die Aktivität zu verfallen – denn leider ist die Gefahr ja noch lange nicht gebannt.

  18. Super Artikel, danke für das Teilen Deiner Gedanken – mehr grau statt direkt ins schwarz/weiß- denken und die Aktivität zu verfallen – denn leider ist die Gefahr ja noch lange nicht gebannt.

  19. xYOGINIx

    …namastè, lieber jan❤️!!!

  20. xYOGINIx

    …namastè, lieber jan❤️!!!

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