Rassismussensibel und empathisch: Neuer Standard für Psychotherapie und Alltag

Als rassismussensibel arbeitende, systemische Therapeutin und Beraterin erreichen mich derzeit viele Fragen: Was hat sich seit dem letzten Jahr verändert? Welche Klient*innen kommen zu dir? Oft antworte ich dann: Die Pandemie hat mir die Paare gebracht. Und durch die zahlreichen rassistisch motivierten Anschläge und Morde kamen viele BIPoCs zu mir, die kollektiv (re)traumatisiert sind.

Triggerwarnung: In diesem Text geht es um Rassismus und rassismus-induziertes Trauma, was unter Umständen als belastend empfunden werden kann.

Ein besorgter Blick in die Zukunft angesichts der vielen rassistischen Angriffe

Rassismus-induzierter Stress, Trauma & Rassismus

Das rassistische Attentat in Hanau, gefolgt von der öffentlich sichtbaren Ermordung George Floyds durch einen Polizisten in den USA im ersten Halbjahr 2020, gefolgt von weiteren rassistisch motivierten Ermordungen, unter anderem in Atlanta gegen asiatisch gelesene Menschen, hat die Menschen erschüttert. Vor allem diejenigen, die wussten, dass auch sie Opfer dieser Verbrechen hätten werden können. Weil sie in unserer Gesellschaft als nicht weiß und somit als nicht deutsch markiert werden. Weil sie aufgrund ihrer phänotypischen Merkmale, ihrer (vermeintlichen) Religionszugehörigkeit, ihrer Sprache(n) zu den „Anderen“, den Ungleichwertigen und als nicht zugehörig zum „Wir“ verortet werden. Und weil sie die Betonung, Konstruktion und Aufrechterhaltung dieser Differenzlinien auf struktureller, institutioneller, kultureller und individueller Ebene tagtäglich zu spüren bekommen. 

Ich erinnere mich ganz deutlich an die Zeit nach diesen schrecklichen Verbrechen zurück. Auf der einen Seite versuchte ich, selbst fassungslos, Wege zu finden, mit diesem kollektiven Schmerz einen Umgang zu finden. Zum anderen nahm die Anzahl der Anfragen nach rassismuskritischer und rassismussensibler psychologischer Beratung daraufhin noch deutlicher zu. Mich und meine Kolleg*innen erreichten Hilferufe von BIPoCs, von rassismuserfahrenen Personen, die nicht mehr schlafen konnten, nicht mehr aufhören konnten, Angst zu haben, oder nicht mehr die Kraft und den Willen hatten, aus ihren Betten aufzustehen, weil eine nicht feindliche Normalität nicht mehr möglich schien. Was ich in dieser Zeit sah, waren die Auswirkungen eines kollektiven Traumas. Viele Personen befanden sich im absoluten Ausnahmezustand von andauerndem Stress gefolgt von einer Fight-or-Flight-Reaktion.

Theorie und Praxis

In der internationalen Forschung, vor allem im englischsprachigen Raum, wird rassismusinduzierter Stress bereits seit über zwei Jahrzehnten intensiv erforscht. Zahlreiche Studien legen dar, dass dieser Stress sowohl kurz- als auch langfristige Folgen für die körperliche und mentale Gesundheit von Betroffenen mit sich bringt. Verursacht wird er durch drastische und einschneidende Rassismuserfahrungen auf den bereits beschriebenen Ebenen, aber auch kumuliert durch andauernde, alltägliche und oftmals  „marginal“ anmutende Demütigungen, die auch als rassistische Mikroaggressionen besprochen werden. Oft lassen sich Symptome beobachten, die denen von Traumafolgestörung sehr ähnlich sind. Auch im deutschsprachigen Raum gab es deshalb immer wieder die Forderung, Rassismuserfahrungen als traumatisch einzustufen und sie als Kriterium im Rahmen der Diagnostik von Traumafolgestörungen anzuerkennen.

Rassismus-induzierter Stress kann der mentalen Gesundheit langfristig schaden

In der Praxis sind Erscheinungsformen und Auswirkungen von Rassismuserfahrungen auf Körper und Psyche jedoch leider immer noch nicht Teil der Ausbildung – weder für Mediziner*innen noch für Psycholog*innen oder (Sozial-)Pädagog*innen. Neben anderen Initiativen wie Black in Medicine oder dem Bundesfachnetz Gesundheit und Rassismus möchten meine Kolleg*innen und ich mit DE_CONSTRUCT unseren Beitrag zu gerechter psychosozialer und gesundheitlicher Versorgung leisten. Auf der Online-Plattform sollen die genannten Fachgruppen in Zukunft Weiterbildungsangebote zu rassismuskritischem und -sensiblem Arbeiten finden.

Rassismuskritik, Diversity, Intersektionalität: Trends ohne Basiskollektion?

Die öffentlichen Debatten über Rassismus, Diversität und Intersektionalität sind bei uns in Deutschland mittlerweile in vollem Gange. Als beraterisch und therapeutisch arbeitende Person berichten mir viele meiner Klient*innen von ihren gespaltenen Herzen. Da ist einerseits Erleichterung, dass sich endlich mehr Menschen dieser Themen annehmen. Dadurch wächst die Hoffnung, dass Menschen ohne deren Diskriminierungserfahrung in Zukunft empathischer und weniger gewaltvoll agieren. Es lässt einen Optimismus zu, dass Menschen bereit sind, zu lernen, sich fortzubilden, sensitiver zu sein und ihr eigenes Erleben, Fühlen und Handeln kritischer zu hinterfragen. Oftmals fühlen sie sich das erste Mal mit ihren Erfahrungen gesehen, und das gibt ihnen Anschub. Andererseits würde sich die öffentliche Debatte manchmal anfühlen, berichten mir so einige meiner Klient*innen, wie ein Trend ohne Basiskollektion. Es bleibt das große Misstrauen darüber, wann Menschen, die nicht von Rassismus und den intersektionalen Verwobenheiten betroffen sind, das Thema wieder leid werden und zurück in die Schublade stecken.

Der Kampf gegen Rassismus ist kein Trend, sondern harte Lebensrealität

Die Betroffenen bleiben abwartend skeptisch. Oft wird diese innere Zerrissenheit zum Thema in der psychologischen Beratung und Therapie. Wir sollten uns näher ansehen, wo und inwiefern sich rassismuserfahrene Menschen in welchen Rollen wiederfinden. In ihren Unternehmen sind meine Klient*innen oft die einzigen (Indigious) People of Colour oder die einzigen Schwarzen Personen. Werden die Themen Rassismus, Diversität und Intersektionalität besprochen, rücken sie oft, sicher mit den besten Intentionen, in den Fokus. So werden sie wieder als fremd und anders markiert und ungefragt mit der Aufgabe betraut, für „ihresgleichen“ zu sprechen und deren Veränderungswünsche zu formulieren. Heterogenität und Individualität werden mit solchen Zuschreibungen erneut zunichtegemacht, das Gefühl der Ausgrenzung wird vielmehr reproduziert, anstatt es zu beheben, und die Personen fühlen sich oftmals instrumentalisiert.

Es sollte in der Hand jeder einzelnen Person liegen, selbstbestimmt entscheiden zu dürfen, wo und wie viel sie in die Aufklärung der Fragenden investieren will und kann. Und es sollte insbesondere in der Hand der Menschen liegen, die von der Außenwelt sehr oft aufgefordert werden, ihr angebliches „Anderssein“ zu erklären. Damit es sich eben nicht doch nur um einen Trend der anti-rassistischen Bemühungen handelt, sollten sich Nicht-Betroffene eigenverantwortlich und ohne Ängste damit auseinandersetzen, was sie für eine Veränderung in Haltung, Praktiken und Prozessen brauchen. Aber vor allem damit, warum diese Veränderungen ein Mehrgewinn für alle Beteiligten sind. 

Das Wirken von Rassismus in den eigenen Beziehungen

Nach George Floyds Tod stellten einige meiner rassismuserfahrenen Klient*innen die Frage, warum sie von ihren Liebsten oder nahestehendsten Mitmenschen nicht gefragt wurden, wie es ihnen damit gehe. Die Frage ist mehr als berechtigt und die Antworten darauf, zumindest die, die meiner Reflexion nach eine Rolle spielen, spiegeln die Vielschichtigkeit der Problemlage wider. 

Hinschauen und die eigene Position im System checken

Einmal ist es so, dass diese Frage voraussetzen würde, dass mir als Person, welche in Beziehung zu einer rassismuserfahrenen Person steht, erst einmal klar werden müsste, dass diese eine rassismuserfahrene Person ist. Viele weiße Klient*innen berichten, dass sie ihre nahestehende Person nie als von Rassismus betroffen wahrgenommen haben. In ihrer Wahrnehmung seien ihre Bezugspersonen nicht verschieden von anderen Menschen. Diese Aussage wird oft in der besten Intention ausgesprochen, ignoriert aber leider in gleichem Atemzug die Erfahrungen, welche die geliebte Person of Colour oder Schwarze Person in unserer Gesellschaft auf den verschiedensten Ebenen macht. Und erweckt somit oft den Eindruck, dass es sehr mühsam sein wird, diese Wirklichkeitskonstruktion durch das Mitteilen der eigenen Erfahrungen zu korrigieren. Aus einer gut gemeinten Absicht heraus kann somit durch Unachtsamkeit gegenüber den eigenen Privilegien und gegenüber anderen Lebensrealitäten schnell eine erneut ausgrenzende Erfahrung resultieren.

Darüber hinaus mag Unsicherheit der beteiligten Personen ebenfalls eine Rolle dabei spielen, dass Rassismuserfahrungen nicht auf eine Weise thematisiert werden, die Verständnis und Anteilnahme spürbar macht. So fragt sich wahrscheinlich so manch Nicht-Betroffene*r: Kann ich das fragen? Bringe ich mein Gegenüber dadurch in eine schamvolle Position oder gebe ich ihm*ihr dadurch ein Gefühl des Andersseins? Diese Überlegungen sind sicherlich nicht falsch und mögen je nach Selbstverortung der BIPoC Person auch unterschiedlich wirken. Meine Erfahrung ist allerdings, dass Menschen of Colour und Schwarze Personen in unserer Gesellschaft oft schon von Kindesbeinen an rassistische Diskriminierung und ein „Als-anders-markiert-Werden” kennen und ein Großteil meiner Klient*innen die Frage als stimmig empfinden würde. 

Eine kurze Reflexionstechnik der Autorin für Menschen, die Erfahrungen mit Rassismus machen

Und dann ist da noch eine andere große Angst auf Seiten der Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind: Was tun, wenn von Rassismuserfahrungen berichtet wird? Wie können sie die nahestehenden Menschen dann auch wirklich unterstützen? Das Thema und die inneren Bilder darüber haben oftmals einen lähmenden Effekt. Neben den Bestrebungen weißer Personen, sich wirklich damit auseinanderzusetzen, wie man antirassistisch handeln und gesellschaftlich einen Beitrag leisten kann, entfallen den Personen beim Thema Rassismus oftmals grundlegende Unterstützungsstrategien, die bei geläufigeren Problemen ganz selbstverständlich scheinen: Empathisch zuhören, das Erlebte validieren und danach fragen, wie sie ggf. unterstützen können. Bei Liebeskummer unter Freund*innen kein Problem, bei dem Thema Rassismus jedoch oft fehlend. Dieser grundlegende empathische Beistand mag aufgrund der oftmals beschriebenen Empathielücke (siehe z. B. bei Emilia Roig „Why we matter“ oder bei Legruy „Posttraumatic slave syndrom“) entfallen, aber auch weil bei dieser Angelegenheit fast automatisiert Schuld, Scham, Abwehr und vor allem Hilflosigkeit generiert werden. 

Wenn wir echte Veränderung anstreben wollen, kommen wir um zwei Sachen nicht herum: aktives und empathisches Zuhören und ein Verstehen unserer eigenen Positionen in dem Thema.

Weitermachen ist ein guter Anfang

Als Menschen und Gesellschaft sind wir kollektiv in diesen Mustern gefangen, von Beginn an. Aber um rassismuserfahrene Menschen, ihre mentale und körperliche Gesundheit zu schützen, müssen wir aus meiner Perspektive das fortführen, was kürzlich wegen einer Vielzahl an erschreckender Ereignisse (wieder) begonnen wurde: Hinschauen, Rassismus und intersektionale Betroffenheit anerkennen, eigene Positionen und Privilegien verstehen und eigene Handlungsmöglichkeiten ausnutzen. Wir dürfen das ganze Thema nicht so groß werden lassen, bis Erstarrung und Handlungsunfähigkeit die einzigen Konsequenzen sind. Wir müssen eigene Ängste, Unbeholfenheiten und Abwehrhaltungen zuerst annehmen und ihnen dann entgegentreten, mit den Mitteln, die mir als Person zur Verfügung stehen.

2 Kommentare zu “Rassismussensibel und empathisch: Neuer Standard für Psychotherapie und Alltag

  1. Sehr interessant und wichtig, dankeschön!

  2. Priscilla

    Danke für den wertvollen Artikel!

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