Muttertag: Warum wir unser Bild von Mutterschaft hinterfragen sollten

Mehr als Blumen, Pralinen und Dankbarkeit: Der Muttertag ist eine gute Gelegenheit, um das Bild der „guten Mutter“ zu hinterfragen. Bei der Bestandsaufnahme helfen Achtsamkeit und Akzeptanz dabei, einen eigenen Weg zu finden.

Anerkennung und Entlohnung statt Blumen schenken

Muttertag. Wie geht es dir mit diesem Wort, mit diesem Tag? Wie fühlst du dich? Wenn ich mir all die Glückwunschkarten und Blumensträuße anschaue, geht es vor allem um Dankbarkeit und Anerkennung. Danke, Mama. Mama, du bist die Beste. Toll, was du alles leistest. 

Doch da kann viel mehr sein. Frust, Wut, Scham, Trauer. Manche Menschen haben ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter, andere haben ihre leibliche Mutter nie kennengelernt. Meine Mama ist letztes Jahr gestorben. Ich fasse es immer noch nicht, dass sie nicht mehr da ist. Die Trauer kommt in Wellen und reißt mich immer wieder um. Gleichzeitig bin ich selbst Mama von zwei Kindern. „Mama ist meine allerbeste Freundin“, hat mein Sohn neulich gesagt. Kann ein Herz vor lauter Liebe eigentlich platzen? Kurz: All the feels. 

Der Muttertag ist auch ein Anlass, das Bild der „guten Mutter“ infrage zu stellen. Wieso ist Mama die Beste? Weil sie sich immer aufopferungsvoll kümmert und ihre Bedürfnisse zurückstellt? 

Woher kommt der Muttertag

Zum Einstieg ein kurzer, unvollständiger Exkurs: Zwar wurde schon 250 vor Christus eine Art Muttertagsfest veranstaltet, doch der Feiertag, wie wir ihn kennen, hat seinen Ursprung in verschiedenen Frauenbewegungen aus den 1860er Jahren. Es ging unter anderem um bessere Bildungschancen für Mädchen sowie um mehr Anerkennung für Mütter.

Anna Marie Jarvis rief 1907 in den USA einen Gedenktag für ihre verstorbene Mutter ins Leben, die eine dieser Mütterbewegungen gegründet hatte. Weniger Jahre später kam diese Idee auch in Europa an – in Deutschland war es der Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber, der diesen Tag bekannt machte. Schaut man sich heute um, ist aus einer Bewegung eine reine Konsumschlacht geworden. Blumen und Pralinen statt Bildung und Anerkennung.

Eine „gute Mutter“ gibt alles für ihre Kinder

In einem Onlineshop ist mir ein Poster begegnet, auf dem steht: „Mama. Eine Frau, die immer das Beste in ihren Kindern sieht und unendlich viel Liebe im Herzen trägt. Auch dann, wenn ihre Kinder sie an den Rand der Verzweiflung bringen. Sie erledigt ohne Probleme die Arbeit von zwanzig – kostenlos! Sie ist eine treue Begleiterin in deiner Kindheit und lässt dich auch danach niemals im Stich.“

Mütter werden für ihre Aufopferung noch immer nicht gerecht entlohnt
Unbelohnte Aufopferung?

Erledigt eine Mutter wirklich dank all ihrer Liebe ohne Probleme die Arbeit von zwanzig, und macht das auch noch gern kostenlos? Ist Aufopferung die Basis von Mutterschaft? Die gesellschaftlichen Erwartungen an Mütter sind absurd. Ich musste sofort an eine Filmszene denken, in der eine Mutter ihre erwachsene Tochter verzweifelt anschreit: „Ich habe immer alles für euch gegeben. Solange, bis nichts mehr von mir übrig war.“

Mutterschaft macht arm

Eigentlich sind wir doch längst darüber hinweg, oder? In meiner feministischen, aufgeklärten Bubble sind sich alle einig, dass beide Elternteile gleichermaßen für die Care-Arbeit zuständig sind. Also für all die Dinge, um die man sich rund um Kind und Haushalt kümmern muss. Das ist nicht nur die Kinderbetreuung und das Putzen des Hauses, sondern dazu gehören all die tausend kleinen Dinge, die man als Eltern im Kopf haben muss: Wer hat im Blick, ob der Turnbeutel fürs Kinderturnen gepackt ist, ob die Gummistiefel noch passen, welche Geschenkwünsche für den Kindergeburtstag an Oma und Opa weitergegeben werden? Wer schmiert Schulbrote (und kauft vorher das Brot ein), wer sorgt dafür, dass ausreichend Snacks in der Schublade sind, dass eine neue Trinkflasche gekauft wird, wenn die alte kaputt geht, wer hilft bei den Hausaufgaben? Wer füllt die Windeln auf? Wer fährt zum Sport und holt ab, wer springt ein, wenn das Kind krank ist? 

Wenn man sich die Statistiken und Zahlen anschaut, wird klar, dass vor allem Frauen verantwortlich sind. Hier drei Beispiele:

  • Eine internationale Studie von 2019 zeigt, dass sich die Geburt eines Kindes in Deutschland extrem negativ auf die Gehaltsentwicklung der Mütter auswirkt. Mütter verdienen zehn Jahre(!) nach der Geburt des ersten Kindes im Schnitt 61 Prozent(!) weniger als im Jahr vor der Geburt. Väter haben nahezu keine Nachteile. 
  • Unter verheirateten Frauen zwischen 30 und 50 Jahren haben nur sechs Prozent ein eigenes Nettoeinkommen von mehr als 2000 Euro. 63 Prozent der verheirateten Frauen zwischen 30 und 50 Jahren haben ein Einkommen von weniger als 1000 Euro netto. 19 Prozent der verheirateten Frauen zwischen 30 und 50 Jahren haben gar kein Einkommen. Das hat eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2015 ergeben.  
  • Im Gesamtdurchschnitt – wenn also auch Singlehaushalte und kinderlose Familien mit einbezogen werden – leisten Frauen im Schnitt 52,4 Prozent mehr Familien- und Sorgearbeit als Männer. In Familien mit Kindern steigt diese Diskrepanz auf über 83,8 Prozent, die Frauen mehr Sorgearbeit leisten bzw. leisten müssen. Diese Zahlen stammen aus dem Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung von 2019. Familien mit einem oder mehreren Kindern mit Behinderung sind dabei noch nicht einmal mit einbezogen. 

It’s all about the money

Meine erste Reaktion, wenn ich so etwas höre: Wut, Empörung, Kopfschütteln. Mütter sind viel häufiger von Altersarmut betroffen als Väter. Frauen sind schwanger, meistern diese unfassbaren Kraftakte der Geburt, stillen, kümmern sich um die Kinder und müssen das auch noch mit Gehaltseinbußen bezahlen. 

Es geht ums Geld. Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft, in der Geld immer mit Macht und Anerkennung verknüpft wird. Elternschaft wird immer noch viel zu oft als nettes Hobby angesehen, nicht als gesellschaftliche Notwendigkeit. Ja, Elternschaft ist wunderschön, Kinder zu haben ist auch für mich ein unglaublich großes Glück und Privileg – aber es ist kein lustiges Hobby, das man nebenbei betreibt. Diese Schieflage in der Wahrnehmung entsteht vor allem durch die fehlende finanzielle Entlohnung.

Traditionelle Rollenbilder sind immer noch die Norm

Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, kenne ich zwar einige Ausnahmen, doch die meisten leben ein traditionelles Rollenmodell. Mama nimmt ein Jahr Elternzeit und kehrt in Teilzeit zurück, Papa arbeitet in Vollzeit weiter und nimmt maximal, wenn überhaupt, die zwei Partnermonate. Mama macht Hausarbeit und kocht, ist in erster Linie für die Kinder verantwortlich und froh, wenn der Papa ab und zu „hilft“. 

Traditionelle Rollenbildern sind in Familien immer noch die Norm
Wer macht was?

Es sind kluge, studierte, gebildete, feministisch denkende Frauen, die mit dem Kinderkriegen Stück für Stück in die traditionellen Rollenbilder gerutscht sind. Einige haben sich bewusst dafür entschieden, die meisten sind eher unbewusst reingeraten. Nicht, weil sie sich unterbuttern lassen, sondern weil wir alle in diesem System stecken, in dem es tiefsitzende Ansprüche an Mütter gibt. Und weil es „dank“ Gender Pay Gap meist so ist, dass der Mann mehr verdient und es dann logisch erscheint, dass sie Stunden reduziert. Und ja, es liegt auch daran, dass die Männer den gesellschaftlichen Druck spüren, die Familie „ernähren“ zu müssen und sich blöd vorkommen, wenn sie als einziger Papa beim Babyschwimmen dabei sind.

Selbst wenn man eigentlich weiß, dass das Unsinn ist, ist es unfassbar schwierig, einen anderen Weg zu gehen. Dabei wäre es auch für die Väter wichtig, neue Optionen zu haben. Mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen, von Anfang an ein Urvertrauen aufzubauen, eine tiefe Beziehung zu den eigenen Kindern zu pflegen. Es wäre für beide Elternteile heilsam, nicht nur über Geld die Rollenverteilung zu definieren. Aber es ist eben oft nicht umsetzbar, weil das Leben Geld kostet.

Eine achtsame Bestandsaufnahme

Wenn das Gedankenkarussell kaum noch zur Ruhe kommt, hilft es, innezuhalten. Zeit für Achtsamkeit, Zeit für eine Bestandsaufnahme. Wo stehst du gerade? Was läuft gut, wo ruckelt es? Welche Sorgen sind akut, welche kommen immer wieder? Welche Bedürfnisse gibt es im Alltag und perspektivisch? Hier zählen die Bedürfnisse der Kinder sowie der Eltern gleichermaßen. Wie sieht die berufliche Situation aus, welche Chancen bieten sich? Welche Ressourcen stehen zur Verfügung? Wo sind deine persönlichen Grenzen, wo gibt es Grenzen, die von außen vorgegeben sind? Wie viel kannst du realistisch schaffen, wann brauchst du Hilfe und woher kannst du diese bekommen? Spüre in dich hinein und höre hin, schreib am besten auf, was dir wichtig ist. Im Alltag überhören wir uns selbst viel zu oft. 

Diesen Blick nach innen zu richten und sich dabei von äußeren Erwartungen freizumachen, ist gar nicht so einfach. Wer gibt schon gern zu, dass ein ganzer Tag allein mit zwei Kindern die eigenen Grenzen der Belastbarkeit bereits überschreitet? Man wollte doch Kinder. Das muss man doch schaffen! Die tadelnde, innere Stimme wird sofort laut. Stopp! Jetzt wird nicht bewertet. Deine Gefühle sind echt. Jede*r hat andere Grenzen. Das ist okay. Und nicht jede*r hat auf alles einen Einfluss. Bestimmte Dinge sind durch den anderen Elternteil bedingt, andere durch das System, in dem wir leben. Es kann sehr heilsam sein, das anzuerkennen und anzunehmen. Du bist nicht für alles verantwortlich. 

Gleichberechtigung selbst definieren

Wenn es machbar ist, ist Gleichberechtigung ein großartiges Ziel. Doch 50:50 kann unterschiedlich definiert werden. Es bedeutet nicht, dass alle Aufgaben abwechselnd erledigt werden müssen, sondern dass eine faire Aufteilung der Care-Arbeit stattfindet. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sinnvoll ist, sich erstmal in Ruhe auszutauschen, welche Aufgaben man gern macht, und welche man als anstrengend empfindet. Denn häufig stellt sich heraus, dass die*der Partner*in das ganz anders sieht. Ein Beispiel: Mein Mann steht lieber nachts auf, wenn die Kinder uns brauchen, ich starte dafür morgens auch mal um 5:30 Uhr in den Tag, wenn die Kleinen die Nacht beenden, bleibe nachts aber liegen. Wir justieren unsere Rollen immer wieder neu, wenn sich etwas unfair anfühlt. Das klingt so einfach, ist aber oft mit intensiven Diskussionen und hitzigen Streitereien verbunden. 

Care-Arbeit darf nicht an Müttern und Omas hängen bleiben.
Care-Arbeit ist nicht nur Frauensache

Zudem sind solche Diskussionen nicht immer möglich. Denn nicht jede Beziehung ist auf Augenhöhe. Oftmals werden Menschen in toxischen oder gar gewalttätigen Beziehungen nicht mitgedacht. Jede vierte Frau wird im Laufe ihres Lebens zum Opfer körperlicher oder sexualisierter Gewalt durch ihren aktuellen oder durch ihren früheren Partner. „Sprich doch einfach mit ihm“ ist nicht immer so einfach.

Zudem gibt es alleinerziehende Elternteile, vor allem Mütter. Hier spielen völlig andere Themen eine Rolle als bei Paaren. Daher ist es auch hier so wichtig, mit den eigenen Grenzen und Bedürfnissen achtsam umzugehen, diese bewusst wahrzunehmen und zu schauen, welche Möglichkeiten es gibt, sich Hilfe zu holen. 

Liebe Regierung, wir brauchen euch!

Damit sich wirklich etwas ändert, muss die Wertschätzung der Care-Arbeit aus der Politik kommen. Weniger Arbeitszeit bei vollem Gehalt, starke Steuerentlastungen für Eltern, langfristige Rentenpunkteerhöhungen, Abschaffung des Ehegattensplittings – es gibt viele Ideen, die das Leben für Eltern zumindest ein bisschen leichter machen würden. Wenn die Gesetzeslage aber so aussieht, dass man finanziell bessergestellt ist, wenn nur ein Elternteil arbeitet, dann entscheiden sich eben viele Paare für dieses Modell. Neben Wut und Ärger über das System kann so auch eine (zumindest zeitweise) Akzeptanz der Situation entstehen. Hier kannst du üben, das Nebeneinander der Gefühle bewusst wahr- und anzunehmen. 

Vielleicht regt sich dadurch der Impuls, sich politisch zu engagieren oder in irgendeiner Form laut zu werden, um auf Ungerechtigkeiten hinzuweisen, damit diese langfristig geändert werden. Zumindest, wenn noch genug Energie übrig ist, zwischen schlaflosen Nächten und zähen Tagen. Wut und Engagement kosten nämlich Kraft. Oft sind diese Reserven aufgebraucht. Auch hier gilt: Achte auf deine Grenzen.

Erwartungshaltungen, die überfordern

Selbst wenn man sich nun traut und allen politischen Gegebenheiten zum Trotz einen anderen Weg geht, sind da immer noch die gesellschaftlichen Erwartungshaltungen. „Wie, du willst schon wieder arbeiten?“ – „Das arme Kind, es braucht doch die Mama!“ – „Wieso bekommt man denn Kinder, wenn man gar keine Zeit für sie hat?“ – Ja, all diese Sprüche sind gängig. All diese Sprüche muss man aushalten, wenn man nicht den klassischen Weg geht. Selbst wenn man nach dem Abstillen allein drei Tage Wellness-Urlaub macht, wird die Mama sofort gefragt: „Vermisst du dein Kind nicht, wenn du weg bist?“ oder „Meinst du denn, du kannst deinen Mann mit den Kindern allein lassen?“ 

Mütter müssen Erwartungshaltungen ertragen, die überfordern
Alle wissen es besser

Papas kennen solche Fragen nicht, wenn sie wegfahren. Mamas schaffen scheinbar immer alles, so die gängige Meinung. Mamas sind ständig mit dem Bild der „guten Mutter“ konfrontiert, innerlich wie äußerlich. Und unbewusst versucht man ständig, diesem Bild gerecht zu werden – notfalls bis zur völligen Erschöpfung. Ich kenne keine Mutter, die nicht schon mal vor Überforderung heulend auf dem Klo saß.  

Hinterfrage deine Gedanken

Wir alle werden immer wieder mit gesellschaftlichen und persönlichen Prägungen konfrontiert, können diese hinterfragen und mit uns selbst in einen Konflikt, eine Aufarbeitung und Neuordnung gehen. Das kann schmerzhaft sein, weil hier eventuell eine Abkehr von der eigenen familiären Prägung stattfindet und Gegenwind auszuhalten ist. Es ist normal, dass das Zeit, Tränen und Nerven kostet. 

Egal, ob du selbst Kinder hast, oder nicht: Beobachte dich, wie du die Entscheidungen anderer Eltern bewertest und kommentierst. Auch du bist Teil dieser Gesellschaft und jedes Gespräch steuert den Diskurs ein Stück weit mit. Daher lohnt es sich immer, die eigenen Impulse zu hinterfragen: Stimmt das wirklich? Oder ist das nur eine gesellschaftliche Prägung, die ich verinnerlicht habe? Welches Gefühl gebe ich meinem Gegenüber mit meinen Aussagen? 

Allen Eltern kann ich zudem ans Herz legen, achtsam mit den eigenen Gefühlen umzugehen und offen miteinander zu sprechen. Nicht nur als Paar, sondern auch mit anderen Menschen. Seid ehrlich, tauscht euch aus. Ich empfinde es als unglaublich erleichternd, wenn ich merke, dass ich mit meinen Sorgen, Ängsten oder meiner Überforderung nicht allein bin. Vielleicht ergibt sich im Austausch eine neue Perspektive, eine Idee, wie es anders gehen könnte, oder die Option, sich gegenseitig zu helfen. Ich glaube, der Muttertag ist eine gute Gelegenheit für solch ein Gespräch.

2 Kommentare zu “Muttertag: Warum wir unser Bild von Mutterschaft hinterfragen sollten

  1. Ja, ich will noch achtsamer sein und sprechen bei diesem Thema

  2. Katharina

    Großartiger Text und jedes Wort beschreibt zu 100 Prozent die Realität. Danke dafür und so viel Ehrlichkeit und Offenheit.🧡

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