Freizeit ohne Optimierung: Wie Hobbys unserer Seele guttun

Müssen statt wollen? Wenn Selbstoptimierung auch in der Freizeit im Mittelpunkt steht, fühlen wir uns zunehmend erschöpft. Hobbys können helfen, sich von dem Druck der Leistungsgesellschaft freizumachen und wirklich zu entspannen.

Zitronen und Raubkatzen malen

„Ich müsste mal wieder“ … mehr Sport machen, qualitativen Content posten, Sachbücher lesen, ins Theater gehen, den Balkon umgestalten, eine Weiterbildung machen. Und dann wollte ich doch noch Handlettering perfektionieren, imkern oder Makramees knüpfen. Viele von uns haben ständig das Gefühl, mehr tun zu müssen. Neben den Ansprüchen im Job, des Partners oder der Partnerin, der Kinder, der Freund*innen und der Sozialen Netzwerke kommen noch die Ansprüche der Gesellschaft dazu, die ständige persönliche Weiterentwicklung und außergewöhnliche, kreative Freizeitaktivitäten, welche die Produktivität, Attraktivität oder Kreativität steigern, zu fordern scheint. 

Am Ende bleibt ein schales Gefühl der Faulheit, wenn man es nicht „schafft“. Oder, wenn man eben doch Dinge anpackt, die man „machen müsste“, ist die Freizeit sehr schnell aufgebraucht – und ein freies Wochenende fühlt sich wenig erholsam an. 

Freizeitstress – ein Paradoxon

In einem ZEIT-Artikel schrieb die Journalistin Carmen Böker: „Wer imkern will, soll imkern, aber wer meint, dass er dringend mal imkern sollte, der sollte es besser bleiben lassen.“ Und damit trifft sie ins Schwarze. Viele von uns sind auch in der Freizeit Getriebene. Wir tun Dinge, von denen wir meinen, dass wir sie tun sollten. Nicht, weil wir sie wirklich tun wollen. 

Es gibt einen Sketch von Loriot, in dem eine Frau ihren Mann fragt, was er denn gerade mache. Er sitzt auf dem Sessel und antwortet: „Nichts.“ 

„Nichts? Wieso nichts?“, fragt sie. „Ich mache nichts“, sagt er. „Gar nichts?“ – „Nein.“ – „Überhaupt nichts?“ – „Nein. Ich sitze hier.“ 

Und so geht es eine Weile hin und her. Er solle doch spazieren gehen. „Ich hole dir deinen Mantel!“, ruft sie. Oder er solle etwas tun, was ihm Spaß mache. Sie hält es offenbar nicht aus, dass ihr Mann die Zeit nicht sinnvoll nutzt.

Die Zeit sinnvoll nutzen – dieser Anspruch führt dazu, dass wir unsere Freizeit immer effizienter, durchgetakteter, zielführender gestalten. Dabei steht das Wort „Freizeit“ doch eigentlich für „freie Zeit“. Zeit, in der wir keine verpflichtenden Termine haben, in der wir genau das tun dürfen, was wir wollen. Das Wort „Freizeitstress“ ist somit ein Widerspruch in sich. Freie Zeit ist nicht stressig. Eigentlich. Und dennoch kennt fast jede*r von uns dieses Gefühl, von einem To-do zum nächsten zu hetzen: Kaffee-Date, Online-Weiterbildung, Zoom-Call mit Freund*innen, Halbmarathon-Training. Und vieles davon wird bei Instagram, TikTok oder zumindest in WhatsApp Gruppen geteilt, kommentiert, bewertet. Sogar der Tatort am Sonntagabend wird im Second Screen bei Twitter begleitet. Pics or it didn’t happen, oder anders gesagt: Post or it didn’t happen. 

Der Weg ist das Ziel

„Wir leben in einer Welt, in der unser Wert durch unsere Produktivität bestimmt wird. Wir fühlen uns dadurch dazu verpflichtet, unsere Zeit so zu investieren, dass sie etwas bringt. Eine Aktivität, die nicht zielgerichtet ist, scheint wertlos zu sein“, sagt die Künstlerin und Autorin Jenny Odell in einem Interview mit der flow

Allein das Wort „investieren“ erscheint mir im Zusammenhang mit Freizeit suspekt. Clever investieren, anstrengen, Ziele erreichen, Erfolge vorweisen und diese dann erneut übertreffen. Dieses Prinzip der Leistungsgesellschaft übertragen wir viel zu oft in den Freizeitbereich und wundern uns dann, wieso wir uns nicht mehr richtig erholen können. Warum muss nun sogar freie Zeit ein Ziel haben? 

Was ist aus Hobbys geworden?

Wenn ich mich an meine eigene Jugend erinnere, hatte ich diverse Hobbys. Ich habe Kurzgeschichten geschrieben, viel gelesen, Jazz- und Moderndance getanzt, Musik gehört und Flöte gespielt. Und es gab viele Nachmittage, an denen ich eigentlich gar nichts gemacht habe. Vielleicht CDs sortiert, Zeitschriften gelesen, in die Luft geguckt, stundenlang mit meiner besten Freundin telefoniert. Ich hatte dabei keine Agenda. Ich habe einfach getan, wonach mir war. Meine Hobbies und Tätigkeiten habe ich nach Lust und Laune ausgesucht. 

Als Kind fiel es den meisten von uns leichter, sich von äußeren Ansprüchen oder Erwartungen freizumachen. Zugegeben: Damals hatte ich mehr Zeit. Heute bleiben zwischen Ehe, zwei Kindern, Selbstständigkeit und Haushalt weniger Freiräume. So geht es vielen. Doch es gibt sie, die Inseln der Freizeit – oder es gibt zumindest die Option, diese Freiräume durch Absprachen und Reduktion unnötiger Aktivitäten zu schaffen. 

Doch genau diese Rarität der freien Zeit führt zu dem Gedanken, diese wertvollen, geradezu heiligen Momente so schön, so sinnvoll und so effizient wie möglich zu gestalten – am besten so, dass wir in irgendeiner Form „besser“ werden. Es gibt sogar Magazinartikel, in denen Hobbys aufgelistet werden, mit denen man kreativer und leistungsfähiger werden kann. Nun sollen wir also auch noch das Hobby so auswählen, dass es uns beruflich weiterbringt. Die Freizeit „nutzen“. Uff. 

Doch Hobbys sollten keinem Leistungs- oder Zielgedanken unterliegen. Sie dienen nicht der (Selbst-)Optimierung, müssen nicht mit Apps und Fitnessuhren getrackt werden. Sie sollten die Möglichkeit bieten, sich auszuprobieren. Frei von Druck, frei von Zwängen, frei von Erwartungen. Natürlich darf es dabei auch Erfolgserlebnisse geben. Und natürlich dürfen wir auch produktiv sein. Aber es ist völlig in Ordnung, wenn niemand anders diesen Erfolg versteht. „Und wenn Sie der einzige Mensch sind, der sich nichts Schöneres vorstellen kann, als David-Hasselhoff-Songs zu covern, dann seien Sie eben der einzige Mensch weit und breit, der sich nichts Schöneres vorstellen kann, als David-Hasselhoff-Songs zu covern“, schreibt der Journalist David Denk in seinem Buch „Der Hobbyist. Auf der Suche nach der verlorenen Freiheit“. Kurz: Ein Hobby sollte Spaß machen. 

Ein Regal voller Hobbys

Ein Beispiel aus meinem eigenen Leben: Ich mache gern Yoga. Aber ich erwische mich oft dabei, mir möglichst anstrengende Yoga-Einheiten auszusuchen, damit ich in der Trainingszeit möglichst noch ein paar Kalorien verbrenne und Muskulatur aufbaue. Stichwort Selbstoptimierung. Wenn ich mich aber dann doch mal zu einer sehr ruhigen, entspannten Yoga-Session hinreißen lasse, merke ich, wie gut das tut. Dass ich es genieße, mal nicht zu powern, nicht zu leisten. Wieso mache ich das nicht viel häufiger? Wieso fällt es so schwer, loszulassen? Bei meinem Hobby geht es doch ausschließlich um den oder die Hobbyist*in. Nicht um die Ziele und Ansprüche anderer.

Vielleicht ist genau das die Definition eines Hobbys: Es dient keinem Zweck, es hat kein Ziel. In einem Hobby kann man sich verlieren, in einen Flowzustand geraten und einfach im aktuellen Moment zufrieden sein – es ist ein Stück Egoismus, der niemandem weh tut. Wer beim Laufen ständig auf die Fitnessuhr schaut und denkt: „Mist, ich muss meine Pace noch verbessern“, wird nicht die Glückseligkeit eines Hobbys spüren. Wer einfach aus Lust und Laune läuft, dabei die Zeit vergisst, vielleicht ein Hörbuch (oder den eigenen Gedanken zu-)hört, kann diese Zeit mit einer viel größeren Zufriedenheit genießen. Natürlich ist es auch in Ordnung, sich selbst herauszufordern und besser werden zu wollen. Aber der Vergleich sollte nur bei der eigenen Person, ohne Druck und nicht im Außen stattfinden, wenn es um Hobbys geht. 

Beruf ≠ Hobby 

In einer Studie aus London wurde gezeigt, dass Hobbys nicht nur Spaß machen, sondern auch gegen Depressionen helfen können. In der Studie war ein Hobby als eine regelmäßige Beschäftigung definiert, die nur dem Zeitvertreib dient und körperlich nicht anstrengend ist. So zum Beispiel künstlerische, handwerkliche oder musikalische Aktivitäten. Da Bewegung einen nachgewiesenen Effekt auf Depressionen hat, wurden sportliche Hobbys ausgeschlossen, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Das Ergebnis: Mit Hobby war die Wahrscheinlichkeit, an Depression zu erkranken, um 32 Prozent geringer als bei den Studienteilnehmer*innen ohne Hobby. Wenn bereits eine Depression diagnostiziert wurde, profitierten die Teilnehmer*innen ebenfalls von einer neuen Freizeitaktivität. Ihre Symptome waren weniger stark und die Chance auf Genesung stieg um das Dreifache im Vergleich zu den Hobbylosen. 

Sinnsuche aus, Tastsinn an

Da könnte man schnell auf den Gedanken kommen: Mehr davon! Von einer Tätigkeit, die einem gefällt und auch noch gegen Depressionen hilft, kann man doch nie genug haben – oder? Viele Menschen träumen davon, ihr Hobby zum Beruf zu machen.

„Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten“, liest man gerade bei kreativen Menschen immer wieder. Doch das Hobby zum Beruf zu machen, bedeutet auch, dass man zwar einen neuen Beruf, aber kein Hobby mehr hat. Denn ein Beruf ist nie so frei und ungebunden wie ein Hobby. Buchhaltung, weniger Zeit zum Ausprobieren und Scheitern, finanzielle Nöte – wenn das Hobby zum Beruf wird, wächst der Druck. Freiheit, Lust und Leidenschaft eines Hobbys gehen leider viel zu oft verloren. Natürlich ist es erstrebenswert, einen Beruf zu wählen, den man gern ausübt. Aber dann ist es immer noch ein Beruf. Kein Hobby. 

»Jeder Mensch braucht ein Hobby.«

James Bond

Im Erwachsenen-Leben, gerade wenn kleine Kinder im Spiel sind, konzentriert sich die Freizeit meistens auf den Abend, wenn die Kids schlafen. Das heißt oftmals: Füße hochlegen und Serien und Filme schauen. Ist das auch ein Hobby? Einerseits ja. Denn es kann wirklich wahnsinnig entspannend sein, einfach einen Film zu schauen, sich fallen zu lassen und ohne Ziel den Moment zu genießen. Andererseits ist es eine Form der völligen Passivität, die eigentlich untypisch für ein Hobby ist. Beim Zuschauen wird nichts ausprobiert, nicht herumgewurschtelt. So können Netflix und Co. manchmal pure (und notwendige!) Entspannung sein, als einziges Hobby aber durchaus paralysierend wirken und eine gewisse Trägheit fördern. Serien und Filme lassen uns in fremde Welten eintauchen – eine unterhaltsame Form des Eskapismus. Der Realität zu entfliehen kann zeitweise sehr gesund sein, um Kraft zu tanken und sich eine Pause zu gönnen. Doch wird Bingewatching zur Flucht vor unangenehmen Gefühlen und geht man damit problematischen Fragen und Auseinandersetzungen aus dem Weg, ist dieses „Hobby“ alles andere als gesund. 

Aber wie geht es denn nun besser? Wie findet man ein „richtiges“ Hobby, das Spaß macht und eher aktivierend statt paralysierend wirkt?

Ich habe mir für dieses Jahr vorgenommen, jeden Monat etwas Neues auszuprobieren. Einen Monat lerne ich vielleicht Schach oder Backgammon spielen, einen anderen Monat bessere ich mein Schul-Französisch auf, einen Monat mache ich Yoga, einen Monat beschäftige ich mich mit Philosophie. Vielleicht töpfere ich, vielleicht male ich Mandalas aus, vielleicht trainiere ich mit einem Hula Hoop Reifen. Ich habe eine Liste und werde genau die Dinge tun, auf die ich schon lange Lust habe und schaue dann, wie es mir davor, dabei und danach geht. Ich lese mehr Romane, die mir einfach nur gefallen, nicht solche, über die meine Bubble gerade spricht oder die besonders literarisch anspruchsvoll sind. Und: Ich werde nichts davon auf meinen Social Media Kanälen teilen und nichts davon mit dem Ziel tun, dieses Hobby zu professionalisieren. Und wer weiß – vielleicht breche ich in vier Monaten dieses Experiment ab, weil ich „mein“ Hobby gefunden habe. 

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Vielleicht passt solche ein Experiment auch für dich. Mache dir eine Liste mit Hobbys, auf die du Lust hättest. Denk an deine Jugend. Was hast du früher gern getan? Möchtest du eines dieser Hobbys wieder aufleben lassen? Frage dich: Was macht dir Freude? Singst du gern unter der Dusche? Stehst du gern am Fenster und schaust den Vögeln zu? Spielst du gern Gesellschaftsspiele? Vielleicht kannst du im Alltag ein Hobby identifizieren, das du ausbauen könntest.

Und jedes Mal, wenn du beim Aufschreiben denkst: „Und eigentlich müsste ich auch mal…“ – Stopp! Du musst gar nichts. Aber: Du darfst alles. Hobbys brauchen kein Ziel, sondern sollen dir Freude bereiten. 

Überlege dir im zweiten Schritt, was du wann und für wie lange ausprobieren möchtest. Sei beim Planen realistisch, starte nicht alles gleichzeitig und nimm dir nicht zu viel vor! 

Dann leg los und spüre, was dir guttut. Falls du sowieso Tagebuch schreibst und/oder eine monatliche Reflexion machst, beziehe deine Erfahrungen mit (neuen) Hobbys hier mit ein. Vielleicht spürst du es dann, das Gefühl, zu entspannen und in diesem Moment völlig vertieft, einfach ganz bei dir und ziemlich glücklich zu sein. In diesem Fall: Bleib dran. Gönne dir diesen Ausgleich. 

Wir sollten Freizeit wieder als Freizeit anerkennen. Egal, ob du nähen, Bibi Blocksberg Kassetten hören, Strichmännchen zeichnen, Sauerteigbrot backen oder kitschige Fondant-Torten verzieren willst – tu es. Es wird dir guttun, wenn du wirklich Bock darauf hast. Nicht, weil dir die Welt von außen einredet, dass es cool und erstrebenswert ist, das zu tun. Nicht, weil du dich optimieren willst. Sondern weil du spürst, dass es dir einfach Spaß macht.

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