Ein guter Schmerz: Warum Selbstliebe kein Schutzschild ist

Ein guter Schmerz: Warum Selbstliebe kein Schutzschild ist
21. März 2018 Jan Lenarz
In Best of, Inspiration

Jans Mantra: Unfuck yourself. Foto: Birte Filmer

Dieser Artikel muss leider mit einer Entschuldigung anfangen. Zwei Jahre lang haben wir Techniken in die Welt posaunt, die dir helfen sollen, dich besser zu fokussieren und mehr zu erreichen. Aber Tipps wie „Schalte öfter dein Smartphone ab“ oder „Verbring nicht so viel Zeit auf Facebook“ sind keinen Deut besser, als einem traurigen Menschen zu sagen: „Lach doch mal!“ Es ist so wenig hilfreich, dass man es fast als böswillig bezeichnen könnte. Denn Sprüche, die andere so verkürzt motivieren sollen, etwas zu tun, zu dem sie momentan ganz klar nicht in der Lage sind, helfen immer nur den Personen, die sie sagen. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.
Wir haben von Eisenhower bis Pomodoro alle Techniken und Apps ausprobiert und stellen fest: Sie helfen nur Menschen, die sich eh schon gut organisieren können. Wer Aufgaben nicht erledigt, hat ganz andere Probleme als mangelnde Organisationsfähigkeit (Prokrastination, Ein guter Plan 2018, S. 38).
Und diese Probleme kann man tatsächlich nur mit etwas Achtsamkeit erkennen und benennen. Wozu wir mindestens doppelt so viele Techniken veröffentlicht haben. Zum Glück.

Obwohl: diese Achtsamkeit. Beinahe hätte ich auch sie verdammt. Anfangs hat sie mein Leben so sehr bereichert wie nichts zuvor und mir mit Ein guter Plan und unserem kleinen Verlag so viel geschenkt, dass mir folgende Zeilen nicht leicht fallen.
Vor einem Jahr war meine Welt so in Ordnung wie noch nie. Ich hatte eine große Krise überwunden, unser kleiner Verlag wurde sehr erfolgreich, ich hatte alle meine Bedürfnisse benannt und man hörte mich oft zweifelhafte Dinge sagen wie „Meine Work-Life-Balance ist perfekt“ oder „Ich trenne nicht zwischen Work und Life, beides bedingt sich“. Je nachdem, mit wem ich gerade sprach. In meinem Freundeskreis war ich plötzlich der, der es irgendwie geschafft hatte. Ich hatte all meine Probleme scheinbar aus der Welt geräumt und wurde nun wesentlich häufiger nach Tipps in Lebenskrisen gefragt und für mein entspanntes Leben beglückwünscht. Wurde ich etwa das, worüber wir uns seit dem Start von Ein guter Plan lustig gemacht hatten: ein Achtsamkeits-Guru?

Achtsamkeit ist kein Schutzschild

Aber dann passierte das, wovor ich am meisten Angst hatte. Das, was für meine größte Lebenskrise zuvor verantwortlich war, und das, was ich dachte vermeiden zu können, wenn mein Fokus im Leben Achtsamkeit und Selbstliebe war: Mir wurde das Herz gebrochen. Und es war vielleicht sogar brutaler, als es jemals war: Denn es kam völlig unerwartet, schien ich doch unangreifbar. Wie sollte man mich noch verletzen können, wenn Selbstliebe durch meine Adern floss und ich in mir ruhte? Ein Stich ins Herz ist eine weit größere Überraschung, wenn man denkt, eine Rüstung zu tragen.

Egal, wer dich nicht liebt: Du bist genug. Mehr als genug. Immer.

Doch es passierte und da wurde es mir schmerzlich bewusst: Achtsamkeit ist kein Schutzschild. Und viel schlimmer: Diese ganze Selbstreflexion und das Öffnen meines Herzens hatte mich sogar verletzlicher gemacht. Mein Schutzwall aus Zynismus und Kälte existierte nicht mehr. Den Schmerz zu ignorieren war plötzlich gar nicht mehr möglich. Ich konnte es nicht fassen und dachte: Vielleicht bin ich nicht achtsam genug? Vielleicht muss ich mich noch viel mehr mit Selbstliebe beschäftigen? Aber nichts half. Ich war ratlos und dachte, all die Arbeit an mir war völlig umsonst. Denn was ist das für ein Lohn, wenn ich nun sensibler war? Ich ging durch einen sehr harten Monat, in dem ich mich so intensiv mit meiner Gefühlswelt beschäftigte wie noch nie. Warum war ich immer noch verletzbar? Ich hatte panische Angst, dass nun alte, destruktive Muster wieder zum Vorschein kamen. Ich war mir sicher: Entweder nahm ich jetzt wieder 10 kg zu, ließ mich hängen und beendete mein Sportprogramm oder ich würde meinen Körper wieder mit Diäten und gnadenlosem Sport zerstören oder perfektionieren (das sind auch nur zwei unterschiedliche Bezeichnung für dieselbe Sache).

Bau dir kein Verteidigungsbollwerk

Doch es war ein Wunder: Nichts davon geschah. Ich blieb wie ich war. Keine Diät, keine auf die Rückseite von Briefumschlägen panisch gekritzelten Sportprogramme. Die Taktik, dass ich durch zwanghaftes Kontrollverhalten versuche, Kontrolle in mein Leben zu bringen, wandte ich nicht mehr an. Und da gab es die zweite wichtige Erkenntnis: Achtsamkeit ist vielleicht ein beschissenes Schutzschild, aber sie ist ein verdammt guter Erste-Hilfe-Kasten. Und das ist manchmal mindestens genauso gut. Wenn du dahin schaust, wo es weh tut, tut es vielleicht mehr weh. Aber wenn es danach durchgestanden ist, ist es auch wirklich aufgearbeitet. Nichts ist schlimmer, als Schmerz zu ignorieren und darauf zu warten, dass er sich durch destruktive Verhaltensweisen seine eigenen Wege sucht, dich auf Probleme hinzuweisen. Wenn du hinschaust und den Schmerz annimmst, behältst du die Macht.

Schmerz zulassen: Sehr erwachsen!

Und so war eine potentiell gefährliche Situation durch reine Achtsamkeit entschärft. Was blieb, war diesmal kein Scherbenhaufen. Im Rückblick war es einfach ein anstrengender Monat. Aber ohne Verzweiflung, ohne Hoffnungslosigkeit. Dafür mit ein paar neuen Erkenntnissen:

  • Selbstliebe schützt nicht vor Schmerz und das ist ok.
  • Achtsamkeit hilft dir erst mal nur, dein Inneres zu beleuchten.
  • Dadurch kannst du die Dinge beim Namen nennen.
  • Probleme und Ängste zu erkennen und zu benennen tut weh.
  • Aber Dinge, die erkannt und benannt sind, können dich niemals lähmen.
  • Über alles, was dich nicht lähmt, hast du die Kontrolle.
  • Auch wenn es weh tut, und vielleicht sogar mehr weh tut: Es ist ein guter Schmerz.
  • Auch wenn es sich in dem Moment nicht so anfühlt: Es ist der Schmerz der bösen Geister, die dich verlassen.
  • Selbstliebe ist nichts weiter als Urvertrauen. Egal, was dich verletzt oder wer dich nicht liebt: Du bist genug. Mehr als genug. Immer.

Ich glaube, wir brauchen dringend neue Begriffe. Es ist weder Schwäche noch Verletzlichkeit. Es ist Mut zur Selbstreflexion. Kühnheit. Waghalsigkeit, dahin zu gehen, wo es weh tut. Wie bei einer Massage, die deine wunden Punkten berührt. Intensiv, bis ins Mark. Aber gut. Wohlschmerz. Das ist die Voraussetzung für Heilung. Trauen wir uns, angreifbar zu bleiben. Nutzen wir Achtsamkeit und Selbstliebe, um nicht eine falsche Stärke aufzubauen, die dann doch nur als Verteidigungsbollwerk dient. Akzeptieren wir, dass das Leben weiterhin wehtun wird. Verstehen wir, dass uns Dinge direkter treffen können, wenn wir sie benennen können. Und verstehen wir, dass wir dadurch Schlimmeres verhindern. Ein gutes Leben beinhaltet Schmerz. Sobald wir das akzeptieren, sind wir frei. Und das gibt mir Mut, weiterhin ins offene Messer zu laufen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Lauf gerne mit!

 


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Comments (28)

  1. Antonia 11 Monaten vor

    Lieber Jan,

    ich habe gerade diesen Text und deinen Artikel über deine Krise & deinen Aufbruch nach Mexiko gelesen. Und deine Worte haben mich so sehr berührt, dass ich hier nun mit Tränen in den Augen vor meinem Laptop sitze. Berührt, weil ich mich so sehr in deinen Erfahrungen und Gedanken wiederfinde. Denn wenn man eine Krise überstanden hat und sich dann irgendwann trotz Achtsamkeit und Meditation und jeder Menge Beschäftigung mit sich selbst wieder an einem Tiefpunkt befindet, dann fragt man sich unweigerlich: Warum mache ich das mit der Achtsamkeit und allem anderen denn überhaupt, wenn man sich immer noch so fühlt? Aber wie du schreibst, Schmerz ist Teil des Lebens. Und Schmerz muss gefühlt werden, damit er heilen kann. Und es stimmt definitiv, dass man durch eine achtsame Lebensweise Gefühle wie Schmerz und Traurigkeit stärker fühlt – aber eben auch die schönen Gefühle wie Dankbarkeit, Liebe und Verbundenheit.
    Ich danke dir auf jeden Fall, dass du so offen und authentisch über deine Erfahrungen berichtest. Denn da liegt heute leider auch die Gefahr in der ganzen Achtsamkeits-Thematik: Dass sie von vielen als Allheilmittel verkauft wird und dadurch falsche Botschaften transportiert werden. Umso toller und mutiger, dass es bei euch anders ist!
    Liebe Grüße, Antonia

    • Autor
      Jan Lenarz 11 Monaten vor

      Vielen Dank für das liebe Feedback, jetzt bin ich auch gerührt :)
      LG, Jan

  2. Katrin 1 Jahr vor

    Hallo Jan,
    stimme Dir vollständig zu bei “Achtsamkeit kein gutes Schutzschild aber guter Erste Hilfe Kasten”. Hab zu Beginn einer jahrelangen Schmerz-Odysee einen 8-Wochen-Achtsamkeitskurs gemacht und gedacht es hilft. Fieses Resultat ganz achtsam festzustellen, WIE schlecht es einem geht und nichts tun zu können. Na gut, hatte inzwischen 4 Jahre Zeit zu lernen, wie es wirklich mit der Achtsamkeit funktioniert. Heute ist es in Ordnung. Der Schmerz und das achtsame Leben damit.

    Achtsamkeit hat mein Leben verändert. Dein Artikel bringt es wunderbar auf den Punkt, was alles geht. Danke dafür.

    Ich stimme Dir nicht zu in Deiner Einleitung. Ich verstehe etwas von Depressionen, weiß, dass es mit einer “Lach-mal-“Aufmunterung nicht getan ist. Und ich empfehle Menschen, die sich nicht organisieren oder insgesamt im Leben kaum noch Luft holen ganz klar, ihr Smartphone auszuschalten. Und achtsam den Schmerz, die Angst, die Bedeutungslosigkeit, das Entsetzen, den Entzug (was immer es auslöst) auszuhalten. So wie Du es mit Deinem gebrochenen Herzen getan hast. Du warst hier nicht der Verursacher, richtig?
    Doch ein Smartphone an- oder auszuschalten ist eine bewusste Entscheidung. Hier muss man zum Täter werden. Selbst wenn man im ersten Moment felsenfest überzeugt ist, es bringt einen um. Wenn es aus ist und ich lebe noch, erst dann habe ich die Chance, eine Veränderung herbeizuführen, auszuhalten, achtsam zu gestalten. Ich bin eine Tipp-Geberin, wenn es sein muss. Und eine achtsame Begleiterin.

    Dein Artikel ist so überzeugend und einleuchtend. Wozu ist sind die beiden Entschuldigungs-Einleitungsabsätze überhaupt nötig?
    Herzlich Katrin

    • Autor
      Jan Lenarz 1 Jahr vor

      Danke für die Anmerkungen, und du hast natrülich Recht: Dem Smartphone nicht so viel Aufmerksamkeit zu schenken ist ein guter Tipp. Mir ging es aber eher darum, dass es damit nicht getan, sondern etwas dahinter steckt, wenn man so viel an Bildschirmen hängt, dass es das eigene Leben negativ beeinflusst. Wenn ich mich vor Verantwortungen oder sozialen Kontakten drücke und deswegen am Handy hänge ist das Problem nicht damit gelöst, dass ich es ausschalte. Und das war in unseren ersten Auflagen einfach ein zentraler Punkt, ohne Anleitung zur Hinterfragung der eigenen Bedürfnissen das Smartphone verteufeln. Ich glaube, das war nicht hilfreich. Jedenfalls nicht per se. Wir wollen bei Ein guter Plan konkreter werden. Aber wie du schon sagst, in dem ich bewusst mehr offline bin hole ich mir etas mehr Macht in mein Leben zurück. Und eben dieses bewusst zum Täter werden ging bei uns anfangs unter.

    • Katrin 1 Jahr vor

      Hallo Jan, danke für Deine rasche Antwort – absolut d’acord jetzt. Hab nur die Absicht besser verstanden. Herzlich Katrin

  3. Milchshake_Dino Nicole 1 Jahr vor

    Wunderschön, authentisch, ehrlich und direkt zusammengetragen.
    Deine Worte haben mich leg berührt. Berührt, weil ich ähnliche Erfahrungen, Gedanken und Gefühle in mir trage; berührt, weil ich mich erkannt, verstanden und selbst geliebt fühle.

    • Autor
      Jan Lenarz 1 Jahr vor

      Vielen Dank ♥️

  4. Ich 1 Jahr vor

    Lieber Jan,
    Danke – Ich habe vor zwei Jahren Euren Guten Plan entdeckt und auch schon häufiger verschenkt. Auf manchen Seiten begegnen mir “Sprüche” die den Anschein haben mich zu beobachten. Sie sind häufig sehr treffend und im richtigen Augenblick aufgetaucht.
    Auch bei mir öffnete sich als ich angeschlagen war, ganz plötzlich, ein großes Loch nach einer sehr langen Beziehung. Ich war mir sicher mit ihm glücklich alt zu werden und das Leben zu geniesen. Ich bin noch nicht so weit zu sehen warum es gut sein soll, ich sehe aber schon sehr klar dass mein Verhalten sehr viel dazu beigetragen hat und ich gar nicht mehr verstehe warum ich mich dahin entwickelt hatte. Nun bin ich zwar viel am weinen aber auch sehr stark im fühlen. Achtsamkeit mir gegenüber muss ich tatsächlich mit meinen fast 50 Jahren erst noch lernen. Bei meinen Liebsten hat dies immer automatisch funktioniert.
    Ich wünsche Dir von Herzen viele glückliche, ruhige, liebevolle Momente
    Danke

    • Autor
      Jan Lenarz 1 Jahr vor

      Ich habe auch erst mit fast 40 angefangen Achtsamkeit in mein Leben zu bringen, dafür ist es nie zu spät :)

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