Du bist wichtiger als dein Startup

Du bist wichtiger als dein Startup
17. Februar 2017 Jan Lenarz
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In Inspiration
“Diamonds are made under pressure” steht auf dem Aufkleber, der auf dem MacBook der Frau mir gegenüber im Coworking-Space prangt. Ich frage sie, ob ich ein Foto davon machen kann, und verschweige ihr, dass ich den Spruch ganz furchtbar finde. “Ja, der ist toll, oder? Wir veranstalten einen Startup-Pitch. Die Gründer müssen unter möglichst großem Zeitdruck ihr Publikum von ihrer Idee überzeugen.” Oh, möglichst großer Druck, genau was Gründer*innen brauchen… Der Preis hat einen Wert von wenigen hundert Euro, dazu gibt es ein Coaching. “Das findet nachts statt, damit man keine wertvolle Zeit tagsüber verliert.” Ju-hu. Schlafen ist ja auch nur etwas für Faule, die nichts im Leben erreichen wollen. Oder eben nicht mit 35 an Herzversagen sterben wollen. Aber schieben wir den Sarkasmus für ein paar Minuten beiseite und fragen uns, wie es soweit kommen konnte. Wer hat eigentlich beschlossen, dass Gründen nur nach der Hau-Ruck-Methode funktioniert und Selbstausbeutung eine fast edle Eigenschaft in der Startphase eines Unternehmens ist? Klar, die eigene Idee umsetzen und für niemand anderen arbeiten zu müssen motiviert ungemein. Ich kenne das selbst aus diversen Projekten und habe mich auch jahrelang bis an den Rand des Nervenzusammenbruchs motiviert. Aber seien wir mal ehrlich: nachhaltig ist das nicht. Dafür sehr gefährlich.

Stress in Startups ist anders

Denn, und das ist eine der großen Fehleinschätzungen in Startups: auch schöne Arbeit ist Arbeit. Und nur, weil der Neustart eines Unternehmens den scheinbar magischen Dunst der Machbarkeit umgibt, ist der damit verbundene Stress nicht harmlos. Eine Studie der University of Colorado zeigt es deutlich: Gründer*innen haben große Probleme mit absoluter Entspannung und stehen unter permanentem Druck. Denn wenn sie nicht aktiv an ihrer Idee arbeiten, steht das Projekt weitestgehend still. Und: die Sorge um die finanzielle Zukunft ist stark an eine tiefsitzende Existenzangst geknüpft. Als Folge leiden Gründer*innen auch noch Jahre an Stresssymptomen, lange wenn unmittelbare Stressfaktoren wie Deadlines und Finanzierungsrunden schon lange keine Themen mehr sind. Dazu gehören Herz- und Kreislaufbeschwerden, Einschlafprobleme und verkürzte Tiefschlafphasen, Konzentrationsprobleme, Ruhe- und Rastlosigkeit, Einschränkung der Libido, Unzufriedenheit bis hin zu Depression und ein ganzes Arsenal an weiteren gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Aber gut, das ist alles nichts Neues. Viel interessanter ist, dass gerade in Startups eine Glorifizierung von Leistungsdruck und Stress vorherrscht, die wenig Raum für das persönliche Wohlbefinden lässt. Wer sagt schon wenige Tage vor dem Launch oder einer Finanzierungsrunde, dass er/sie mal einen Tag frei braucht, oder zwei Stunden früher geht, weil er/sie mal entspannen möchte. Für diese, gesundheitlich wichtigen, Auszeiten gibt es meist wenig Verständnis. “Wir rocken das, egal was kommt” ist dabei keine hilfreiche Einstellung. Aber “wir versuchen das Ganze nachhaltig und bewusst, mit Respekt vor unserer Gesundheit nach vorne zu bringen” klingt halt einfach scheiße.

Ungewissheit als ständiger Begleiter des Erfolgs

Experten unterscheiden zwischen positivem Eustress, also ein motivierendes Hoch das entsteht, wenn man Dinge entwickelt, die toll sind und einen große Aussicht auf Erfolg versprechen, und Distress, der geprägt ist von einem Gefühl der Überforderung und der Ungewissheit, ob nicht vielleicht doch alles den Bach runtergeht. Aber genau das ist das Problem beim Gründen: beide Stresszustände gehen miteinander Hand in Hand. Jede Entscheidung, jeder Erfolg bringt weitere Unsicherheiten und Risiken mit sich. Ein Investment ist toll, aber damit steigt die Verantwortung und der Druck. Jedes Wachstum fordert die interne Infrastruktur und Mitarbeiter*innen mehr. Das erklärt, warum gerade erfolgreiche Unternehmer*innen so oft plötzlich an den Folgen der Überarbeitung leiden.

Aus meinen Fehlern lernen

Soweit zur Problemstellung. Aber ich würde diesen Artikel nicht schreiben, wenn ich keine Lösungen präsentieren könnte. Ich arbeite seit ich denken kann selbstständig oder in Startups, und habe Erfolg dabei immer vor meine Gesundheit gestellt, bis ich irgendwann ganz unten war. Ich zog die Reißleine und habe mich seitdem ausschließlich mit Stressvermeidung und Achtsamkeit auseinandergesetzt. Und klar, daraus wieder ein Projekt gestartet. Doch diesmal eben auf die sanfte, nachhaltige Weise. Die für mich hilfreichsten Methoden gegen die Selbstausbeutung sind folgende: Zeitinseln, nur für dich Zeitinseln sind Zeiteinheiten von ein bis drei Stunden, die du dir am Anfang der Woche bzw. so früh wie möglich in deinen Terminkalender einträgst. Diese Freizeit nutzt du zum Entspannen. Mache nur das, was dir beim Loslassen hilft. Von Mittagsschlaf bis Sport, alles ist möglich. Solltest du diese Termine so ernst nehmen wie deine beruflichen Termine? Nein. Sie sind wesentlich wichtiger. Bewusst den Stress wahrnehmen Freizeit ist in Hochphasen deines Unternehmens Mangelware und der Entschluss, jetzt mehr für dich zu tun, bedeutet nicht sofort, dass du auch mehr Zeit für dich hast. Aber ein erster, wichtiger Schritt ist es, erstmal zu akzeptieren, dass du gerade in einer stressigen Zeit bist und anfangen solltest, dich mehr um dich selbst zu kümmern Meditieren Meditation, da winken viele Gründer*innen direkt ab, da sie der Inbegriff der Passivität und schwurbeliger Spiritualität zu sein scheint. Das dachte ich auch, bis ich mich vor wenigen Wochen endlich dazu durchgerungen hatte. Nun kann bzw. will ich nicht mehr ohne. Apps wie Headspace oder 7Mind helfen dir beim leichten Einstieg. Meditieren bedeutet nicht, unter großer Anstrengung an Nichts zu denken. Eher im Gegenteil. Der Erfolg ist wissenschaftlich ausreichend belegt, im Ergebnis sinkt dein Stresslevel schnell und du erhältst neue kognitive Ressourcen Für Ausgleich sorgen, der 100% Enstpannung zulässt Gerade das fällt, wie oben erwähnt, Gründer*innen enorm schwer. Aber es ist möglich. Du musst nur etwas finden, was dich wirklich abschalten lässt. Bei mir funktionieren sportliche Aktivitäten wesentlich besser als passive Entspannung wie Lesen oder Serien schauen. Schwere Metallscheiben hochheben hat etwas meditatives für mich, keine Ahnung was da bei mir schief gelaufen ist. Achtsamkeit schulen Das braucht etwas Zeit, bis man es mühelos im Alltag integriert hat. Aber ganz ohne Bewertung immer wieder in dich zu horchen, wie du dich fühlst, was dich beschäftigt, das macht den Alltag wesentlich bewusster und hilft dabei, dich wirklich kennenzulernen. Vor einem Jahr konnte ich nur zwischen gestresst, entspannt, traurig und glücklich unterscheiden, heute kann ich in zwei Sekunden genau erfassen, wie ich mich wirklich fühle, und warum. Achtsamkeit vorleben Am Anfang wirst du in deinem Job vielleicht komisch angesehen, wenn du plötzlich anfängst, dich um deine mentale Gesundheit zu kümmern oder einen pünktlichen Feierabend einzufordern. Aber glaube mir, in wenigen Wochen wird es in deinem Team um sich greifen, da sich deine neue Gelassenheit positiv auf deine Laune und Kreativität auswirken wird. Wenn du als erste*r in deinem Team damit startest, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass du diese neuen Techniken konsequent in deinen Alltag integrierst. Verstehen, dass Auszeiten kein Nachteil sind Selbst, wenn du alle Techniken auf ihre Wirtschaftlichkeit abklopfst (was du nicht tun solltest), dann führt kein Weg an Achtsamkeit vorbei. Nur wenn du als Gründer*in lange gesund bleibst, kannst du nachhaltig an deinem Projekt arbeiten. Ein Ausfall von dir oder wichtigen Mitarbeiter*innen bedeutet oft das Ende deines Startups. Nicht sehr wirtschaftlich… Austausch Auch wenn es dir schwer fällt: artikuliere in stressigen Zeiten deine Bedürfnisse und rede mit Mitarbeiter*innen darüber, dass permanenter Leistungsdruck viele Risiken birgt. Du wirst dich wundern, wie vielen deiner Kolleg*innen es ähnlich geht. Das sind nur einige wenige Möglichkeiten, die du schnell in dein Leben integrieren kannst. Nicht alles wird sofort gelingen, aber es macht Sinn, es wenigstens einmal auszuprobieren.

Du bist nicht immun

Ein Problem bleibt jedoch: dass du vielleicht denkst, dass du immun bist. Dass Stress dich nicht so negativ beeinflusst wie andere. Dass du dich durchbeisst und unendlich viel Energie hast. Ich könnte dir jetzt viel erzählen, warum das Blödsinn ist, du würdest es mir nicht glauben. Bis du eines Tages aufwachst, und nicht mehr kannst. Denn Stress und Überlastung kommen langsam. Schleichend. Und trifft die, die sich in Sicherheit wähnen, besonders hart. Und am Wichtigsten: lasst uns darüber reden. Ich war schon ganz unten und würde meinen ärgsten Feinden nicht wünschen, dass sie sich für eine innovative Geschäftsidee komplett verheizen. Jede*r, der/die in einem Startup arbeitet, weiß, dass es keine heile Glitzerwelt ist. Wenn wir weiterhin nur über Erfolge, Investitionen und Exits sprechen, riskieren wir, dass sehr viele von uns ernsthaft erkranken. Wir können die Szene aber nur weiter voran bringen, wenn wir ehrlich diskutieren was schief läuft, und wie wir für uns und unsere Mitarbeiter*innen ein glückliches und nachhaltig gesundes Umfeld schaffen können. Wir brauchen keine Coachings mitten in der Nacht. Und wir werden sicher nicht unter Druck zu Diamanten.  

Comment (1)

  1. sarah 6 Monaten vor

    Ich glaube, Leute die solche Sprüche gut finden, würden einen ungeschliffenen Diamanten auch mit Hinweisschild nicht als solchen erkennen ;)
    Und der notwendige Schliff, zeichnet sich bestimmt nicht durch möglichst hohen Druck aus…

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