Zwischen Panik und Plattitüden: 10 Dinge, die in der Welt der Achtsamkeit falsch laufen

Alle reden von Achtsamkeit, aber über negative Aspekte wird geschwiegen. Dabei gibt es durchaus einiges, was in der scheinbar heilen Welt der Achtsamkeit nicht so gut läuft. Eine Bestandsaufnahme.

Achtsamkeit: Wahrheitsfindung oder Realitätsvermeidung?

Ich gebe es zu: Meine erste Begegnung mit Achtsamkeit vor sieben Jahren war großer Mist. Ich schleppte mich nicht nur gerade durch meinen Burnout, sondern auch das erste Mal zum Yoga. Ein cooles Studio in Berlin, mit tätowierten Lehrer*innen in Punk-T-Shirts, dafür ohne Räucherstäbchen; das schien mir erträglich. Das war es leider nicht: Zum „Ankommen im Hier und Jetzt“ sollten wir 15 Minuten absolut still sitzen und einfach nur ein- und ausatmen. Jedes Muskelzucken wurde mit mahnenden Worten und das Studio danach mit meiner Abwesenheit bedacht.

Auch wenn das alles natürlich nicht wirklich etwas mit Achtsamkeit zu tun hatte, fand es doch in deren Kontext statt. Und in diesem Kontext ist einfach nicht alles so heilsam und wertvoll, wie es manchmal klingt oder klingen will. Das hat oft natürlich mit einzelnen Charakteren zu tun, aber eben nicht nur.

Zeit für eine (selbst)kritische Bestandsaufnahme.

Kritik an der Kritik

Achtsamkeitskritik ist aktuell zwar en vogue, mir bisher aber meist zu pauschal. Achtsamkeit ist nicht per se doof. Sie ist eine der wertvollen psychologisch-philosophischen Konzepte der Menschheitsgeschichte.

Achtsamkeit bedeutet, entweder durch Entspannung oder Fokussierung, immer wieder Raum zu schaffen, um Bewusstheit zu erlangen: über die Welt, über Mitmenschen, über sich selbst oder den Moment. Sie ist ein Gegenentwurf zu bedeutungsloser Hektik und betäubendem Hedonismus.

Achtsamkeit als Basis für Aktivismus und mentale Gesundheit

Einer ihrer berühmtesten Vertreter der Neuzeit, der vor wenigen Tagen verstorbene Thích Nhất Hạnh, zeigte, wie sie Basis für Aktivismus sein kann. Das Holistic Security Manual bewertet psychologische Selbstfürsorge sogar als elementaren Bestandteil eines nachhaltigen Einsatzes für die Verteidigung der Menschenrechte.

Außerdem ist Achtsamkeit eines der Grundelemente der kognitiven Verhaltenstherapie. Bei all den Bestrebungen, mentale Gesundheit nicht länger als Tabuthema zu behandeln, klingt eine generelle Ablehnung von Achtsamkeit wie ein „Kümmert euch mehr um eure mentale Gesundheit! Nein, doch nicht so!“

Und: Achtsamkeit ist Grundpfeiler buddhistischer Praxis. Die Ablehnung der Weltanschauung von einer halben Milliarde Buddhist*innen kann ja nicht wirklich im Sinne der Kritiker*innen sein, wird aber als Kollateralschaden akzeptiert.

Aber mit pauschaler Achtsamkeitskritik lässt sich dieses diffuse Gefühl einfangen, dass das doch eh nur Esokram für Privilegierte ist, die alle Probleme einfach hinfortmeditieren wollen. Dass das sehr tief in die Klischeekiste greift: egal. Das eigene Feindbild will gemalt werden, da ist es egal, wenn der Pinsel etwas gröber ausfällt.

Dabei kann man sehr gut sehr konkret werden, wenn man die Nachteile und Probleme aktueller Achtsamkeitsansätze aufzeigen möchte. Wenn man die Stolpersteine kennt, stolpert man etwas weniger, sobald man sich auf den Pfad der Achtsamkeit begibt. Los geht’s.

1. Nebenwirkungen

Achtsamkeitstrainings arbeiten oft mit Meditationen und Mantras. Eine neue Studie zeigte nun recht deutlich, dass diese Techniken auch zu Nebenwirkungen führen können. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer*innen berichtete von Flashbacks traumatischer Erlebnisse, Panikattacken oder Angstzuständen. Viele nannten auch Gefühle der Entkörperlichung und emotionale Abstumpfung als unangenehme Begleiterscheinungen.

Meditieren fühlt sich für viele Menschen nicht gut an

Es wird vermutet, dass die gewollte Steigerung der körperlichen Wahrnehmung und die Aktivierung der Großhirnrinde für diese negativen Effekte verantwortlich sind. Insgesamt wurden die Programme zwar als hilfreich bewertet, dennoch kann man nicht so tun, als ob sich Achtsamkeitstraining für alle Menschen immer gut anfühlt.

Anbieter*innen von Meditationen und Co. sollten sich zumindest überlegen, ob sie nicht auf diese Effekte hinweisen möchten. Wir werden in Zukunft jedenfalls vor diesen möglichen Nebenwirkungen warnen, sollten wir zu Praktiken dieser Art konkret anleiten. Bisher haben wir dies, schlicht aus Unwissen, nicht getan. Nur damit mal klar ist, dass wir diesen Artikel nicht als Anlass nehmen, uns selbst zu feiern.

2. Plattitüden

Sätze wie „Du bist genug“ sind positive Glaubenssätze, die viele Menschen daran erinnern, dass sie in Ordnung sind, wie sie sind. Das kann helfen, den inneren Kritiker im Zaum zu halten und der bescheuerten Selbstoptimierung zu widerstehen. Immer wieder wiederholt, können solche Aussagen Menschen erstaunlich viel Halt in schwierigen Situationen geben. Wenn man mit diesen Affirmationen ein positives Lebensgefühl verbindet: toll!

Aber erst diese aktive, positive Aufladung gibt den Affirmationen ihren Wert. Für sich genommen sind sie nicht so deep, wie sie scheinen. Das kann ganz schön frustrieren, wenn alle gar nicht mehr aus der Entzückung bei Sprüchen in unserem Instagram-Feed herauskommen, man selbst aber rein gar nichts damit anfangen kann.

Unseren Sprüchen entkommt man nicht

Vieles, was in der Achtsamkeitsszene als große Weisheit gefeiert wird, ist so platt wie Yogamatten. Man ist nicht „zu verschlossen“ und nicht „einfach noch nicht bereit“, wenn man viele der Inhalte einfach nur unfassbar dumm findet.

Aber allgemein alle Affirmationen ablehnen: auch arg anti. Denn nur weil dir ein Spruch zu flach ist, schließt das nicht aus, dass andere ein bedeutungsvolles Lebensgefühl mit ihm verbinden.

3. Schwurbel

Neben Plattitüden gibt es natürlich auch waschechtes Geschwurbel. Achtsamkeit ist so ein vielfältiges und unkonkretes Konstrukt, dass meine stark verkürzende Definition schon knapp 2.000 Wörter umfasst. Deswegen kann sich jede*r dieses Konzept nach den eigenen Vorstellungen ausgestalten. Das ist toll! Diese Vielfältigkeit führt logischerweise aber auch zu sehr abenteuerlichen Auslegungen.

Beispiel: Die Fixierung auf und Definition über das eigene (natürlich ausgezeichnete) Immunsystem, nimmt in entsprechenden Gruppierungen manchmal Züge an, die mehr nach Nietzsches Übermensch-Überlegung klingen, als nach Achtsam- oder Ganzheitlichkeit. Da wird sich scheinbar zur Unverwundbarkeit meditiert, ernährt, bewegt.

Seit langer Zeit auf unserer Website: eine Distanzierung von Pseudowissenschaft

Wenn aber das Ausbleiben von Krankheit und Gebrechen allein der eigenen Leistung oder gar spirituellen Grundeinstellung zugeschrieben wird, sind kranke Menschen nach dieser Logik einfach selbst schuld. Natürlich können viele Menschen einen Beitrag zu ihrer eigenen Gesundheit leisten. Aber ich muss hoffentlich nicht erklären, warum dieses „ich bin nur so gesund, weil ich so lebe, wie ich lebe“ eine privilegierte und diskriminierende Weltanschauung ist.

Kritik an diesen hochgradig identitätsstiftenden Sichtweisen führt zu so emotionalen Reaktionen, dass ich unserem Posteingang an dieser Stelle weitere Beispiele erspare.

4. Verlust von Spiritualität

Dieser Punkt mag überraschen, könnte man doch meinen, dass ich mir eine Form der Achtsamkeit wünsche, in der nur das praktiziert wird, was durch doppelverblindete Studien belegt wurde. Am besten nur von Wissenschaftler*innen mit therapeutischer Ausbildung, Promotion und Laborkittel. Evidenz verlange ich hingegen nur bei Heilversprechen. Wer versichert, was Achtsamkeit bewirkt, muss mehr in Petto haben, als Anekdoten und ein warmes Gefühl im Bauch.

Davon abgesehen ist es aber meiner Meinung nach sogar nicht sinnvoll, Achtsamkeit als reines Werkzeug zu verstehen, welches die Leiden der westlichen Welt heilen soll.

Menschen brauchen etwas, das größer ist, als sie selbst

Ich glaube, wir Menschen haben ein grundlegendes Bedürfnis nach irgendeiner Form von Spiritualität. Irgendein Konzept, das ein wenig größer ist, als man selbst. Und sei es nur, dass es ganz schön verrückt ist, überhaupt geboren zu sein und dass einem schwindelig werden sollte, wenn man an diese Wahrscheinlichkeit denkt.

Der Soziologe Dr. Dr. Joachim Kahl meint, dass eine rein weltliche Einstellung ohne spirituelle Dimension armselig, steril und auf Rationalismus verkürzt sei. Spiritualität bedeutet für ihn „ein Gefühl umfassende innere Haltung zur Wirklichkeit, die auch nichtreligiös orientiert sein könne.“ Diese innere Haltung, dieses Gefühl, das steht auch in keinerlei Widerspruch zu Wissenschaft und Evidenz.

In Achtsamkeit steckt so viel mehr, als tiefes Ein- und Ausatmen zur Entspannung. Sich mit dessen Geschichte und Philosophie zu befassen, kann unglaublich spannende Denkanstöße geben. Das herausdividieren dieser Anteile finde ich zumindest schade. Womit wir auch schon beim nächsten Punkt sind.

5. Manager-Mindfulness

Als Manager-Mindfulness bezeichnet man den Einsatz von Achtsamkeitsübungen zur Steigerung der eigenen Leistungsfähigkeit. Natürlich helfen Entspannungsübungen dabei, neuen Raum für Kreativität und Energie zu schaffen. Wichtige Grundgedanken der Achtsamkeit, wie z. B. Selbstreflexion, werden dabei aber bewusst entfernt.

Gratis Achtsamkeit statt gute Arbeitsbedingungen

Aber auch von Manager*innen an Mitarbeiter*innen diktierte Achtsamkeit fällt in diese Kategorie. Dass so viele Geschäftsführungen aktuell versuchen, Meditation und Co. in der Belegschaft zu etablieren, hat weder mit Wohlwollen für Achtsamkeit noch für die Belegschaft zu tun. Achtsamkeistraining ist oft bloß die Fortsetzung des Kickertischs mit anderen Mitteln. Wer Mindfulness-Meetups und Achtsamkeit-AGs einführt, aber sonst mit Leistungs- und Zeitdruck mehr Effizienz aus den Angestellten herauspresst, handelt nicht aus Nächstenliebe.

Es wird gehofft, dass so eine tatsächliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen vermieden werden kann. Die Reduzierung von Arbeitslast, faire Löhne, ernst gemeinte Wertschätzung, Flexibilität bei Arbeitszeiten und Urlaub, Vermeidung von Präsentismus, Respekt vor Freizeit, Kampf gegen Diskriminierung und vieles mehr… Da sind Atemübungen zum Arbeitsbeginn einfacher.

6. Toxische Positivität

Just chill, bro

Diesen Punkt muss ich wahrscheinlich nicht groß erklären. Langsam etabliert sich auch in Achtsamkeitskreisen, dass „good vibes only“ kein mündiger Umgang mit der eigenen Gefühlswelt sein kann. Immer wieder auch das Gute in schlechten Situationen zu suchen, ist eine heilsame Angewohnheit. Auf Biegen und Brechen jedes Gefühl der Trauer, Wut oder Enttäuschung zu verdrängen, weil es nicht zur eigenen Ich-bin-mit-mir-im-Reinen-Identität passt, ist … toxisch.

7. Toxische Selbstliebe

Man muss sich nicht immer sagen, wie toll man ist

Ein mir persönlich großer Dorn im Auge sind die vielen Ermahnungen in der Szene, sich doch bitte schön uneingeschränkt selbst zu lieben. Das ist natürlich gut gemeint. Nur: So funktioniert das nicht. Ich bin der festen Überzeugung, dass Menschen mit geringem Selbstwertgefühl sich nicht immer wieder sagen müssen, wie toll und wertvoll sie sind, sondern viel früher ansetzen können.
Zuerst muss ein Raum für milde, wohlwollende Selbstreflexion geschaffen werden und dann kann sich in Selbstakzeptanz geübt werden.

Fehler machen, Macken haben, mit sich hadern: das alles ist menschlich. Das zu akzeptieren, ohne sich die Möglichkeit zu verbauen, sich zu bessern, ist eine Kunst. Und die muss zunächst gelernt werden, bevor man sich erzählt, wie toll man ist. Der Schlüssel sind realistische Affirmationen: „O. k., das habe ich vielleicht nicht elegant gelöst. Das kann ich bestimmt besser. Aber in dem Moment eben nicht. Andere hätten sicher auch so reagiert. Ich bin auch nur ein Mensch. Ich darf Fehler machen. Ich kann mich entschuldigen.“

So viele Menschen sind von dieser Denkabfolge noch so weit entfernt, dass sie einem „Du bist der funkelnde Mittelpunkt des Universums“ einfach nichts abgewinnen können und sich durch diese künstliche Selbsterhöhung unter Druck gesetzt fühlen.
Diese Form der Selbstliebe muss auch wirklich nicht das Ziel sein. Mit solider Selbstakzeptanz kommt man hervorragend durchs Leben, ask me how I know. Selbstliebe ist für mich nur eine Variante davon. Meine Selbstwirksamkeitspyramide stellt beide Faktoren deswegen auch auf eine Stufe.

Die wichtigsten Faktoren des Selbstbildes auf einem Bild

8. Abwälzung der Verantwortung aufs Individuum

Ein Großteil mentaler Probleme entsteht durch Stress, Überforderung, Einsamkeit, Existenzangst, Diskriminierung und viele weitere Faktoren, auf die man meist wenig Einfluss hat. Achtsamkeitsübungen können aber suggerieren, dass man allein für eine schlechte psychische Verfassung verantwortlich ist. Wer bei Leidensdruck geraten bekommt, es mal mit Achtsamkeit zu probieren, kann schnell zu dem Schluss kommen, dass der Mangel an Achtsamkeit auch der Grund für den Leidensdruck ist und nicht die sozialen Missstände.

Ich plädiere dafür, sich vor jeder Achtsamkeitsübung, jeder Meditation, jeder Yogastunde auch einmal klarzumachen, woher der ganze Stress überhaupt kommt. Selten ist wirklich der ungesunde Umgang mit Belastungssituationen schuld, sondern – Trommelwirbel – die Belastungssituation. Klingt logisch, ist im Alltag aber gar nicht so einfach zu decodieren. Zu verstehen, was das ursächliche Problem ist, kann eigene Schuldgefühle reduzieren und die Wut auf sich selbst vielleicht in Wut auf kaputte Systeme kanalisieren. Manchmal muss man Plakate statt Mandalas malen.

9. Spiritual bypassing

Als spiritual bypassing bezeichnet man die Vermeidung jeglicher Auseinandersetzung mit unliebsamen Themen wie eigenen Fehltritten, Ungerechtigkeiten, Nachrichten oder Politik, unter der Zuhilfenahme von spirituellen Überlegungen oder Weltanschauungen. Alles ist so, wie es eben sein soll (Schicksal!) und man selbst schwebt sowieso über all diesen weltlichen Themen. Diese Grundhaltung beobachte ich in Achtsamkeitskreisen tatsächlich immer wieder.

Bedingungslose Liebe statt Zeitung lesen

Menschen, die spirituell vermeiden, sind in ihrem Selbstbild entweder „erleuchtet“, „frei und wild“, „haben gutes Karma“, „tragen bedingungslose Liebe in sich“ oder haben sich ganz generell „von allem Ballast befreit“. Es wird sich eine persönliche Philosophie zurechtgelegt, die jede Beschäftigung mit Negativität subjektiv unnötig macht. Und im Zweifel ist die Antwort sowieso Liebe. Wer das nicht fühlt oder versteht, ist in den Augen der Vermeider*innen einfach noch nicht auf dem richtigen Weg. Und wer durch Verhalten dieser Menschen verletzt wird, hängt nach Meinung der Bypasser zu sehr an seinem oder ihrem Ego und muss noch spirituelle Arbeit leisten. Das ist so schön einfach, dass man fast neidisch sein könnte, wäre nicht Überforderung, Apathie und Angst der Grund für die Vermeidung jeder inhaltlichen Auseinandersetzung.

10. Egoismus

Dass Achtsamkeit per se egoistisch ist, halte ich für eine fehlgeleitete Interpretation. Natürlich führt man viele Achtsamkeitspraktiken allein und für sich aus, aber das ist beim Zähneputzen auch nicht anders. Ich denke, es ist o.k., wenn man sich gelegentlich mit sich selbst beschäftigt. Dass sich Menschen komplett in einer Welt aus Achtsamkeit und Selbstfürsorge verbarrikadieren, ist eher die Ausnahme.

Und doch gibt es Studien, die darauf hinweisen, dass der Wille, einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten, abnehmen kann, wenn man Achtsamkeitsübungen anwendet. Nämlich dann, wenn man sich als Individuum definiert und nicht als Teil einer Gemeinschaft. Dieses individualistische Selbstbild ist das vorherrschende Modell in der westlichen Welt (independent), während viele andere Kulturen Menschen eher als Puzzlestück einer größeren Gruppe verstehen (interdependent).

Achtsamkeit macht aus Individualisten keine Samariter

Gegen diese egoistische Tendenz könnte es helfen, Achtsamkeit wieder in ihrem ursprünglichen Kontext zu verstehen und achtsame Zuwendung zu üben. Dabei sieht man sich nicht länger als losgelöste Person ohne Einfluss auf Dritte, sondern als ein Angelpunkt im Leben anderer Menschen. So kann vor Meditationen überlegt werden, welchen positiven Einfluss, die eigene Gelassenheit auf die Mitmenschen haben wird und bei Dankbarkeitsübungen können bewusst andere Menschen wertgeschätzt werden.

Dennoch: Achtsamkeit funktioniert erst mal besser in ihren Ursprungskulturen. Das Klischee, dass einige Menschen mit Achtsamkeit ihre Selbstbezogenheit statt ihrer Selbstreflexion steigern, ist nicht komplett erfunden.

Fazit

Man könnte meinen, ich sei kein Fan von Achtsamkeit. Aber das stimmt nicht. Das Thema liegt mir eher so sehr am Herzen, dass ich möchte, dass wir alle uns kritisch damit auseinandersetzen, was so alles im Namen der Achtsamkeit passiert. Achtsamkeit ist keine Gang, der man beitritt und sich automatisch jede schwierige Auslegung aneignet. Aber mit einem „Ich mach es ja anders!“ ist es auch nicht getan. Wir sollten kritisieren, diskutieren und distanzieren, wenn wir mit Umsetzungen nicht einverstanden sind. Niemand hat die richtige Auslegung von Achtsamkeit für sich gepachtet, ich erst recht nicht. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass es keinen Diskurs geben kann. Und den vermisse ich schmerzlich.

Ich will nicht, dass Achtsamkeit zur Farce verkommt. Lasst uns ihre Inhalte nicht immer noch weiter verkürzen und ihre Praktiken nicht nur noch als Glück-to-Go auf sozialen Medien konsumieren. Aber machen wir sie auch nicht größer, als sie ist. Achtsamkeit ist schon groß genug und muss nicht auch noch alle Krankheiten heilen und Weltfrieden bringen. Auch wenn ich mir gerade besonders wünsche, dass es so wäre.

Kategorien Achtsamkeit Allgemein Spiritualität

über

Jan Lenarz ist Gründer und Geschäftsführer von Ein guter Plan. Er engagiert sich politisch für mentale Gesundheit und schreibt über Achtsamkeit, Depression und Burnout. Entspannen kann er trotz aller Expertise beim Thema Stressvermeidung am besten im Fitnessstudio und keiner weiß, was da schiefgelaufen ist. Jan arbeitet ehrenamtlich als Sanitäter und testet seine Gelassenheit z. B. im Rettungswagen auf den Straßen von Berlin.Website

15 Kommentare zu “Zwischen Panik und Plattitüden: 10 Dinge, die in der Welt der Achtsamkeit falsch laufen

  1. Sehr klug auf den Punkt gebracht, was wohl viele bewegt, die den Trend Achtsamkeit auch schon mal kritisch sehen. Danke!

  2. Nicht nur was du schreibst, sondern auch wie du es schreibst. Grandios. Ich beschäftige mich lange mit dem Thema und immer hat es gehakt, irgendwo. Nun nicht mehr. Danke für deinen Text.

  3. Julia Finke

    Ich wurde sanft auf diesen Beitrag gestupst und kam beim Lesen aus dem Nicken nicht mehr raus. Ich fühle mich endlich verstanden und abgeholt. Danke Jan für diese kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Achtsamkeit, sehr wertvoll und augenöffnend, vor allem in meiner “Du musst dich nur selbst genug lieben”-Bubble.

  4. Macushla

    So divers hatte ich die Achtsamkeit noch nie diskutiert bekommen- bis jetzt. Gerne würde ich weiter diskutieren und hoffe, lieber Jan, dass vielleicht später im Jahr das Thema von dir noch mal beleuchtet wird.
    Für mich ist Achtsamkeit: Inne halten, betrachten/Reflexion und dann entscheiden wie es weiter geht in meinem Handeln.

    Danke Jan!

  5. ON POINT! Vielen Dank für diesen wertvollen Beitrag!

  6. Sara Stahlberg

    Unfassbar gut geschriebenen Text! Richtig gut und fundiert reflektiert. Auch ich habe beim Lesen genickt. Vielen Dank!!

  7. Susanne Randak

    Tausend Dank für diesen Artikel, der so umfassend die andere Seite der Medaille “Achtsamkeit” beleuchtet.

  8. Diese Kritikpunkte und Vorurteile waren der Grund, warum ich ungefähr 10 Jahre später mit dem Meditieren angefangen habe, ich habe mich nicht getraut, weil ich vor manchen Dingen meine Augen nicht verschließen wollte. Erst als die wissenschaftliche Fundierung der Wirkung von Meditation diskutiert wurde, habe ich mich dann rangetraut. Was für verlorene Zeit! Auch wenn ich da einem hindsight bias unterliegen könnte. Ich habe mit dem Sport etwas ähnliches erlebt und lange nur Verletzungsgefahren wahrgenommen. Aber das Vermeiden hat auch Gefahren! Skeptisch und reflektiert bleiben ist gut, aber mir hilft Meditation sehr, an meiner Skepsis nicht mehr einzugehen.

  9. Wunderbar, danke!!!

  10. Ich habe die ganze Zeit beim Lesen genickt. Danke, Jan! Und danke auch dafür, dass ich das Wort spiritual bypassing lernen durfte. Endlich kann ich meiner Wut in diesem Punkt einen Namen geben.

  11. Vielen herzlichen Dank für Deinen Text und die Worte, die Du gefunden hast, bestimmte kritisch zu sehende Aspekte und Ausformungen/ Entwicklungen/ Interpretationen in diesem großen Feld zu betrachten und zu beleuchten! Du sprichst darin so vieles an, was ich sehr mitempfinde und erlebe

  12. Danke für den Beitrag. Beim Lesen habe ich bemerkt, ja das trifft genau das, was ich auch denke und fühle. Für mich ist es meist schwierig anderen zu erklären was es bewirkt hat mich mit Achtsamkeit zu beschäftigen und somit einen Umgang mit mir und der Welt zu finden.

  13. Ja, Respekt und Applaus für diesen Text, danke für Deine Einordnung. Das hilft.

  14. Was für ein grandioser Text. Du sprichst viele Punkte an, an denen ich mich auch oft störe, v.a. das Spirituell-Vermeiden erlebe ich leider öfter.
    Danke dir!

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