Achtsam Medien konsumieren: Wie du zuverlässig informiert und emotional stabil bleibst

Reisserische Schlagzeilen und Informationsfluten bereiten Kopfschmerzen und Stress.

Ich stehe in der Drogerie in einer langen Schlange für die Kasse an. Klar, denn es ist immer noch 2020 und wir leben immer noch mit einer globalen Pandemie. Als ich mich am Make-up und dem gekühltem Wasser (es ist November?) vorbeigearbeitet habe, komme ich langsam in die Nähe der Kassiererin und höre wie sie mit einer Kundin ein Gespräch über das grassierende Virus beginnt. Die beiden Frauen reden darüber, wie genervt und gestresst sie von der medialen Berichterstattung sind. Sie sprechen sich die gegenseitige Bestätigung aus, dass sie wirklich keine Lust mehr auf das Virus und die damit einhergehenden Einschränkungen haben. Ich nicke vor mich hin.

„Wissen Sie, ich habe nicht mal mehr Lust, Radio zu hören“, sagt die Kundin zu der Kassiererin, während sie ihren Einkauf in einen Beutel packt. Diese stimmt zu: „Ich auch nicht. Alles, was mit Nachrichten zu tun hat, habe ich abgeschaltet. Uns muss dann nur wer Bescheid geben, wenn es wirklich wichtig ist“, endet sie mit einem erschöpften Lachen.
Ich verstehe diese Resignation und Ablehnung gegenüber COVID-19. Ich hasse es auch. Ich möchte zum einjährigen Bestehen auch eine Geburtstagskarte schreiben, auf der steht: Du bist dir selbst das blödeste Geschenk. Schönen ersten und letzten Geburtstag, du Arsch!

Balance ist ein Ziel, kein Zustand

Mich nicht (mehr) über das Virus zu informieren, nicht über die aktuell täglich wachsenden Fallzahlen, die mehr und mehr meinen Alltag beschneidenden Maßnahmen und den (zum Glück!) zunehmenden Wissensstand zum Virus informiert zu sein, ist ein Gedanke, den ich auch mehrfach hatte. Und – da bin ich ehrlich – es gab Phasen in diesem Jahr, in denen ich imaginäre Scheuklappen aufhatte und einfach nur endlich mal wieder unbeschwert leben wollte. (Wichtig: Was nicht bedeutet, dass ich die geltenden Bestimmungen nicht eingehalten hätte.) In diesen Zeiten habe ich die Berichterstattung ausgeblendet bis sie mich in der Bahn, im beim Autofahren laufenden Radio oder durch Mundpropaganda wieder eingeholt hat.

Zwischen informiert und überinformiert liegt das stündliches Neuladen von Nachrichtenseiten.

Genau so gab es eine andere Zeit, in der ich mich selbst völlig überinformiert habe. In den ersten Tagen nach dem Lockdown im März habe ich das gesamte Internet gelesen. Zumindest hat sich mein matschiges Gehirn angefühlt, als hätte ich Drosten noch vor dem ersten Wochenende als Virus-Expertin ablösen können. Eigentlich wollte ich aber mit meinem Wissen um die Pandemie keine Virologin werden. Ich wollte es verstehen. Ich wollte im Schock nicht allein sein. Und ich wollte mich sicher fühlen.

Wie kann ich mich achtsam informieren?

Wenn ihr zur ersten Gruppe zählt: Props! Ihr könnt stolz auf euch sein, dass es euch gelingt auf euch aufzupassen und dennoch informiert zu bleiben. Wenn ihr zur letzten Gruppe gehört: Schade, dass ihr diesen Artikel verpasst! Und wenn ihr zu denen zählt, denen das (noch) nicht gelingt: Ihr seid sowas von nicht allein. Es ist okay, während einer Pandemie nicht gegen die manipulativen Strategien der sozialen Medien gewappnet zu sein.
Vielleicht sprechen euch die folgenden Strategien, an denen ich mich in den letzten Jahren probiert habe, an und ihr könnt, was sich für euch passend anfühlt, ausprobieren. Das Gute ist ja, dass ihr zu dem alten Verhalten, sollte euch das neue nicht gefallen, immer wieder zurückkehren könnt.

Finde (d)ein Medium.

Jan empfahl mir mal in einer gemeinsamen Podcastfolge, mir einen zweiten Social Media-Account zuzulegen, um privat nur den Dingen zu folgen, die mir gut tun, und mit dem zweiten Account aktivistischen und informierenden Seiten. Dazu war ich ehrlicherweise zu faul und entschied mich, meinen Feed zu kuratieren. Ich entsorgte zunächst (dazu im nächsten Abschnitt mehr) und abonnierte dann die Social Media-Accounts der mir wichtigen Informationsseiten. Eine Alternative besteht darin, sich die News-Seiten direkt als Favorit im Browser oder als App abzuspeichern. So halte ich es zum Beispiel mit Informationsquellen rund um die Klimakrise, die mich andernfalls in einen steigen Zustand von Weltschmerz versetzen würde.

Aktuell bin ich dazu übergegangen, ganz klassisch Zeitung zu lesen. Da ich in meiner Freizeit keine Nachrichten in meinem Social Media-Feed sehen oder lesen, sondern mich voll und ganz berieseln und inspirieren lassen wollte, hat der Algorithmus meine News-Accounts nach und nach in meinem Feed verschwinden lassen. Es war einerseits sehr befreiend, meinen Social Media-Feed ohne emotionale Überraschungen öffnen zu können, andererseits bekam ich kaum noch etwas vom Weltgeschehen mit. Samstags kaufe ich mir deshalb die regionale Wochenzeitung und kann mich in die zusammengefasste Woche einlesen. Und ein sehr großes Kreuzworträtsel lösen.

Die Wochenzeitung ist geduldig. Sie beschwert sich nicht, wenn sie zwischendurch zur Seite gelegt wird.

Für längere Meinungsstücke greife ich gern per App zu Magazinen. Auch das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen oder News-Podcasts sind Möglichkeiten, sich auf dem Laufenden zu halten. Der Vorteil von solchen nicht werbebasierten Quellen ist, dass der Kauf und Zugang bewusst erfolgen muss und sich allein damit positiv auf das Nutzungsverhalten auswirkt.

Kostenfrei ist nicht umsonst!

„Wenn du nichts für das Produkt zahlst, dann bist du das Produkt!“ ist das Zitat, das mir aus der Netflix-Doku „The Social Dilemma“ am meisten im Kopf geblieben ist und das Problem der sozialen Medien auf den Punkt bringt: Der Zugang ist kostenfrei, aber nicht umsonst. Was wir geben, ist mehr als Geld. Unsere Zeit und Aufmerksamkeit, unsere meiner Meinung nach wertvollsten Ressourcen, fließen als Gegenleistung in diese Social Media-Apps. Damit sind wir die Ware. Unsere Aufmerksamkeit wird mit psychologischen Strategien immer weiter angeregt, die Zeit die wir in soziale Medien investieren, nimmt zu. Ein einfacher Selbsttest: Öffne in deinem Smartphone die Funktion „Bildschirmzeit“. Wie viel Zeit verbringst du täglich am Smartphone? Das ist der Preis, den du für kostenfreie Inhalte zahlst.

Natürlich sollten Bildung und Informationen kein Privileg sein, das nur denen zugute kommt, die die nötigen finanziellen Kapazitäten für Zeitungsabos und Hochglanz-Magazine haben, aber solange wir im Kapitalismus leben, ändern sich an dieser Ungerechtigkeit leider nichts. Eine kostenfreie Alternative zu den sozialen Medien wären die öffentlich-rechtlichen Sender, aber die sind meistens für jüngere Zielgruppen nicht so attraktiv. Eine Abkehr von den sozialen Medien ist also wenig wahrscheinlich. Wichtig ist es deshalb, um die Macht der sozialen Medien zu wissen und einen achtsamen Umgang zu etablieren.

Wem schenkst du deine Bildschirmzeit?

Zunächst ist es immer eine gute Idee, auszusortieren, was nicht gut tut. Ich tue das regelmäßig und halte damit die Anzahl der Inhalte, denen ich folge, überschaubar. Alles, was mich in einem schlechten oder aufgewühlten Zustand zurücklässt, was zu Neid und Missgunst führt, mich mein Innerstes mit den Projektionen anderer vergleichen lässt, was nicht (mehr) meinen Interessen entspricht, was mir zu viel Zeit und Energie abverlangt, was nicht mit meinen Werten übereinstimmt, fliegt raus.

Dazu zählen zum Teil auch Bekanntschaften und KollegInnen. Für mich ist das eine der Schrecklichkeiten, die die sozialen Medien mit sich gebracht haben: Dass ich Menschen, die ich im echten Leben kenne und mag, auch online verfolgen muss. Welch ein zusätzlicher Druck und was für eine Verschwendung gegenseitiger Zeit. Nur weil ich mit Paula befreundet bin, interessieren mich ihre Backrezepte noch lange nicht. Und wenn doch, kann ich sie beim nächsten Treffen einfach nach einem für die leckeren Zimtschnecken fragen.

Wie und wann? Wer nicht abschaltet, bleibt dran.

Die andere Schrecklichkeit sind die zwei blauen Haken, die uns aufgezwungen haben, dauerhaft erreichbar und damit dauerhaft online zu sein. Das führt dazu, dass wir nicht mehr selbstbestimmt agieren, sondern fremdbestimmt reagieren. In verletzlichen Momenten werden wir mit Informationen geflutet, um die wir nicht gebeten haben. Was bleibt, sind Gefühle von emotionaler Instabilität, Angst und Weltschmerz. Zeiten zu bestimmen, in denen man bewusst online geht, ist dabei eine Möglichkeit, sich selbst zu ermächtigen. Ich achte darauf, vor und nach dem Schlafengehen, während der Mittagspause, generell nicht im Schlafzimmer und bei Mahlzeiten ohne Smartphone zu sein.

Hol dir die Kontrolle über deinen Schlaf zurück: nachrichtenfreie Zone.

Wenn ich also nicht aus Verdrängung, Traurigkeit oder Einsamkeit zum Smartphone greife, sondern wenn ich mich bewusst mit den Inhalten darauf beschäftigen will, nutze ich die Dienste in einem Zustand von Selbstbestimmung. Das macht mich weit weniger anfällig für emotionale Schwankungen und unüberlegte Scroll- und Klickmechanismen, bei denen ich letzten Endes gar nicht mehr weiß, weshalb ich dorthin gelangt bin. Vom Blick ins Nachrichtenfach bin ich sonst durchaus schon bei Artikeln über Peter Maffay, den Profilen früherer Mitschüler*innen oder einem Warenkorb voller Dinge, die ich eigentlich gerade nicht wirklich brauche, gelandet.

Permanent von schlechten Neuigkeiten geflutet zu werden, versetzt uns in Stress und löst negative Gedanken aus. Das lässt uns durchaus der Probleme der Pandemie oder des Klimawandels bewusst werden. Handlungsfähig macht es uns aber nicht. Dass ich vor meinem Bildschirm sitze und weine oder mich ängstige, stoppt weder COVID-19, noch senkt es die Durchschnittstemperatur. Mein eigener Aktionismus wird eingeschränkt.

Warum ist es wichtig, informiert zu bleiben?

Mich achtsam zu informieren, schützt nicht nur meine mentale Gesundheit, es lässt mich auch aktiv Teil der Gesellschaft sein. Andernfalls besteht die Gefahr, nur von der eigenen Blase umgeben zu sein und den Bezug zur Realität zu verlieren. So könnte der Eindruck entstehen, dass Einigkeit und Einhaltung bezüglich der Hygieneregeln und Maßnahmen herrscht. Zumindest tragen in meinem Instagram-Feed alle brav ihre Mund- und Nasenbedeckung und bleiben Zuhause.

Es könnte aber auch der Eindruck entstehen, dass die aktuelle Situation gar nicht so schlimm ist, weil wir von Ansteckungen und Erkrankten (online) abgekoppelt sind. Und dass ich auf geteilte Informationen stoße, die mir aufzeigen, dass die Regierungen und Organisationen sich widersprechen. Dass da womöglich eine Verschwörung in Gang ist! Die Gefahr, Fake News für echte Informationen zu halten, steigt, wenn wir nicht den aktuellen Stand der Wissenschaft, die Zahlen der Erkrankten und Toten kennen und damit keinen Abgleich mit der Realität vornehmen können. Dass das schneller geht, als man denkt, zeigt das Beispiel von Kyrie Irving, einem US-Basketballer, der in einer Podcastepisode im Jahr 2017 ernsthaft überzeugt war, die Erde sei eine Scheibe. In einer späteren Entschuldigung erklärt er seine frühere Ansicht damit, dass er von einem Beitrag zum nächsten klickte. Je mehr er sich mit der Flat-Earth-Theorie beschäftigte, desto mehr Inhalte wurden ihm dazu angezeigt, sodass er sie auch wegen der Vielzahl der für ihn subjektiv sichtbaren Befürworter für wahr hielt.

Fake News verbreiten sich in den sozialen Medien sechsmal schneller als die Wahrheit. Die Begründung liegt in unserer Menschlichkeit: Sie setzen auf unsere Emotionen und Empathie. An beidem mangelt es mir zwar im Diskurs um die Pandemie und vielen anderen die Meinungen spaltenden Themen, wenn es aber um Informationen geht, mag ich sie gern verifiziert, wie es sich für eine zuverlässige Berichterstattung gehört.


Wann, wie und wo ich diese dann konsumiere, liegt ganz bei mir.

3 Kommentare zu “Achtsam Medien konsumieren: Wie du zuverlässig informiert und emotional stabil bleibst

  1. Der Podcast “Der Tag” vom Deutschlandfunk berichtet jeden Abend ab 17h über nur 2 Themen. Dafür aber mit grosser Tiefe. Slow-food!

  2. Danke, sehr schön geschrieben und wichtig.

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