Die Freuden der Maschinenlosigkeit

Maschinen kaufen, verräumen und putzen nimmt Zeit in Anspruch. Die kann man auch in meditatives und kreatives Schaffen investieren.

Die Erfindung diverser Maschinen und Geräte wird meistens als Fortschritt dargestellt. Ich bin mir da allerdings nicht so sicher. Kaffee kochen zum Beispiel. Die gemeine Filterkaffeemaschine begegnet einem meistens nur noch bei Besuchen im Elternhaus. Im schlimmsten Fall wurde sie von einem Gerät für Kaffeekapseln abgelöst. Die Großstadt hingegen hat den Filterkaffee ohne Maschine wiederentdeckt.

Als nicht ausgezeichnete Feinschmeckerin in Kaffeeangelegenheiten, kam ich ein Leben lang sehr gut mit einer French-Press-Kanne zurecht. Seitdem ich in den wilden Osten auf‘s Land gezogen bin, ist aber sogar dieses Utensil unnötig geworden, denn hier trinkt man Cowboykaffee, auch als türkischer Kaffee bekannt. Bei der Bezeichnung handelt es sich nicht um eine Kaffeesorte, sondern um die Zubereitungsart, die mich aufgrund ihrer unschlagbaren Einfachheit direkt überzeugt hat:

Man löffelt etwas gemahlenen Bohnenkaffee in eine Tasse, übergießt das Pulver mit heißem Wasser und wartet einen kleinen Moment, bis es absinkt. Dann muss man paradoxerweise ein bisschen rühren, damit das restliche Pulver ebenfalls auf den Tassenboden hinabschwebt. Man hat kein Kaffeepulver zwischen den Zähnen und alles ist in Ordnung. Den Kaffeesatz kann man im Anschluss dem Kompost übergeben, für den Kaffeesatz eine tolle Zutat ist. Mich freut an dieser Methode, dass man nur eine Tasse, einen kleinen Löffel, Kaffee und heißes Wasser braucht. Das ist einfach, unkompliziert, unabhängig, kann nicht kaputt gehen und braucht niemals eine Reparatur. Muss nicht extra hergestellt, verfrachtet und gekauft werden.

„Ein weiteres Gerät, das nur eine einzige Sache kann.“

Wo immer sich auf Geräte mit Kunststoffgehäuse, Kabeln und Bedienungsanleitungen verzichten lässt, die nur einen einzigen Zweck erfüllen können, aber dauerhaft Platz benötigen, ist mir dieser Verzicht ein Vergnügen. Wenn ich mir einen frischen Orangensaft presse, dann tu ich das mit der alten Zitronenpresse aus Glas von meiner Oma. Als ich das letztens tat, erinnerte ich mich an die elektrische Orangensaftpresse, die meine Eltern hatten. Ein unansehnliches Kunststoffgerät, das einem die Arbeit abnehmen sollte, die Drehbewegung mit dem Arm zu machen, die das Auspressen einer Orange erfordert. Macht das Hervorholen des Geräts, das Einstöpseln, die Reinigung der verschiedenen Kunststoffteile nicht viel mehr Arbeit? Für den frischen Orangensaft schnappe ich mir die Zitronenpresse, wasche sie nach Gebrauch kurz ab und stell sie zurück. Bestechend einfach.

Auch das Eierkochgerät, das manche Menschen als ‚praktisch‘ bezeichnen, erscheint mir überhaupt nicht praktisch. Ein weiteres Gerät, das nur eine einzige

Sache kann, komplett aus Kunststoff besteht, Platz braucht und extra hergestellt, beworben, verkauft wird. Und wenn die Eier fertig sind, ein Geräusch von sich gibt wie ein Dampfschifftuten auf Hochsee. Was daran praktischer sein soll, als an einem Topf, einem großen Löffel und kochendem Wasser, verstehe ich nicht. Lauter Utensilien, die ich auch für viele andere Zwecke einsetzen kann, sind doch viel praktischer.

Ein paar wenige, universale Hilfsmittel nehmen so gut wie keinen Platz weg.

Häufig wird als Argument für die Verwendung diverser Geräte angebracht, dass sie es besser machen. Die Zähne werden mit der elektrischen Zahnbürste sauberer, die Eier sind vermeintlich perfekt. Die herkömmliche Art ist trotzdem gut genug. Es entsteht kein beträchtliches Leid durch gelegentliche zu harte oder weiche Eier und unsere Zahngesundheit kann auch ohne Elektrik gewährleistet werden.

„Ich will gar keine Zeit sparen.“

Für ein großes Bauprojekt hatte ich einen Freund an meiner Seite, der handwerklich sehr begabt ist und seine Kunst am liebsten auf altmodische Weise ausübt. Wo die meisten vermutlich elektrische Sägen, spezielle Maschinen und viele Winkel eingesetzt hätten, kamen wir extrem lange Zeit ohne Strom aus. Ich bekam einen Einblick in die faszinierend schlaue Welt von Holzverbindungen. Zwar dauerte alles sehr viel länger, aber dafür war es auch sehr viel leiser und vor allem ein sehr viel schöneres und angenehmeres Arbeiten. Die Geräusche einer Handsäge sind gemächlich und befriedigend, im Gegensatz zum Kreischen elektrischer Sägen, die einen Gehörschutz nötig machen. Auch Finger werden nicht ganz so schnell und unwiederbringlich verloren. So kam es, dass es zwar länger als unbedingt nötig dauerte, ich aber nun in einer kleinen Holzkiste im Garten sitze, in der ein Ofen brennt. Auf dem steht ein Wasserkessel, mit dem ich das Wasser für den Cowboykaffee erhitzen kann.

Eigentlich lernen wir schon ganz früh, uns mit den eigenen Händen perfekt weiterzuhelfen.

Gemüsebrühe kann man als Pulver kaufen oder selber machen. Das Gemüse kann man von einer Küchenmaschine zerkleinern lassen, oder mit dem Messer in winzig kleine Stückchen hacken. Ich will gar keine Zeit sparen. Ich verbringe sie ganz gerne damit, meine motorischen Fähigkeiten zum Einsatz zu bringen. In dieser Stunde kann ich mich nebenbei mit jemandem unterhalten, ein Hörbuch oder Musik hören, oder einfach voll und ganz in meiner manuellen Arbeit aufgehen. Warum sollte ich mir das sparen? Außerdem war die so hergestellte Gemüsebrühe eine Zeit lang mein wertvollster Besitz und Anlass für einen soliden Stolz.

„Mit unseren Händen können wir so viel mehr als Knöpfe drücken“

In Erfindungen, die mir angeblich Zeit und Arbeit ersparen, sehe ich in erster Linie: Fummelei mit Kabeln, Kreativität und Intellekt etwas beleidigt, Verschwendung von Geld, Platz, Ressourcen, schlussendlich: Müll. Total attraktiv hingegen scheint mir die Verwendung dessen, was bereits vorhanden ist, Utensilien, Verstand, Kreativität, Hände, Muskeln, Einübung verschiedener Fertigkeiten. Zu wissen oder sich einfallen zu lassen, wie etwas geht, anstatt ein künstliches Bedürfnis in sich erzeugen zu lassen. Mit unseren Händen können wir so viel mehr als Knöpfe drücken und Touchscreens berühren. Die vielfältigen taktilen Eindrücke und die Übung von Geschicklichkeit machen eigentlich Spaß. Es handelt sich nicht zwangsläufig um lästige und beschwerliche Arbeit, die unnötig Zeit verschlingt und möglichst vermieden werden sollte.

Was für Geräte benutzt du im Alltag? Welche machen dein Leben schöner, welche bei genauerer Betrachtung nicht?

Wie hast du Sachen gemacht, bevor es ein spezielles Gerät dafür gab?

Viele Arbeiten, die wir von Geräten erledigen lassen, eignen sich hervorragend als Achtsamkeitsübung: Zum Beispiel ein Brot zu backen und den Teig zu kneten, anstatt einen Brotbackautomaten zu benutzen oder eins zu kaufen. Welche Beispiele fallen dir ein?

2 Kommentare zu “Die Freuden der Maschinenlosigkeit

  1. Hallo Kathrin,

    Dein Artikel spricht mir aus dem Herzen. Ich habe vor ein paar Wochen meinen Kaffeevollautomaten abgeschafft und mahle nun die Bohnen wieder klassisch mit der Kaffeemühle. Ich hatte zuerst die Befürchtung, dass mir die Zeit “verloren” vorkommt. Aber das Gegenteil ist der Fall. Auf meine Nähmaschine (leider nicht mechanisch, sondern elektrisch) würde ich trotzdem nicht verzichten wollen 😉

    Viele Grüße
    Katharina

  2. Hallo,
    du sprichst mir aus der Seele. Auch ich bevorzuge das “Handwerk” gegenüber irgendwelchen Gerätschaften, deren Auf- und Abbau inkl. Reinigung doch genau soviel , wenn nich noch viel mehr Zeit erfordern. Dem Ergebnis bzw. Endprodukt ist definitiv eine viiel größere Wertschätzung gewiss.

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