Mindful ist das neue Geil

Mindful ist das neue Geil
8. August 2017 Theresa Lachner
mm
In Eine gute Idee


Seit ich meditiere, hat sich mein Sexleben tatsächlich geändert

Fünf Uhr morgens im niederbayrischen Hinterland. Einatmen, ausatmen, befehle ich den Stimmen in meinem Kopf, während sich in der dunklen Fensterscheibe etwas spiegelt, das aussieht, als wäre es aus der Irrenanstalt ausgebrochen und würde nun schon seit mehreren Tagen im Unterholz vor sich hin vegetieren. No beautification of the body, just purification of the mind, hat der Mönch zu mir gesagt. Aber worauf er keine Antwort hat: warum macht mich diese ganze Schweigeretreatnummer gerade eigentlich gerade so unfassbar…geil?

Kaum versuche ich, dem Monkey Mind seine impulsiven Quatschlaunen auszutreiben, gerate ich in die merkwürdigsten Zustände – von all dem Einatmen und Ausatmen bin ich inzwischen so shaky wie sonst nur kurz vorm Kommen. Sauerstoffüberschuss? „Just the subconscious freeing itself!“ lacht der Mönch, als ich ihn diskret über meine leicht zittrigen Zustände informiere. Was er nicht weiß: seit ich meditiere, hat sich mein Sexleben tatsächlich geändert.

Es ist, äh, zunächst mal deutlich weniger geworden. Wer so langsam durchschaut, wenn das Ego mal wieder einfach nur Blödsinn machen will, bringt sich nach dem fünften Gin Tonic dann doch lieber selbst ins Bett, anstatt noch auf nen Kaffee mit hoch zu kommen, um irgendein anderes besoffenes Ego zu streicheln.

Die immer gleichen Skripte aus Pornos überschreiben die eigenen Wahrnehmungen

Wahrscheinlich eher kontraproduktiv für meinen Sexpertenstatus, von dem gemeinhin angenommen wird, dass man ihn primär dadurch erreicht, 24 Stunden pro Tag auf der Suche nach dem krassesten neuen Kick zu sein.

Der beste Sextip aller Zeiten: „einfach mal freundlich nachfragen“

Orgasmus-Upgrade! 69 Tricks für den besten Sex Ihres Lebens! So bringen sie IHN um den Verstand! schreien die Cover der Frauenzeitschriften, für die ich manchmal schreibe. Obwohl ich mich konsequent und vehement dagegen wehre, Blowjobratgeber zu schreiben und stattdessen dafür plädiere, dass „einfach mal freundlich nachfragen“ der beste Sextip aller Zeiten ist, finde auch ich es manchmal schwierig, sich dieser hypernervösen Highperformancescheiße entziehen, die hier um uns herum passiert.

Eine Firma preist mir ihren neuen Vibrator an, der entfernt an ein Babyfiebermessgerät fürs Ohr erinnert aber in Wirklichkeit an der Klitoris saugt – der hätte bis jetzt aber noch JEDE Frau in unter drei Minuten zum Kommen gebracht. Öh, aha. Und das ist jetzt was Gutes…weil?

In Pornoworkshops erklären mir stinknormale Hipsterjungs, sie hätten inzwischen Probleme, mit richtigen Frauen einen hochzubekommen. Pornoinduzierte erektile Dysfunktion heißt übrigens der inzwischen eigens für dieses Phänomen erfundene Fachbegriff dafür.

Die immer gleichen Skripte aus Pornos überschreiben die eigenen Wahrnehmungen und das Hirn kommt nicht mehr darauf klar, wenn Frauen, die nicht von Beruf vögeln, anders aussehen und sich anders verhalten als im Film. Das pornografische Pseudo-Selbst ist der Realität auf einmal hilflos ausgeliefert. Kleine Statistik dazu am Rande: im Jahr 2015 wurden allein auf Pornhub rund 87.8 Milliarden Filmchen gestreamt – ja, das sind zwölf pro Erdbewohner. Allerdings haben nur 42% der Weltbevölkerung überhaupt Zugang zum Internet. Und wir erinnern uns kurz noch daran, dass es ja auch noch sehr, sehr viele andere Streamingplattformen gibt. Könnte es sein, dass wir ein Problem haben?

Alle wollen irgendeinen Life-Hack fürs Bett

Ich merke es an den Fragen, die mir auf Partys nach dem vierten Drink gestellt werden. Fragen, die klingen als sollte sie Dr. Sommer beantworten, aber von Menschen gestellt werden, die im Gegensatz zu mir komplett selber ihre Steuererklärung ausfüllen können. „Mein Kumpel behauptet, er könnte echt jede Frau zum Orgasmus bringen. Der lügt doch, oder? Oder sag mal, wie geht das?“ „Hast du vielleicht ein paar gute Blowjob-Tipps für mich? Ich hab echt voll Angst, da was falsch zu machen.“

Für die Körper unserer Liebsten gibt es keine Bedienungsanleitung

Alle wollen irgendeinen Life-Hack fürs Bett, mit dem auf einmal alles gut und easy wird. Woher kommt eigentlich dieser Wille zur Servicekultur? Medientheoretiker unken, dass wir uns so sehr mit Informationen zuballern, dass unsere Welt-Wahrnehmung irgendwann genauso wackelig wird wie die Erektionen oben zitierter Pornoconaisseure.

Das medial induzierte Paranoia-Syndrom: es macht uns impotent in Bezug auf die Wirklichkeit. Je mehr wir glauben zu wissen, umso weniger wissen wir. Und rasten bei der kleinsten Kleinigkeit aus, weil es nunmal weder fürs Leben noch für die Körper unserer Liebsten eine Bedienungsanleitung gibt, bei der wir durch gewissenhaftes Abarbeiten am Ende Treuepunkte kassieren.

Härter, schneller, tiefer und weiter bedeutet im
Zweifelsfall meistens nicht „besser“

Weil beim Sex nicht nur Schleimhäute sondern auch ganze Wertesysteme aufeinander krachen. Und Menschen nunmal nicht auf Knopfdruck funktionieren und manchmal sogar stinken. Und das ist was Wunderbares. Denn es eröffnet Raum für Kommunikation. Manchmal hilft einfach nichts außer „Mensch ey jetzt mach doch mal langsamer bitte, ich komm grad gar nicht klar.“ Denn nö, härter, schneller, tiefer und weiter bedeutet im Zweifelsfall meistens nicht „besser“.

Tatsächlich geht es meistens nicht ums Mehr, sondern ums Weniger. Ums Durchatmen. Gemeinsam langsamer werden. Hinfühlen und nachspüren, wirklich anwesend sein. Presence is the best Present. Und das gilt lustigerweise auch beim Blowjob. Wie verändert sich sein Atem? Bekommt er langsam hektische rote Flecken auf der Brust? Gönnt euch das Spektakel mit allen Sinnen. Einatmen und Ausatmen natürlich nicht vergessen. Denn nichts ist so geil wie der Moment.


Weitere Gastartikel zum Thema Achtsamkeit findest du in unserem Ein guter Plan 2017

Comment (1)

  1. Volker 1 Monat vor

    Wow. Da habe ich mich seit +10 Jahren mit Achtsamkeit beschäftigt und Tantra und Sexologie und wasweissichnoch – und dann kommt eine Autorin und haut so einen Text hin. Auf den Punkt. Ins Schwarze. Der Punkt ist: Weniger ist noch geiler.

Antwort hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*