Meine Reise in die Wiege der Achtsamkeit, oder: Wie ich inneren Frieden fand, den ich nicht gesucht hatte

Meine Reise in die Wiege der Achtsamkeit, oder: Wie ich inneren Frieden fand, den ich nicht gesucht hatte
12. Mai 2019 Jan Lenarz
In Eine gute Idee

Grün hinter und vor und neben den Ohren: Unser Autor Jan Lenarz

Wonach streben wir, wenn alles gut ist?

Meine kleine 1-Zimmer-Wohnung in Berlin ist seltsam still. Ein warmer Frühlingswind weht durch die Balkontür, lässt die Vorhänge tanzen und streift über einen Haufen Klamotten, Taschen, Schuhe und die Badehose, die noch nass vom indischen Ozean ist. Mein Rucksack hat sich über den Parkettboden erbrochen. Aufräumen und wegpacken ist jetzt nicht wichtig, nichts ist wichtig. Ich bin zurück aus Indien und merke, nicht nur die Wohnung ist seltsam still. Auch ich bin es. In meinem Kopf ruht ein See aus Frieden, Akzeptanz und Freude. Das habe ich so nicht bestellt.

Sieben Wochen war ich unterwegs und hatte keine Erwartungen an diese Reise. Ich wollte mich nicht selbst finden, wie viele in Indien. Das hatte ich vor exakt 20 Jahren schon mal dort versucht, fand damals aber nur Sonnenbrand und Magendarm. Dieses Jahr stand Indien nur auf dem Programm, weil eine Freundin auf einer Hochzeit in Kalkutta eingeladen war und der kleine Romantic Comedy-Fan in mir sich spontan selbst dazu eingeladen hat. „Bei 800 Leuten ist doch egal, ob ich auch noch da bin. Ich bin klein, merkt kein Mensch.“ Und etwas Sonne und ein paar Palmen reichen mir sonst auch.

Indische Hochzeiten sind lang und kompliziert

Aber dieser Urlaub war anders. Größer. Und nun sitze ich hier und würde mich noch wundern, wie groß. „Nichts ist wichtig“ sage ich leise zu mir selbst. Das war nicht die Einstellung, mit der ich zurückkehren wollte. Ich wollte mit Ideen, Kreativität und neuer Energie zurück nach Berlin kommen, wie man das halt so macht nach Urlauben. Und die habe ich auch, irgendwie, nur: Die Dinge, für die ich diese Energie einsetzen würde, erscheinen nicht mehr wichtig. Ist das dieser innere Frieden, den alle suchen? Wenn ja, macht er mir Angst. Denn wenn nichts mehr wichtig ist, wie soll man dann noch sein Leben führen? Kann ich so, in mir ruhend, noch an neuen Büchern arbeiten? Gespräche in Cafés führen? Zum Sport? Braucht es dafür nicht eine Motivation? Ein Wille etwas zu Erschaffen? Eine gewisse Unruhe, etwas verbessern oder erreichen zu wollen? Wonach streben wir, wenn alles gut ist, wie es ist?
Weil ich nichts mit mir anzufangen weiß, rolle ich meine Yogamatte aus. Nicht wie sonst, weil es Teil meines alltäglichen Wachwerdprogramms ist und weil es ja irgendwie gut für mich ist, sondern zum ersten mal, weil ich das möchte – ohne Ambition, ohne Erwartung an mich. Das fühlt sich so anders an, wie sich nun alles anders anfühlt.

Wachstum statt Wellness

„Lass alle Gedanken und alle Wünsche los. Perfektioniere deine Haltung, fokussiere dich auf jede Faser, jede Rotation jedes Gliedmaßes. Überwinde deinen Willen, es dir in jeder Position bequem zu machen. Jeder deiner Muskeln strebt weg vom Boden! Mit deiner verdammten Bequemlichkeit überwindest du auch jeden Schmerz, jeden nutzlosen Gedanken!“ ruft mir der Guru ins Gesicht, während er mir einen kräftigen Klaps auf den Hintern verpasst. So und so ähnlich habe ich die letzten Wochen in Rishikesh verbracht. Die Heimat des Yogas, die Wiege der Achtsamkeit im Himalaya, am Fuße des Ganges. In jeder Straße, hinter jeder Ecke, in jeder Gasse gibt es Yoga- und Meditationszentren. Aus jedem Winkel dringen Gesänge, Gebete und Weihrauch. Viel ist liebloses Standardprogramm für Tourist*innen, man erkennt diese Kurse an epischen Namen wie World Peace Yoga Center und aufwändigen Grafiken an den Fenstern. Die guten Lehrer*innen sind aber Geheimtipps. Versteckt in kleinen Winkeln am Ende der Stadt oder im 4. Stock von schäbigen Hotels. Nichts ist hier Wellness. Baustellen, das Hupen der Autos und die Handys der chinesischen Reisegruppe stören die Ruhe, aber es ist egal. Es geht hier nicht um Wellness, sondern um die Bezwingung des eigenen Körpers und inneren Wachstum durch Fokussierung auf den Körper und Atem.

 

Manchmal muss man sich verlaufen und verlieren um anzukommen

Ich bin der ungelenkigste Mensch der Welt und zerre mir schon mal einen Muskel beim Rechts und Links gucken, bevor ich die Straße überquere. Jetzt liege ich rückwärts über einen rostigen Metallstuhl, zwei Schülerinnen stehen auf meinen Füßen, zwei weitere ziehen an Gurten um meine Hüfte und der Lehrer zieht mit aller Kraft an meinen Schultern, während 30 Menschen um mich im Kreis versammelt sind. „Warum bist du so verkürzt?“ ruft er ungläubig, als er sich dann auf den Boden legt um mich mit seinen Füßen in die richtige Drehung zu bringen. Aber es funktioniert, ich verharre in der unmöglichsten Pose, die chinesische Reisegruppe klatscht und macht Fotos. Drei Stunden geht das so, jeden Morgen vorm Frühstück. Danach gibt es Obstsalate und Granatapfel-Smoothies und ich sitze mit meiner guten Freundin am Ganges, während wir über das Leben philosophieren oder uns über uns selbst lustig machen, weil wir mit den Tuk Tuk-Fahrern allen Ernstes um umgerechnet 10 Cent feilschen. Nachts schlafen wir wie Babys zum Rauschen des Flusses. Jeden Tag werde ich stärker, flexibler und gelassener. Bewegung, frische Luft und scharfe Currys ziehen mit in Rekordzeit jeden Gedanken an Berlin und meine Arbeit aus dem Kopf.

Bin ich erleuchtet oder einfach verblödet?

Die ersten Tage schreibe ich noch Ideen für neue Bücher auf, dann höre ich damit auf. Mein Job ist so weit weg und wird Tag für Tag unwichtiger. Nach sieben Wochen ist er weder Teil meiner Gedanken noch meiner Identität. Beim Yoga fragt mich eines Tages jemand, was ich zuhause mache und ich musste wirklich lange überlegen. „Ich weiß es gar nicht. Ich bin Grafiker. Ach nee, das ist schon ein paar Jahre her. Ich schreibe ab und zu.“ Meine Freundin protestiert: „Er hat den Bestseller zum Thema Achtsamkeit in Deutschland entwickelt und leitet einen Verlag.“ Ich beginne mir Sorgen zu machen. Kommt der Wille, wieder zu arbeiten wieder zurück, wenn ich wieder in Berlin bin? Werde ich jetzt zum spirituellen Yogi? Kann ich mich nach der Reise wieder in den urbanen Alltag integrieren?
Nein. Nein. Und nein. Zumindest gibt es gerade keine Anzeichen, dass ich diesen emotionalen Jetlag hinter mir lasse. Mein erster Tag im Büro ist unwirklich. Milena fällt es als erstes auf: „Du hast den Raum betreten und sofort war ich ruhig und entspannt. Dein Blick ist anders, eindringlicher. Was ist passiert?“ Ich weiß es nicht genau, aber die erste Stunde verbringe ich vorm Computer, dieses Gerät das ich solange nicht gesehen habe, ohne zu merken, dass meine Maus gar nicht angeschlossen ist. Ist das wirklich innerer Frieden oder bin ich einfach nur verblödet?

Auf dem Weg zum inneren Frieden

Jedenfalls ist etwas anders. Ich lösche fast alle Apps auf meinem Handy, ich brauch keine Ablenkung, keine Spiele und keine fünf News-Apps. Das ist alles unwichtiges Grundrauschen. Überhaupt brauche ich kaum etwas. Ich hatte so lange nur 10 Kleidungsstücke, nur Obst und Reis zum essen und war auch glücklich. Ich muss mich nicht mit Menschen treffen um mein Netzwerk zu vergrößern. Sieben Wochen hatte ich nur eine gute Freundin an meiner Seite und war glücklich. Ich muss nicht meiner Exfreundin schreiben, ob man es nochmal probiert. Ich muss dem Team kein Feedback zu ihrer Arbeit der letzten Wochen schreiben. Ich muss keine Regeln für unser neues Büro aufstellen. Egal. Egal. Egal.
Ich beleuchte dieses Gefühl. Es ist keine Apathie, sondern egal im Sinne von: Es ist gut so, wie es ist. Ich habe gerade sieben Wochen überlebt ohne viel zu haben. Ohne zu wissen, was heute noch passiert. Ohne zu wissen, warum der Zug jetzt seit acht Stunden still steht. Und das war alles gut so. „Indien hat einen besonderen Effekt. Es wirkt wie eine Schranke, hinter der der Rest der Welt unwirklich wirkt.“ sagte Tahir Shah mal. Und das scheint zu stimmen. Das ganze Zanken und Streben und Müssen zurück in Berlin wirkt so unnötig, wie kleine Kinder, die etwas wollen und dann noch mehr.

Liebe zeigt mir aber nicht den Weg zum Bahnhof

Ich schwebe also so durch die ersten Tage in Berlin und weiß nichts mit mir anzufangen. Freunde klagen mir ihre alten Sorgen, die nicht meine sind. Bekannte erklären mit in Bars, warum sie am liebsten nachts ihre Waschmaschine anmachen. Denn wer nach Berlin zieht und sich über Lärm beschwert soll leiden. Mit „Ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist, er schadet den anderen und dir noch viel mehr“ kann man keinen Blumentopf gewinnen, nachts in einer Bar in Berlin. Selten fühlte ich mich so deplatziert in dieser Welt.

Spiritualität vs. Berlin

Habe ich mich gefunden, wenn es sich doch eher anfühlt, als ob ich einen Teil von mir verloren habe? Und klingt das nicht alles wie ein abgehobenes Gebrabbel? Ambitionen und Wut, beides sorgt bei mir gerade eher für Unverständnis, so lange habe ich nichts davon verspürt. Aber so kann man nicht leben, oder? Langsam beginne ich mir Sorgen zu machen. Kann ich ernsthaft denken, dass ich negative Emotionen hinter mir gelassen habe? Ist das nicht eine arrogante, weltfremde Haltung? Ich erinnere mich an Hermann Hesses Siddharta. Er fühlt sich nicht Teil der Stadt, die Sorgen und Nöte der „Kindermenschen“ kommen ihm bemitleidenswert vor. Aber er ist Siddharta, der Brahmane, der Erleuchtete mit Weisheit im Herzen. Ich bin Jan, der Autor, der Tourist mit abgelaufenem Senf im Kühlschrank.

 

Wer in Indien Siddharta liest muss 5 Euro in die Klischee-Kasse stecken

Aber neben meiner Ablehnung von Wut und Empörung hat noch etwas zu dieser inneren Ruhe geführt. Ich habe endlich mal das Thema Spiritualität für mich ausformuliert. Mit Siddharta habe ich da eigentlich nur gemeinsam, dass wir beide glauben, dass man keine Erleuchtung durch die Lehren der Weisen bekommen kann. Man kann keinen Sinn im Leben und keine Wahrheit durch Gurus finden, denn alles muss aus einem selber kommen und die eigene Erleuchtung muss man erleben, nicht erlernen. Kein Ratschlag kann dabei helfen.

Der wichtigste Schritt auf dem Weg zur Kunst des Seins

Mir hat es aber nicht gereicht, das Thema hat mich beschäftigt und die letzten Wochen hatte ich Zeit, Klarheit darüber zu finden. An höhere Mächte, Energie oder auch nur an das Schicksal habe ich nie geglaubt. No gods, no masters war mein ganzes Glaubenskonzept und die damit einhergehende Freiheit von jeglicher spirituellen Autorität liebt der kleine Punk in mir. Meiner Meinung nach hatten andere auch nicht irgendwelche Geheimnisse entdeckt, die mir verschlossen blieben, sondern einfach nur vorgesetzte Glaubenssystem übernommen, ohne sich selbst etwas zu überlegen. Jede/r darf so spirituell sein wie sie/er mag, aber mir schienen alle Verfechter von Buddhismus, Taoismus oder auch Naturkraft nur eins: Unglaublich faul.
„Der wichtigste Schritt auf dem Weg zur Kunst des Seins umfasst alles, was kritisches Denken fördert. Es geht um persönliche Unabhängigkeit von irrationalen Autoritäten“ sagt Erich Fromm. Und so sehe ich es auch, aber dennoch. Ich hatte in Indien so viele Berührungspunkte mit Spiritualität, dass mich das Thema nicht losließ.

Es ist kein glamouröses Leben

Ich hatte für mich noch nicht final ausformuliert, woran ich glaube. Und sich den eigenen Nicht-Glauben aus Bruchstücken von Philosoph*innen und Wissenschaftler*innen zusammen zu basteln ist ebenso faul, wie sich den eigenen Glauben aus Buddha-Zitaten und Weisheiten aus Yogablogs zusammen zu schustern. Diese diffusen Glaubensrichtlinien können kurzfristig Halt in schweren Zeiten bieten, aber dieses Gefühl, dass man sich nicht sicher ist, woran man nun glaubt oder eben nicht, das scheint viele Menschen zu einen. Denn wir haben unsere Hausaufgaben nicht gemacht. Wir nehmen fremde Meinungen als unsere an, einfach weil sie sich gut anfühlen, und vertiefen diese dann jedes mal ein bisschen, wenn uns jemand mit der Gegenmeinung konfrontiert. Skeptiker werden skeptischer, wenn sie mit Esoteriker*innen sprechen, Esoteriker*innen werden esoterischer, wenn ihnen wissenschaftliche Studien unter die Nase gerieben werden. Das nennt sich der Backfire-Effekt. Aber so verfestige Glaubenssätze können doch nicht wirklich die Basis unseres Lebens und Handelns sein. Und in mir keimte eben das Gefühl, dass ich mit einer reinen wissenschaftlichen Einstellung auch nicht ganz zufrieden bin. Der Soziologe Dr. Dr. Joachim Kahl sagt, dass eine rein weltliche Einstellung ohne spirituelle Dimension armselig, steril und verkürzt auf Rationalismus sei. Spiritualität bedeutet für ihn eine „ein Gefühl umfassende innere Haltung zur Wirklichkeit, die auch nichtreligiös orientiert sein könne“. Und auch ich will und kann mein Leben nicht nur als Ablauf chemischer Prozesse ansehen. Das mag wissenschaftlich absolut korrekt sein, aber dabei bleibt eben dieses eine Gefühl auf der Strecke. Aber ich sage und meine eben auch „Ich liebe dich“ und nicht „Wegen Oxytocin sorgt deine Nähe für ein gutes Gefühl“. Wissenschaftlich mag das mit dem Bindungshormon Oxytocin stimmen, aber in diesem Moment hier spielt es einfach keine Rolle, welches Hormon an welchen Neurotransmitter andockt.

Erleuchtung durch Entspannung?

Ich halte das Leben an sich für so unglaublich, dass ich es gut als magisch bezeichnen könnte. Alles andere, jede Religion und jede kosmische Kraft ist für mich falsches Konstrukt, um das eigen Leben zu überhöhen, was meiner Meinung nach schlicht nicht nötig ist. Es ist auch so groß genug. Dies ist ein akzeptierendes, positives Grundgefühl, das man durch nichts in der Welt anderen Menschen beibringen kann. Es ist von mir für mich erschaffen. Es ist nicht konstant präsent, aber ich weiß, dass ich dieses gute Gefühl für mich abrufen kann, wenn ich mich darauf einlasse. Was nur geht, wenn ich mit mir im Reinen bin, auf meine Bedürfnisse achte und nach meinen Werten lebe. Yoga und Meditation ist für mich nur deswegen spirituell, weil ich mein eigenes, positives Gefühl nur abrufen kann, wenn ich vollkommen entspannt bin. Noch ein Grund, warum ich Stress nun noch mehr verachte. Stress macht nicht nur physisch unsere Gehirne kaputt, kann Depressionen und Angststörungen verursachen und verstärken, sondern stellt sich auch zwischen mich und meinen inneren Frieden. Meine Toleranz für Druck und Deadlines war schon immer klein, jetzt ist sie nicht mehr existent. Ich glaube fast, Erleuchtung und innerer Frieden sind vielleicht nur eine Abstinenz von Stress. Ich glaube auch deswegen sehen so viele Meditation als etwas heiliges: Es entspannt. Und das geht zum Glück an jedem anderen Ort der Welt, sogar in Berlin, Bottrop und Bielefeld. Das hoffe ich zumindest, denn ich will nicht mehr fliegen und niemandem einreden, dass man nur auf der anderen Seite der Welt die eigene Spiritualität leben kann.

Gezwungene Entschleunigung: Wenn der Zug acht Stunden stillsteht

Esoterik zieht Gräben zwischen mir und meiner Wahrheit

Deswegen bezeichne ich mich also als atheistischen Spiritualist, denn meine Spiritualität lehnt jede Form von größerer Macht ab. Für mich sind Chi, Chakren und Schicksal Ablenkungen von der Wahrheit. Jeder Glaube an eine größere Macht, an Sternzeichen, an kosmische Energie jeglicher Art zieht Gräben zwischen mir und meiner Wahrheit. Das macht mein Leben nicht lieblos und unbedeutend, im Gegenteil. Wenn mir der Yogalehrer von den indischen Legenden erzählt und die Kraft der Götter, die wir spüren sollen, dann lächle ich in mich und sage mir: „Wenn du wüsstest, wie viel schöner und reicher mein Leben ist, weil ich diese Mystifizierung ablehne.“ Für mich sind diese Legenden allenfalls ein visueller Anker für meine persönliche Anschauung, mehr nicht.

Die Wahrscheinlichkeit, dass du geboren wurdest ist eigentlich =0

Meine Spiritualität basiert neben meiner uneingeschränkten Selbstakzeptanz auf der schier ungeheuren Unwahrscheinlichkeit, dass ich überhaupt existiere und dass ich deswegen schon meine eigene Existenz extrem feiere. Die Tatsache, dass gerade ich lebe und ich ich bin: Wie verrückt ist das bitte? Selbst wenn ich das „nur“ als ungeheuren Zufall vom Urknall über die Evolution bis zu meiner Geburt sehe wird mir schon schwindelig. Das ist magisch an sich, auch rein naturwissenschaftlich betrachte. Es ist ja nicht nur die Tatsache, dass es mich nicht geben würde, wenn mein Vater meine Mutter nicht kennengelernt hätte, auch all die Generationen davor mussten genau in dieser Konstellation zusammenkommen, sonst wäre ich nie entstanden. Und davor musst erst mal überhaupt das Leben auf dieser Erde entstehen und exakt so ablaufen, wie es das tat. So viele Zufälle mussten genau so passieren, damit es mich gibt.
Dr. Ali Binazir hat berechnet, wie groß diese Wahrscheinlichkeit ist: 1 zu 102.685.000. Das ist eine 1 mit fast drei Millionen Nullen. Man kann also sagen, die Wahrscheinlichkeit, dass es mich (und dich) gibt ist eigentlich =0. Aber halt auch nur eigentlich.

Unverschämt besonders: Das Leben

Und weil wir diese Zahlen nicht greifen könne ist es natürlich reizvoll zu behaupten, dass das kein Zufall sein kann. Aber nur weil die Wahrscheinlichkeit eigentlich so gut wie 0 ist, bedeutet das nicht, dass es nicht sein kann. Wenn du mit einem Würfel eine 3 wirfst, dann klingt das nicht besonders. Die 3 denkt sich aber: „Wow, dass gerade ich das geworden bin?!“ Aber irgendwas muss herauskommen, wenn man einen Würfel wirft. Und irgendwas musste herauskommen als vor 14 Milliarden Jahren Materie, Raum und Zeit beim Urknall entstand. Das sind dann eben du und ich geworden. Glückwunsch! Der Urknall und alles danach ist für mich zwar nicht der Beweis für eine größere Macht und doch besonders ohne Ende. Und ganz ehrlich: Dass jemand diesen Zufall lieber religiös begründet kann ich immerhin nachvollziehen. Ich glaube aber, wir sind einfach die überraschte 3 aus dem Würfelbeispiel und sollten lieber diesen Zufall wertschätzen als eine Dankespostkarte an eine über uns stehenden Macht zu schreiben.

Darf ich mit Ihnen über Muhddhismus sprechen?

Der unesoterischste Schrein der Welt

Jetzt aber schnell zurück zu mir in meiner kleinen Wohnung. Denn all diese Gedanken helfen mir wenig im Alltag. Sie geben mir ein gutes Gefühl, wenn ich sie brauche, aber sie helfen nicht bei den kleinen Dingen des Lebens. Es ist ein theoretisches Konstrukt und meine atheistische Spiritualität kann im Alltag keine echte Rolle spielen. Es ist ein Ort an den ich gehen kann, wenn ich Leere oder den Drang nach etwas Größerem spüre. Ich bewege mich außer bei solchen Gedankenspielen eben nicht auf einer metaphysischen Ebene, sondern muss mich an Passwörter erinnern, damit ich die Rechnungsadresse meines E-Mail-Anbieters ändern kann, damit meine Buchhaltung nicht meckert. Das ist das wahre Leben, nicht die Theorien über die Unwahrscheinlichkeit, dass meine Eltern sich getroffen haben und heiß fanden.
Wir benutzen oft den Slogan „Ich muss erst mal gar nichts“ aber das stimmt natürlich nur so halb. Ich muss ja ganz viel! Ich muss arbeiten, muss auf meine Bedürfnisse achten, muss mich selbt verwirklichen und alles was noch zu einem guten Leben dazu gehört.

Auf der Suche nach Klarheit und Kaffee

Unser Leben ist ein konstanter Balance-Akt zwischen Terminen, Zielen, Anspannung und Freizeit, Bescheidenheit, Entspannung. Nur sind Termine konstant präsent und drücken mit aller Gewalt in unser Leben, während man Entspannung sehr aktiv Freiraum im eigenen Leben schaffen muss, damit sie sich ganz zaghaft und behutsam entfalten kann. Nur in diesem sehr zerbrechlichen Raum, der schon durch eine E-Mail in sich zusammenfallen kann, können wir ganz bei uns sein. Daran muss ich mich also gerade in kritischen Phasen besonders viel erinnern. Was nur mit Achtsamkeit geht, sonst merke ich gar nicht, dass ich schon wieder im Hamsterrad bin.
Der hilfreichste Tipp, den ich jemals bekommen habe war, dass man sein Konto am meisten checken muss, wenn man es am wenigsten will. Ich muss meine Finanzen also am meisten im Blick haben, wenn ich pleite bin. So ist es auch mit der mentalen Gesundheit. Je mehr Stress ich habe, je mehr negative Emotionen ich spüre, um so mehr muss ich in mich hineinhorchen und mich daran erinnern, Ausgleich zu schaffen.
Und wie kann ich mich konstant daran erinnern? Es klingt sicher widersprüchlich, aber sind Rituale und Schreine und all die Methoden von esoterischen Praktiken, die ich so oft belächle nicht eigentlich ein probates Mittel, sich auf das zu besinnen, was einem wichtig ist? Sollte ich mir vielleicht einfach einen Ort und eine Zeit einrichten, damit ich diesem guten Gefühl gedenken kann? Kann ich nicht von Buddhismus, Hinduismus und all den anderen klauen und ihre Methoden zweckentfremden, um bei mir und meinem Gefühl zu bleiben?

Schrein der Selbstliebe

Dass ich mich wieder dem Alltag stellen muss ist unausweichlich. Aber ich habe jedes Recht der Welt, mir etwas Raum zu geben mich an meine Reise, dieses glückliche Lebensgefühl zu erinnern und es wertzuschätzen. Und das funktioniert einfach sehr gut mit visuellen Ankern. Und so bin ich vielleicht der einzige Mensch, der mit Liebe für die Wissenschaft und einer rigorosen Ablehnung von Esoterik sich morgens kurz vor einem Schrein verneigt. Dort verneige ich mich nicht vor den Statuen und Bildern an sich, auch nicht vor dem, wofür sie eigentlich stehen, sondern vor mir, meinen Werten, und das, was ich in mir tragen möchte. Für die einen ist das vielleicht dann doch schon Esoterik, für die anderen ist es eine Anmaßung an ihre Spiritualität. Aber das spielt keine Rolle. Es ist mein eigenes kleines System zur Bewahrung eines guten Gefühls. Ein Gefühl, das ich erst durch diese Reise wirklich greifen konnte und dafür bin ich für immer dankbar.
Mit diesen Gedanken fahre zum ersten Meeting des Jahres. Mögen die Götter mir gnädig sein, oder eben nicht. Es ist egal.

 

Comments (12)

  1. Maggie 19 Stunden vor

    Ich muss mich den Vorschreiberinnen und -Schreibern anschließen – danke für diesen schönen, klugen und interessanten Bericht! Ich hatte ihn ein bisschen anders erwartet, denn eigentlich schreibst Du relativ wenig über Deine Reise an sich – aber das ist absolut großartig. Denn die Reise an sich ist das eine. Aber das Ankommen im Alltag die viel interessantere Geschichte, die selten Erwähnung findet, aber gerade bei solch tief berührenden Reisen das eigentliche Thema ist. Es müssen ja nicht immer die Indienreisen sein, die einem das Gefühl geben, hier im Alltag wieder schwer ankommen zu können. ;-)
    Danke dass Du Deine Gedanken und Gefühle mit uns geteilt hast. Ich kann mich da in einigem wiederfinden und Du hast einiges, was ich so empfinde, gut in Worte gepackt. Und das Beispiel mit dem leeren Konto ist so richtig und wichtig – danke dafür. Ich werde mir den Artikel gleich als Favorit speichern, den werde ich sicher noch öfter lesen. Und ich schließe mich Katharina an und würde eine Fortsetzung sehr begrüßen.

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