Mein Leben als Angsthase

Mein Leben als Angsthase
17. Oktober 2017 Lea Vogel
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In Eine gute Idee

Eine große Portion Kontrollbedürfnis

Ich habe mir schon immer viele Gedanken gemacht. Schon als Kind wollte ich immer die Welt verstehen und meinen Platz darin finden. Was jetzt beinahe philosophisch klingt, hat mir damals das Leben wirklich schwer gemacht. Das Gedankenmachen führte zum Grübeln und das ständige Grübeln nahm mir jede Menge Leichtigkeit. Und wenn die Leichtigkeit fehlt, bleibt die Kehrseite der Medaille übrig: eine große Portion Kontrollbedürfnis.

Während andere einfach mal machten, lag ich nachts wach und sorgte mich. Um das Leben, die Liebe, die Karriere und um mich und meinen Körper. Was, wenn ich einfach nicht genügte? Was, wenn doch alles ein schlechtes Ende nähme? Was, wenn die Selbstständigkeit in die Hose ginge und überhaupt: Was, wenn die Welt nicht gerade auf mich wartete? Was dann, hm? Weil die Worst-Case-Gedanken einfach unerträglich waren, wollte ich gegensteuern und auf Nummer sicher gehen. Wie? Genau. Indem ich sie mehr kontrollierte und eine wahre Perfektionistin wurde. Sport, Arbeit, Projekte, berufliche Reisen, Ehrenamt, (über-)gesunde Ernährung – kein Problem für mich. Es gelang mir, weil Nicht-Gelingen keine Option war. Obwohl ich theoretisch und fachlich begriff, dass ich all das aus der falschen Motivation heraus tat, konnte ich es dennoch nicht sein lassen. Ich fühlte nicht, dass es andere Möglichkeiten für mich gab. Manchmal wünschte ich fast heimlich, es würde ein großer Knall kommen und mich zum Umdenken zwingen.

Aber er kam nicht und das ist die Tücke daran: Wenn der große Knall kommt, brauchen wir einen Moment, um wieder auf die Beine zu kommen, sortieren uns dann aber häufig neu und nutzen unsere zweite Chance in vollen Zügen. Wenn jedoch alles unauffällig weiterläuft und der Leidensdruck so vor sich hindümpelt, sehen wir nicht, dass wir unser Leben neu ausrichten können. Wir sind Gefangene unseres eigenen Glaubensgerüsts. Ich war sicher: Ich bin und bleibe ein Angsthase.

Adieu Kopf, hello Bauch!

Weißt du, wie ermüdend es sein kann, wenn du begreifst, warum du etwas tust und es trotzdem nicht lassen kannst? Dass mein Perfektionismus und meine Grübeleien mir vermeintliche Sicherheit gaben und dementsprechend eine echte Funktion in meinem Leben hatten, wusste ich nun. Ich wollte sie ja auch nicht einfach nur verteufeln, weil ich längst verstand, dass sie mir immer dann halfen, wenn der Angsthase in mir (zu) groß wurde. Aber wenn ich sie weder durch die reine Erkenntnis besiegen noch verteufeln konnte – was konnte ich dann tun?

Elefanten hören auf ihr Bauchgefühl

Eines Abends lag ich im Bett und sah eine Dokumentation über Elefanten. Eine Elefantenmutter, die gerade ihr Neugeborenes verloren hatte, kehrte traurig, entkräftet und erschöpft von einer langen Reise zurück zu ihrer Herde. Ohne dass die anderen Tiere wissen konnten, was geschehen war, bildeten sie intuitiv einen Kreis um die Elefantenmutter und begannen, sie mit all ihren möglichen Mitteln zu trösten. Die Elefanten wussten, was zu tun war – ganz ohne darüber nachzudenken. Sie handelten aus dem Bauch heraus, nicht aus ihrem Kopf. Dieser eigentlich triviale Doku-Moment berührte mich sehr. In diesem Moment fühlte ich seit langer Zeit einmal wieder, was mein Kopf längst wusste: Wir Menschen haben diesen unschlagbaren, unerschütterlichen und wahnsinnig ehrlichen Kompass ebenfalls in uns. Manchmal können wir bloß nicht auf ihn zugreifen, weil er so tief in uns vergraben liegt und von anderen Dingen verschüttet wurde.

Excuse me, who is in the house?

Je mehr ich mich damit beschäftigte, desto häufiger sah ich, dass es nicht nur mir so ging. Um mich herum sorgten sich irgendwie alle und es schien den meisten schwer zu fallen, sich auf ihr Bauchgefühl zu besinnen. Allein das hatte meinen Mut entfacht. Wir waren ja schließlich nicht auf der Welt, um alles in Reih und Glied zu ordnen. Es musste doch auch für die Grübler wie mich Spontanität, Mut und Leichtigkeit geben. Ich stellte mir die Frage: Was also hält uns immer wieder davon ab, unsere Intuition und unseren Mut zu spüren? Warum vertrauen wir unserem Verstand mehr als unserem Bauch? Mir wurde klar: Neben dem Angsthasen musste es andere innere Anteile in mir geben, die mich immer wieder in alte, starre Gedankenmuster zogen. Aber wer genau meldete sich da immer lautstark in mir? Who else is in the house?

Das Unterwasserballett

Wer tanzt in deinem Unterbewusstsein?

Jetzt war ich völlig entfacht. Ich sah und bemerkte, dass meine Grübeleien einem Muster entsprachen. Da tobte ein ganzes Unterwasserballett in meinem Innern, das ich mir – Tänzer*in für Tänzer*in – genauer ansehen musste, um es auflösen zu können. Diese inneren Anteile in mir bewerteten jede Entscheidung, jedes Verhalten und jeden Plan. Falls es Dir auch so oder so ähnlich geht: Es wird höchste Zeit, sie aufzuspüren, damit du an dich und deinen so viel mutigeren Wesenskern kommst. Du glaubst gar nicht, wie leicht das Leben sein kann, wenn du das Unterwasserballett erst einmal durchschaut und zerschlagen hast!

Wer tanzt hier?

Der Tyrann
Ich gebe zu, das klingt richtig fies. Ist es auch. Der Tyrann ist der Haupttänzer, wenn man so will. Er gibt dir Glaubenssätze vor und bestimmt, wie die Welt zu sein hat und vor allem: wie du dich in ihr zu verhalten hast. Die Stimme des Tyrannen hörst du selten direkt. Sie schwingt viel eher unterschwellig überall mit. Mal angenommen, der Tyrann würde dir ständig subtil ins Ohr flüstern: „Man muss perfekt und immer freundlich sein, um geliebt zu werden.“ Was glaubst du, wie locker du Entscheidungen treffen würdest? Eben. Die erste Herausforderung ist also: Erkenne deinen Tyrannen und leg seine Machenschaften frei. Je präziser, desto besser.

Die Kritikerin
Wir kennen ihn alle. Für mich ist er der Pedant unter den Tänzer*innen. Natürlich zieht er am selben Strang wie der Tyrann – er möchte auch verhindern, dass du an dein wahres Potenzial kommst. Deshalb lässt er dich immer peinlich genau wissen, wenn du dich nicht an die Regeln des Tyrannen gehalten hast. Bleiben wir bei unserem Beispiel: „Man muss also perfekt und immer freundlich sein, um geliebt zu werden.“ Und du tust etwas, das nicht perfekt und vielleicht sogar riskant ist. Rate mal, wer sich dann meldet. Jap. Kritiker: „Du bist so peinlich. Glaubst du ernsthaft, dass dich nach diesem Fehler noch jemand ernst nimmt? Hör auf zu träumen und mach deine Arbeit!“ Der Kritiker wird gern dann laut, wenn du gerade dabei bist, deine gewohnten Mauern zu durchbrechen.

Last but not least: Der Angsthase
Der Angsthase unter den Tänzer*innen gehört zum Dreiklang der Saboteur*innen. Auch er möchte dich vor deinem wahren Potenzial schützen und dich klein und angepasst halten. Der einzige Unterschied: Er kommt in einem schönen Gewand. Während die anderen beiden die Sprach-Peitsche schlagen, wirkt der Angsthase beinahe freundlich und positiv besorgt. Um bei unserem Beispiel zu bleiben, würde der Angsthase vielleicht so etwas sagen: „Ok, ich verstehe. Eigentlich willst du keinen Chef mehr haben und dich selbstständig machen. Du willst dich durchsetzen und für dich einstehen. Aber du weißt ja, das ist alles auch kraftintensiv. Wie wärs, wenn du dich dieses Mal noch zurückhältst? Dann vermeidest du Streit, alles bleibt beim Alten und du trittst niemandem auf den Schlips. Sicherheit ist besser als Risiko.“

Diese drei haben mir das Leben ganz schön schwer gemacht. Natürlich ist das komplexe Zusammenspiel in der Realität nicht immer so 1:1 übersetzbar. Aber du kannst lernen, dich und deine inneren Anteile zu hören, ohne ihnen direkt folgen zu müssen. Für mich hat sich dadurch mein Leben verändert. Ich weiß, das klingt pathetisch, aber hej, für mich ist das ein Grund zum Feiern. Ich habe dadurch nicht nur meinen Mut wiederentdeckt, sondern auch die Vielfältigkeit meiner Seele bemerkt. Seit ich das Unterwasserballett beendet habe, fühle ich mich wohl in mir und meinem Körper. Und meine Grübeleien bestimmen mich nicht mehr. Auf uns. Auf das Leben! Denn du hast sehr viel mehr Macht als du denkst.

Dies ist einer von elf Gastartikeln aus Ein guter Plan 2018

Comments (6)

  1. ina 1 Jahr vor

    Chapeau!!!
    Sehr gut ge- und beschrieben!
    Mein “Gedankenkarussell” hat jetzt vor fast genau 2Jahren voll überdreht und es/ich wurde dann ganz schön heftig ausgebremst…war nicht lustig aber, kann ich jetzt sagen, echt nötig!
    Eine Balance zwischen Kopf und Bauchgefühl zu finden ist extrem schwer, weil der Mensch tatsächlich verlernt hat auf sein Bauchgefühl/Instinkt zu hören und sich darauf zu verlassen, aber es lohnt sich wirklich daran und an sich zu arbeiten!
    Super Texte, Lea!
    P.S. Lustig, von Dir Texte zu lesen, da ich dich schon als kleines Mädchen von früher kenne, über deine Schwester.
    LG aus dem Rheingau!

    • Lea 1 Jahr vor

      <3

  2. Liebe Lea,
    tut gut, wenn jemand – Du! – dieses komplexe Zusammenspiel auf so anschauliche Weise schildert. Es tut auch gut Unterstützung und eine Art “Anleitung” beim Hinschauen und Hinhören zu mir selbst zu haben -in meinem Fall: Coaching.
    Was mir immer auch hilft, ist den Ursprung – die Entstehungsgeschichte – der “TänzerInnen” zu verstehen . . denn das bin auch Ich. Meine TänzerInnen gehören meistens zu meinem System, sind übernommen worden oder aus angstvollen Situationen heraus kreiert worden, um mich scheinbar zu schützen. Und dann habe ich vergessen sie wieder los zu lassen oder zurück zu geben. Das kann man aber Gott – oder wem auch immer ;-) – sei dank, jederzeit nachholen!
    Was mir dabei sehr hilft ist die CoreCoaching Methode und das (Hin)Hören auf meine Freundin – so eine Art spirituelle Lehrerin in mir – quasi meine Seele . . oder göttliches Selbst? . . She the elephant.
    Danke für´s immer wieder von Dir lesen können und liebe Grüße!
    Susa

    • Lea 1 Jahr vor

      Liebe Susa,

      ich danke dir, du schlauer Mensch! <3

  3. Julia 1 Jahr vor

    Liebe Lea,
    vielen Dank für diesen tollen Artikel! Meiner Meinung nach hast du damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Sich seiner inneren Anteile bewusst zu werden ist der erste Schritt. Diese herauszuarbeiten und konstruktiv mit ihnen umzugehen, stellt für mich im Alltag aber immer wieder eine Herausforderung dar. Es freut mich, dass du für dich einen guten Umgang mit deinen inneren Anteilen gefunden hast. Das macht Mut!

    • Lea 1 Jahr vor

      Liebe Julia,

      es berührt mich sehr, was du sagst. Schön, dass es Mut macht – denn genau das ist es, was wir brauchen. Mehr Mut, um uns von alten Fesseln freizuschlagen.

      Von Herzen,
      Lea

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